Autoimmunerkrankung: über 80 Krankheiten im Überblick

Autoimmunerkrankung: über 80 Krankheiten im Überblick

Eine Autoimmunerkrankung ist eine Krankheit, bei der sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet: Statt nur Krankheitserreger abzuwehren, greift die Abwehr gesundes Körpergewebe an, weil sie es fälschlich für eine Bedrohung hält. "Autoimmunerkrankung" ist dabei kein einzelnes Leiden, sondern ein Sammelbegriff für über 80 verschiedene Krankheiten, die dieses eine Grundprinzip teilen.

Der Begriff taucht oft auf, wenn jemand eine dieser Krankheiten neu diagnostiziert bekommt, etwa Hashimoto, Rheuma oder Multiple Sklerose, oder wenn im Arztbrief allgemein von einem "autoimmunen" Geschehen die Rede ist. Auf dieser Seite erfährst du, was dahintersteckt, welche Krankheiten dazugehören und was das für Behandlung und Aussichten bedeutet.

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Wenn die Abwehr das eigene Gewebe angreift

Ein gesundes Immunsystem kann zwei Dinge auseinanderhalten: was zum eigenen Körper gehört und was fremd ist, also Bakterien, Viren oder andere Eindringlinge. Diese Fähigkeit nennt man Selbsttoleranz. Bei einer Autoimmunerkrankung geht genau diese Unterscheidung verloren. Bestimmte Abwehrzellen, sogenannte B- und T-Zellen, behandeln körpereigenes Gewebe wie einen Feind und lösen dort eine Entzündung aus.

Ein typisches Zeichen dafür sind Autoantikörper. Das sind Abwehrstoffe, die sich gegen den eigenen Körper richten, und Ärztinnen und Ärzte können sie im Blut messen. Solche Autoantikörper lassen sich manchmal schon Jahre vor den ersten Beschwerden nachweisen. Es gibt also oft eine stille Vorphase, in der im Körper bereits etwas in Gang ist, ohne dass man etwas spürt.

Warum das passiert

Eine einzelne Ursache gibt es meist nicht. Eine Autoimmunerkrankung entsteht in aller Regel aus einem Zusammenspiel von zwei Dingen: einer erblichen Veranlagung und äußeren Auslösern. Die Veranlagung liegt selten an einem einzigen Gen, sondern an vielen Genen, die zusammen beeinflussen, wie das Immunsystem tickt. Als Auslöser kommen vor allem Infektionen infrage, aber auch die Zusammensetzung der Darmbakterien scheint eine Rolle zu spielen.

Niemand ist durch eigenes Verhalten "schuld" an einer Autoimmunerkrankung. Sie ist das Ergebnis biologischer Vorgänge, die man sich nicht aussucht.

Welche Krankheiten dazugehören

Autoimmunerkrankungen können fast jedes Organ betreffen. Manche richten sich gegen ein einziges Organ, andere gegen den ganzen Körper. Ein Überblick über häufige Beispiele nach betroffenem Bereich:

Die Schilddrüse ist bei der Hashimoto-Thyreoiditis betroffen, bei der das Immunsystem das Schilddrüsengewebe angreift. Die Bauchspeicheldrüse trifft es beim Typ-1-Diabetes, wo die insulinbildenden Zellen zerstört werden. An den Gelenken zeigt sich die rheumatoide Arthritis. Das Nervensystem betrifft die Multiple Sklerose, bei der die Schutzhülle der Nervenfasern angegriffen wird. Der Darm ist bei der Zöliakie sowie bei den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa beteiligt. Die Haut ist bei der Schuppenflechte (Psoriasis) betroffen. Und Krankheiten wie der Lupus (systemischer Lupus erythematodes) oder das Sjögren-Syndrom können gleich mehrere Organe zugleich betreffen, beim Sjögren-Syndrom etwa die Tränen- und Speicheldrüsen mit trockenen Augen und trockenem Mund.

