Was ein Mesotheliom genau ist
Das Mesothel ist eine hauchdünne Gleitschicht, die Lunge, Herz und Bauchorgane umhüllt, damit sie sich reibungslos bewegen können. Ein Mesotheliom ist ein bösartiger Tumor, der aus genau dieser Schicht hervorgeht. Meist sitzt er im Brustraum am Brust- und Lungenfell (Pleura), deshalb ist das Pleuramesotheliom die weitaus häufigste Form. Deutlich seltener entsteht der Tumor am Bauchfell (Peritoneum) oder, in Ausnahmefällen, am Herzbeutel.
Unter dem Mikroskop unterscheiden Ärztinnen und Ärzte verschiedene Feinformen, und sie verraten viel über den Verlauf. Der epitheloide Typ ist der häufigste und hat von den drei Formen die vergleichsweise günstigste Prognose. Der sarkomatoide Typ ist seltener und wächst aggressiver, sodass der Verlauf hier ungünstiger ausfällt. Die biphasische Form vereint Anteile von beidem, und entsprechend liegt sie zwischen den anderen. Welcher Subtyp vorliegt, sagt die Gewebeprobe, und diese Information fließt in jede Therapieentscheidung ein.
Warum Asbest die Hauptrolle spielt
Die mit Abstand wichtigste Ursache ist der Kontakt mit Asbest. Winzige Asbestfasern werden eingeatmet, setzen sich in der Lunge und am Brustfell fest und können dort über sehr lange Zeit Schaden anrichten. Betroffen sind vor allem Menschen, die früher beruflich damit zu tun hatten, etwa am Bau, auf Werften, in der Isolierung, bei Sanierung oder in der Industrie.
Was viele überrascht, ist der große zeitliche Abstand, denn zwischen dem Asbestkontakt und der Erkrankung liegen typischerweise etwa 20 bis 50 Jahre. Deshalb erkranken heute Menschen an Asbest, dem sie vor Jahrzehnten ausgesetzt waren, obwohl die Verwendung von Asbest in Deutschland längst verboten ist. Auch ein kurzer Kontakt vor langer Zeit kann genügen, und das erklärt, warum sich viele Betroffene gar nicht mehr an eine besondere Belastung erinnern.
Woran man den Tumor bemerkt
Die ersten Anzeichen sind wenig eindeutig und kommen genauso bei vielen harmloseren Erkrankungen vor. Beim Pleuramesotheliom steht meist Atemnot im Vordergrund, oft weil sich Flüssigkeit zwischen Lunge und Brustwand ansammelt, ein sogenannter Pleuraerguss. Dazu kommen häufig Brustschmerzen, ein hartnäckiger Reizhusten, ungewollter Gewichtsverlust und allgemeine Schwäche. Weil diese Beschwerden zunächst nach nichts Besonderem aussehen, wird die Erkrankung leider oft erst spät erkannt, wenn sie schon fortgeschritten ist.
Wie die Diagnose gestellt wird
Am Anfang steht meist eine Aufnahme aus dem Körperinneren. Ein Röntgenbild und vor allem eine Computertomografie (CT) mit Kontrastmittel zeigen Verdickungen des Brustfells und einen möglichen Erguss. Sammelt sich Flüssigkeit an, kann sie mit einer feinen Nadel abgesaugt und untersucht werden, das nennt sich Pleurapunktion.
Sicherheit bringt aber erst eine Gewebeprobe. Dafür wird über einen kleinen Eingriff, meist eine Thorakoskopie, also eine Spiegelung des Brustraums, ein Stückchen Gewebe entnommen. Im Labor lässt sich damit klären, ob wirklich ein Mesotheliom vorliegt, um welchen Subtyp es sich handelt und wie es von anderen Tumoren abzugrenzen ist. Genau diese Probe ist die Grundlage für die passende Behandlung.
Wie ein Mesotheliom behandelt wird
Medikamente gegen den Tumor
Die tragende Säule der Behandlung ist heute die Therapie mit Medikamenten. Über viele Jahre bestand sie aus einer Chemotherapie mit den Wirkstoffen Pemetrexed und einem Platinpräparat. Der große Fortschritt der letzten Jahre ist die Immuntherapie, die dem eigenen Abwehrsystem hilft, die Krebszellen besser zu erkennen.
Nach der aktuellen Datenlage beginnt die Behandlung heute meist mit der Kombination aus den beiden Immuntherapie-Wirkstoffen Nivolumab und Ipilimumab, wenn sich das Pleuramesotheliom nicht operieren lässt. Zugelassen wurde diese Kombination auf Grundlage einer großen Studie, deren Ergebnisse 2021 veröffentlicht wurden. Darin lebten die Behandelten im Schnitt länger als mit einer alleinigen Chemotherapie, etwa 18 statt 14 Monate, und der Vorteil hielt über Jahre an. Daneben gibt es inzwischen eine zweite Kombination, bei der die Immuntherapie mit dem Wirkstoff Pembrolizumab zusätzlich zur Chemotherapie gegeben wird. Sie kommt vor allem bei der aggressiveren sarkomatoiden oder biphasischen Form infrage und ist in Europa nach einer Empfehlung der europäischen Arzneimittelbehörde von Anfang 2025 vor allem dafür vorgesehen. Die beiden Kombinationen sind zwei Optionen im selben Werkzeugkasten, direkt miteinander verglichen wurden sie in keiner Studie, und welche im Einzelfall passt, entscheidet das Behandlungsteam.
