Artikulieren in der Medizin: Drei Bedeutungen

Artikulieren in der Medizin: Drei Bedeutungen

Artikulation bedeutet in der Medizin drei verschiedene Dinge: die Verbindung von zwei oder mehr Knochen zu einem Gelenk, die Bildung der einzelnen Laute beim Sprechen, und in der Zahnmedizin das Zusammenspiel der Zähne, während sich der Unterkiefer bewegt. Keine dieser drei Bedeutungen ist die eigentliche oder die richtige, sie gehören zu drei verschiedenen Fachgebieten und stehen gleichberechtigt nebeneinander.

Welche davon in deinem Befund gemeint ist, verrät fast immer der Satz drumherum. Die Wörter direkt neben der Artikulation sagen dir also, aus welcher Welt der Satz stammt.

Woran du erkennst, welche Bedeutung gemeint ist

Dass ein einziges Wort für so unterschiedliche Dinge steht, wirkt zunächst willkürlich, hat aber einen gemeinsamen Ursprung. Das lateinische articulus heißt kleines Gelenk oder Glied, und das Verb articulare bedeutet gliedern, etwas in einzelne Teile zerlegen und deutlich voneinander absetzen. Aus dieser einen Grundidee des Gegliederten sind über die Jahrhunderte drei getrennte Fachbegriffe geworden.

Am zuverlässigsten ordnest du das Wort über seine Nachbarn ein. Stehen im selben Absatz Knochennamen, ein Gelenkspalt oder Ausdrücke wie Fehlstellung oder Verrenkung, geht es um ein Gelenk, und der Text stammt meist aus dem Bericht zu einer Aufnahme aus dem Körperinneren. Tauchen dagegen Wörter wie verwaschen, undeutlich, Sprechen, Logopädie oder Schlaganfall auf, ist die Lautbildung gemeint, und der Bericht kommt aus der Neurologie oder der Logopädie, also der Behandlung von Sprech- und Sprachstörungen. Ist von Krone, Zahnersatz, Prothese, Biss oder Einschleifen die Rede, geht es um die Zähne.

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Artikulation im Gelenk: wo Knochen aufeinandertreffen

In der Anatomie ist eine Artikulation nichts anderes als ein Gelenk, also die Stelle, an der zwei oder mehr Knochen beweglich miteinander verbunden sind. Das passende Verb ist artikulieren: Zwei Knochen artikulieren miteinander, wenn sie gemeinsam ein Gelenk bilden. Im Knie treffen auf diese Weise der Oberschenkelknochen und das Schienbein aufeinander, dazu kommt die Kniescheibe, die vorn in einer Rinne des Oberschenkelknochens gleitet. Ein Bericht, der von der Artikulation im Kniegelenk spricht, meint genau dieses Aufeinandertreffen.

Häufig liest man dazu von artikulierenden Gelenkflächen. Gemeint sind die beiden Flächen, mit denen sich die Knochen berühren und gegeneinander bewegen. Sie sind mit Knorpel überzogen, einer glatten, elastischen Schicht, die als Puffer wirkt und dafür sorgt, dass die Knochen fast reibungslos aneinander vorbeigleiten.

Was regelrecht an dieser Stelle bedeutet

Steht in einem Bildbefund, die Artikulation sei regelrecht, bezieht sich das ausschließlich auf das, worüber der Satz spricht: die Stellung der beiden Gelenkpartner zueinander. Die Knochen stehen also so, wie sie stehen sollen, ohne Verrenkung und ohne grobe Fehlstellung. Das sagt aber nichts über den ganzen Körperteil aus und schon gar nichts über die Beschwerden, die jemand hat.

Wie viel darüber hinaus beurteilt wurde, hängt vom Verfahren ab. Ein Röntgenbild bildet vor allem Knochen ab, während sich Knorpel, Bänder und Sehnen darauf nur indirekt erahnen lassen. Eine Magnetresonanztomografie, kurz MRT, eine Untersuchung mit einem starken Magnetfeld statt mit Röntgenstrahlen, zeigt auch diese weichen Strukturen. Und Schmerz lässt sich auf keinem Bild sehen: In einer Studie an Menschen mit Kniearthrose, also Gelenkverschleiß im Knie, passten Röntgenbefund und empfundener Schmerz nur mäßig zusammen, manche hatten deutliche Veränderungen im Bild und wenig Beschwerden, andere starke Schmerzen bei unauffälligem Bild.

Wenn es um das Sprechen geht

Beim Sprechen meint Artikulation das Formen der einzelnen Laute, also die feine Arbeit von Lippen, Zunge, Gaumen und Kiefer, die aus einem Luftstrom verständliche Wörter macht. Alles muss dabei in Sekundenbruchteilen zusammenspielen, und schon eine leichte Störung in dieser Steuerung hört man sofort.

