Was das Wort regelrecht in einem Befund heißt
Im Alltag benutzen wir regelrecht als Verstärkung, wenn wir von einem regelrechten Sturm oder einer regelrechten Katastrophe sprechen. In einem medizinischen Bericht ist das Wort genau andersherum gemeint, nämlich beruhigend: Es steht für unauffällig, erwartungsgemäß, ohne Abweichung vom Normalen. Ein regelrechter Befund ist also kein besonders gutes Ergebnis und kein Lob, sondern schlicht die knappe Art zu sagen, dass an dieser Stelle nichts Auffälliges zu sehen war.
Dass gerade solche Wörter regelmäßig missverstanden werden, ist gut untersucht. Eine Auswertung von 2024, die mehrere Untersuchungen zu radiologischen Befunden aus Sicht der Patient:innen zusammenfasst, kommt zu dem Ergebnis, dass Fachjargon der häufigste Grund für Fehldeutungen ist, vor allem bei Wörtern, die in der Alltagssprache etwas anderes bedeuten als im Befund.
Worauf geschaut wird, wenn die Artikulation beurteilt wird
Beurteilt wird an dieser Stelle die Stellung der beteiligten Knochen zueinander. Ist ein Knochen vollständig aus dem Gelenk gerutscht, heißt das Luxation, also Verrenkung oder umgangssprachlich Auskugeln. Ist er nur teilweise verschoben und steht nicht mehr sauber in seiner Führung, spricht die Fachsprache von einer Subluxation. Auch eine gröbere Fehlstellung, etwa nachdem ein Knochen in der Nähe des Gelenks gebrochen ist, würde hier auffallen. Steht im Befund regelrechte Artikulation, ist von all dem nichts zu sehen.
Häufig folgt kurz darauf noch ein eigener Satz zum Gelenkspalt, also zu dem schmalen Streifen zwischen den beiden Knochen, in dem der Knorpel liegt. Das ist bereits eine andere Aussage und nicht mehr Teil des Wortes Artikulation.
Regelrechte Artikulation in den einzelnen Gelenken
Der Satz kann bei jedem Gelenk stehen, das auf der Aufnahme zu sehen ist, und oft wird er um ein lateinisches Wort für die beiden beteiligten Knochen ergänzt. Diese Zusätze klingen fremd, meinen aber jeweils nur, welche zwei Knochen gemeint sind.
Regelrechte Artikulation im Hüftgelenk
Die Hüfte besteht aus dem Hüftkopf, dem kugeligen oberen Ende des Oberschenkelknochens, und der Hüftpfanne im Becken. Regelrechte Artikulation in beiden Hüftgelenken heißt, dass beide Hüftköpfe mittig und vollständig in ihren Pfannen sitzen. Statt Hüftgelenk kann auch coxofemoral dastehen, gebildet aus den lateinischen Namen für Hüfte und Oberschenkelknochen; gemeint ist dasselbe. Nach einem Sturz oder bei einer Kontrolle nach dem Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenks ist genau das oft die Frage, die die Aufnahme beantworten soll.
Regelrechte Artikulation im Kniegelenk
Das Knie besteht aus zwei Teilgelenken, und der Befund benennt sie gern einzeln. Femorotibial meint den Oberschenkelknochen gegenüber dem Schienbein, also den tragenden Hauptteil des Knies, während femoropatellar die Kniescheibe meint, die beim Beugen und Strecken in einer Rinne am unteren Ende des Oberschenkelknochens gleitet. Regelrechte femorotibiale Artikulation heißt, dass Oberschenkelknochen und Schienbein sauber aufeinander stehen und nicht gegeneinander verschoben sind. Regelrechte femoropatellare Artikulation heißt deshalb, dass die Kniescheibe auf der Aufnahme mittig in ihrer Führung steht und weder zur Seite abgewichen noch herausgesprungen ist. Ob sie auch beim Beugen und Strecken sauber gleitet, lässt sich an einem einzelnen Bild nicht ablesen; dafür braucht es besondere Aufnahmen oder eine Untersuchung des Knies. Geprüft wird die Stellung im Knie vor allem nach einem Sturz auf das Gelenk oder wenn die Kniescheibe schon einmal herausgesprungen ist.
Regelrechte Artikulation im Schultergelenk
Die Schulter ist sehr beweglich, weil der Oberarmkopf in einer eher flachen Pfanne am Schulterblatt liegt, ungefähr wie ein Ball auf einem Teller. Regelrecht heißt hier, dass der Oberarmkopf zentriert in dieser Pfanne steht. Der Fachausdruck dafür ist glenohumerale Artikulation, zusammengesetzt aus den lateinischen Namen für die Gelenkpfanne und den Oberarmknochen. Geprüft wird das vor allem, nachdem die Schulter ausgekugelt war oder wenn der Verdacht darauf besteht. Über die Rotatorenmanschette, also die Muskelsehnen, die den Oberarmkopf in der Pfanne führen und die bei Schulterschmerzen oft die eigentliche Ursache sind, sagt dieser Satz nichts.