Wann eine Operation infrage kommt
Ein verbreitetes Missverständnis betrifft die Operation. Ein großer Eingriff zur Tumorentfernung, die Pleurektomie oder Dekortikation, gilt nicht als allgemeiner Standard. Eine Studie aus dem Jahr 2024 zeigte, dass eine solche ausgedehnte Operation zusätzlich zur Chemotherapie das Überleben eher verschlechterte und mehr schwere Komplikationen mit sich brachte. Operiert wird deshalb nicht automatisch, sondern nur bei sehr ausgewählten Patientinnen und Patienten und erst nach sorgfältiger Abwägung in der Tumorkonferenz eines spezialisierten Zentrums, in der Fachleute verschiedener Fachrichtungen gemeinsam über den Fall beraten.
Was die Atemnot lindert
Unabhängig von all dem lässt sich ein störender Pleuraerguss gezielt behandeln, und das bessert die Beschwerden oft rasch. Wird die Flüssigkeit abgelassen und der Spalt zwischen Lunge und Brustwand bei Bedarf verklebt (Pleurodese), fällt das Atmen häufig deutlich leichter. Gegen Schmerzen kann ergänzend eine Bestrahlung helfen.
Wie die Aussichten sind und wie lange man damit leben kann
Ältere Statistiken nennen für das Mesotheliom niedrige Überlebensraten über fünf Jahre. Diese Zahlen stammen jedoch aus der Zeit vor der Immuntherapie und mitteln über alle Subtypen und Stadien hinweg. Sie bilden nicht ab, wie sehr sich die Aussichten seither verändert haben, und sie sagen fast nichts über den einzelnen Menschen.
Denn der Verlauf hängt stark von der individuellen Situation ab, vom Subtyp mit der deutlich besseren Prognose des epitheloiden Typs, vom Stadium bei der Diagnose, vom Allgemeinzustand und davon, wie gut die Behandlung anschlägt. Die moderne Immuntherapie hat die Überlebenszeit im Schnitt verlängert, und manche Betroffene sprechen darauf über längere Zeit gut an. Eine Statistik ist immer nur ein Durchschnitt vieler sehr unterschiedlicher Verläufe und kein Urteil über den eigenen. Wie die persönlichen Aussichten einzuschätzen sind, kann am besten das behandelnde Team beurteilen, das alle Befunde kennt.
Wenn die Erkrankung weit fortgeschritten ist und die Behandlung sie nicht mehr aufhalten kann, verschiebt sich das Ziel, denn dann geht es darum, Beschwerden wie Atemnot und Schmerzen wirksam zu lindern und möglichst viel Lebensqualität zu erhalten. Die Palliativmedizin kann hier viel erreichen, und niemand muss diesen Weg allein gehen. Auch die Begleitung von Angehörigen gehört dazu.
Mesotheliom als anerkannte Berufskrankheit
In Deutschland ist ein durch Asbest verursachtes Mesotheliom von Rippenfell, Bauchfell oder Herzbeutel eine anerkannte Berufskrankheit, geführt unter der Nummer 4105. Wessen Erkrankung auf eine berufliche Asbestbelastung zurückgeht, kann dadurch Anspruch auf Leistungen und Entschädigung durch die gesetzliche Unfallversicherung haben.
Beantragt wird die Anerkennung bei der zuständigen Berufsgenossenschaft beziehungsweise dem Unfallversicherungsträger. Nötig sind die gesicherte Diagnose und ein dokumentierter beruflicher Asbestkontakt in der Vorgeschichte, während ein zusätzlicher Fasernachweis im Tumorgewebe dafür nicht verlangt wird und die Belastung auch kurz gewesen sein und lange zurückliegen darf. Bei begründetem Verdacht sind Ärztinnen und Ärzte sogar verpflichtet, die Erkrankung zu melden. Dieser Weg lohnt sich, denn die Leistungen sind auch für Hinterbliebene wichtig. Es lohnt sich, das aktiv anzusprechen, beim Behandlungsteam oder direkt bei der Berufsgenossenschaft.
Quellen
Popat S, et al. Malignant pleural mesothelioma: ESMO Clinical Practice Guidelines for diagnosis, treatment and follow-up. Ann Oncol, 2022. Quelle
Onkopedia-Leitlinie Pleuramesotheliom. DGHO, Stand November 2023. Quelle
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