Verwaschene Artikulation im Bericht

Verwaschen ist das Wort, das Ärztinnen und Ärzte für undeutliches, verschliffenes Sprechen benutzen, so als würden die Laute ineinanderlaufen. Steht das im Bericht, ist das ein Hinweis auf eine Dysarthrie, eine Störung der Sprechmotorik. Nach der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie entsteht sie, wenn Nerven oder Muskeln, die Atmung, Stimme und Lautbildung steuern, geschädigt sind. Das kann nach einem Schlaganfall auftreten, ebenso bei Parkinson oder Multipler Sklerose. Vieles davon lässt sich mit logopädischer Behandlung gezielt üben.

Tritt undeutliche Sprache dagegen plötzlich auf, innerhalb von Minuten oder Stunden, ist sie ein Warnzeichen für einen Schlaganfall, vor allem zusammen mit einem hängenden Mundwinkel, einem kraftlosen Arm oder Sehstörungen. Dann zählt jede Minute, und der richtige Weg ist der Notruf 112, nicht der Termin beim Hausarzt.

Sprechen ist nicht dasselbe wie Sprache

Diese Unterscheidung wird im Alltag oft vermischt, im Bericht steht sie aber ganz bewusst. Bei einer Dysarthrie ist nur das Sprechen betroffen, also die motorische Ausführung. Wortfindung, Satzbau, Verstehen, Lesen und Schreiben bleiben erhalten, wenn sie allein auftritt. Wer davon betroffen ist, weiß also genau, was er sagen will, und findet auch die richtigen Wörter, bekommt sie nur nicht sauber heraus.

Bei einer Aphasie ist dagegen die Sprache selbst betroffen. Wörter fallen nicht ein, Sätze geraten durcheinander, und auch Verstehen, Lesen und Schreiben können leiden. Beides kann gemeinsam vorkommen, etwa nach einem Schlaganfall, und deshalb steht im Bericht oft beides sauber getrennt nebeneinander.

Artikulation in der Zahnmedizin

In der Zahnmedizin beschreibt Artikulation, wie die Zähne von Ober- und Unterkiefer einander berühren, während sich der Unterkiefer bewegt, also beim Kauen, beim Mahlen und beim Sprechen.

Okklusion oder Artikulation: der Unterschied

Davon unterschieden wird üblicherweise die Okklusion, der Schlussbiss: Sie beschreibt, wie die Zähne aufeinandertreffen, wenn der Kiefer stillsteht und man einfach zubeißt. Ganz trennscharf wird diese Grenze im Fach allerdings nicht immer gezogen, mehrere dieser Begriffe wurden über die Jahrzehnte unterschiedlich definiert. Wenn im Bericht offenbleibt, was gemeint ist, ist die Frage danach also berechtigt und keineswegs naiv.

Spürbar wird der Unterschied vor allem bei neuem Zahnersatz. Eine Krone kann im ruhigen Biss perfekt passen und trotzdem stören, sobald der Kiefer sich seitlich bewegt, weil sie dann als erste aufsetzt. Genau dafür gibt es den Artikulator, ein Gerät im zahntechnischen Labor, das die Kiefer der Patientin oder des Patienten mitsamt ihren Bewegungen nachbildet, damit der Zahnersatz nicht nur im Stehen, sondern auch in Bewegung passt.

Was sich beim nächsten Termin klären lässt

Fachwörter aus Befunden werden von Patient:innen häufig anders verstanden, als sie gemeint sind, und Rückfragen sind für die Praxis Routine. Wenn ein Bildbefund die Artikulation als regelrecht beschreibt, die Beschwerden aber bleiben, ist die passende Frage, ob mit dieser Aufnahme nur die Knochenstellung beurteilt wurde oder auch Knorpel und Bänder, und ob eine ergänzende Untersuchung sinnvoll wäre. Geht es im Bericht um das Sprechen, ist es die Frage, ob nur die Lautbildung betroffen ist oder auch das Sprachverständnis, und ob eine logopädische Behandlung geplant ist. Und im zahnärztlichen Bericht genügt oft die schlichte Nachfrage, ob vom ruhigen Biss oder von den Bewegungen die Rede ist.

Quellen

The Glossary of Prosthodontic Terms 2023: Tenth Edition. The Journal of Prosthetic Dentistry. 2023;130(4 Suppl 1):e7–e126. DOI: 10.1016/j.prosdent.2023.03.002.

Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Neurogene Sprechstörungen (Dysarthrien). S1-Leitlinie, AWMF-Register-Nr. 030/103, 2018. Quelle.

Türp JC, Hasanoğlu Erbaşar GN. Shifting definitions in dentistry: a source of clinical confusion. A critical review. Quintessence International. 2025;56(9):772–778. DOI: 10.3290/j.qi.b6541896.

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Finan PH, Buenaver LF, Bounds SC, Hussain S, Park RJ, Haque UJ, et al. Discordance between pain and radiographic severity in knee osteoarthritis: findings from quantitative sensory testing of central sensitization. Arthritis and Rheumatism. 2013;65(2):363–372. DOI: 10.1002/art.34646.

BITTE BEACHTEN

Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und kann nicht das persönliche Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt ersetzen. Für eine individuelle Diagnose, Therapieempfehlung und Behandlung konsultieren Sie bitte immer medizinisches Fachpersonal.

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