Regelrechte Artikulation im Fuß und Sprunggelenk
Am Fuß gibt es viele kleine Gelenke, und der Befund benennt meist eines davon. Das obere Sprunggelenk, im Befund talokrural genannt, wird vom Sprungbein und der Gabel gebildet, die Schienbein und Wadenbein gemeinsam darüber bilden. Regelrechte Artikulation bedeutet dort, dass diese Gabel eng und gleichmäßig um das Sprungbein steht, was besonders nach einem Umknicken oder einem Bruch am Knöchel geprüft wird. Darunter sitzt das untere Sprunggelenk zwischen Sprungbein und Fersenbein, im Befund subtalar genannt. Auch die Zehengelenke können so beschrieben werden, etwa auf einer Aufnahme wegen eines schief stehenden großen Zehs.
Was der Satz nicht aussagt
Der Satz beschreibt die Stellung der Knochen, und damit endet seine Aussage. Ob der Knorpel abgenutzt ist, ob ein Band gerissen oder eine Sehne gereizt ist, ob es weh tut: dazu sagt dieser eine Satz nichts. Das heißt allerdings nicht, dass die Aufnahme das nicht zeigen könnte. Ein Röntgenbild stellt vor allem Knochen dar, eine MRT bildet auch Knorpel, Bänder und Sehnen ab. Was dort zu sehen war, steht dann an anderer Stelle im Befund, in eigenen Sätzen und meist noch einmal zusammengefasst am Ende.
Beschwerden und Bild passen ohnehin nicht immer zusammen. Eine einzelne Studie aus dem Jahr 2013 an Menschen mit Kniearthrose fand nur einen mäßigen Zusammenhang zwischen dem, was auf dem Röntgenbild zu sehen war, und dem Schmerz, den die Teilnehmenden angaben: Manche hatten deutliche Veränderungen und kaum Beschwerden, andere starke Schmerzen bei unauffälligem Bild. Ein regelrechter Befund entwertet also keine Beschwerden.
Wenn im Bericht das Sprechen gemeint ist
Artikulation heißt in der Medizin nicht nur Gelenkverbindung. In einem neurologischen oder logopädischen Bericht steht dasselbe Wort für die Lautbildung beim Sprechen, also dafür, wie deutlich jemand einzelne Laute formt. Regelrechte Artikulation heißt dann, dass die Aussprache deutlich und unauffällig ist. Erkennen lässt sich das an den Nachbarwörtern: Geht es ringsum um Sprechen, Stimme, Schlucken oder einen Schlaganfall, ist diese Bedeutung gemeint, und undeutlich oder verwaschen wäre dort das Gegenteil. Eine undeutliche Aussprache, die durch eine Erkrankung von Gehirn oder Nerven entsteht, nennt die Fachsprache Dysarthrie.
Ein drittes Mal taucht das Wort in der Zahnmedizin auf, wo es beschreibt, wie die Zähne beim Kauen und beim Bewegen des Unterkiefers aufeinandertreffen. Rund um den Bildbefund eines Gelenks sind diese beiden anderen Bedeutungen aber der Ausnahmefall.
Was sich beim nächsten Termin klären lässt
Aus dem Satz allein ergibt sich kein Handlungsbedarf, denn er benennt den unauffälligen Teil der Aufnahme. Interessant wird er erst, wenn trotzdem Beschwerden bestehen. Dann lohnt die gezielte Frage, ob mit der gewählten Untersuchung nur die Stellung der Knochen beurteilt wurde oder auch Knorpel, Bänder und Sehnen, und ob eine ergänzende Untersuchung sinnvoll wäre, etwa eine MRT oder eine körperliche Untersuchung des Gelenks. Genauso hilfreich ist die Frage, welcher Satz im Befund sich denn nun auf die Beschwerden bezieht, weil die entscheidende Aussage oft ein paar Zeilen weiter unten oder erst in der Zusammenfassung steht.
Quellen
van der Mee FAM, Ottenheijm RPG, Gentry EGS, Nobel JM, Zijta FM, Cals JWL, et al. The impact of different radiology report formats on patient information processing: a systematic review. European Radiology. 2024;35(5):2644–2657. DOI: 10.1007/s00330-024-11165-w.
The Glossary of Prosthodontic Terms 2023: Tenth Edition. The Journal of Prosthetic Dentistry. 2023;130(4 Suppl 1):e7–e126. DOI: 10.1016/j.prosdent.2023.03.002.
Finan PH, Buenaver LF, Bounds SC, Hussain S, Park RJ, Haque UJ, et al. Discordance between pain and radiographic severity in knee osteoarthritis: findings from quantitative sensory testing of central sensitization. Arthritis and Rheumatism. 2013;65(2):363–372. DOI: 10.1002/art.34646.
Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Neurogene Sprechstörungen (Dysarthrien). S1-Leitlinie, AWMF-Register-Nr. 030/103, 2018. Quelle.