Als häufigste Autoimmunerkrankung gilt die Hashimoto-Thyreoiditis der Schilddrüse. Autoimmunerkrankungen treten außerdem gern gemeinsam auf. Wer eine hat, etwa Typ-1-Diabetes, hat ein etwas höheres Risiko, im Lauf des Lebens noch eine zweite zu entwickeln.

Welche Beschwerden auftreten können

So unterschiedlich die Krankheiten sind, so unterschiedlich sind die Beschwerden, denn sie hängen davon ab, welches Organ angegriffen wird. Bei Gelenkbeteiligung sind es Schmerzen und Schwellungen, bei der Haut Rötungen und schuppende Stellen, bei der Schilddrüse Müdigkeit und Gewichtsveränderungen, beim Darm Bauchschmerzen und Durchfall.

Einige Zeichen tauchen aber quer über viele dieser Krankheiten hinweg auf: anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung, Entzündungen, leichtes Fieber oder ein allgemeines Krankheitsgefühl. Auffällig ist außerdem, dass viele Autoimmunerkrankungen in Schüben verlaufen. Auf Phasen mit Beschwerden folgen ruhige Zeiten, in denen es einem deutlich besser geht. Auch bei der gleichen Diagnose kann der Verlauf von Mensch zu Mensch sehr verschieden sein, von mild bis schwer.

Warum Frauen häufiger betroffen sind

Bei den meisten Autoimmunerkrankungen sind Frauen deutlich öfter betroffen als Männer. Beim Lupus erkranken rund neunmal so viele Frauen wie Männer, beim Sjögren-Syndrom etwa acht- bis zehnmal so viele, bei der rheumatoiden Arthritis ungefähr doppelt so viele und bei der Multiplen Sklerose etwa eineinhalb- bis zweimal so viele.

Forschende führen das vor allem auf zwei biologische Gründe zurück: weibliche Geschlechtshormone wie Östrogen, die bestimmte Abwehrzellen aktiver machen, und die zwei X-Chromosomen von Frauen. Auf dem X-Chromosom liegen einige Gene, die das Immunsystem steuern, und Frauen können von manchen davon eine doppelte Portion bekommen. Das hat nichts damit zu tun, was eine Betroffene getan oder nicht getan hat. Diese Regel gilt allerdings nicht für alle Krankheiten. Ein paar wenige Autoimmunerkrankungen treffen umgekehrt eher Männer, deshalb stimmt der Satz "Frauen sind stärker betroffen" für die meisten, aber nicht für jede einzelne Erkrankung.

Weil viele Autoimmunerkrankungen Frauen im gebärfähigen Alter treffen, ist auch eine Schwangerschaft ein wichtiges Thema. Der Verlauf kann sich dabei sehr unterschiedlich entwickeln, manche Erkrankungen bessern sich, andere wie der Lupus können sich verschlechtern. Wer schwanger werden möchte, plant das am besten frühzeitig gemeinsam mit der behandelnden Fachärztin oder dem Facharzt und setzt Medikamente nie eigenmächtig ab.

Wie eine Autoimmunerkrankung festgestellt wird

Eine Autoimmunerkrankung lässt sich nicht an einem einzigen Bluttest ablesen. Die Diagnose setzt sich immer aus mehreren Teilen zusammen: dem Beschwerdebild, der Untersuchung der Autoantikörper im Blut und organbezogenen Tests wie Bildgebung oder einer Gewebeprobe, je nachdem, welches Organ betroffen sein könnte.

Ein Test sorgt dabei oft für Verunsicherung: der ANA-Test (antinukleäre Antikörper). Er ist ein klassischer Suchtest und bei vielen Autoimmunerkrankungen positiv. Aber ein positiver ANA-Wert allein ist noch keine Diagnose. Auch etwa 11 bis 16 Prozent völlig gesunder Menschen haben einen positiven ANA-Test, ohne krank zu sein. Wenn also nur dieser Wert auffällig ist und du dich sonst gesund fühlst oder nur unspezifische Beschwerden wie Müdigkeit hast, ist das kein Grund für Panik. Erst das Gesamtbild aus Symptomen, gezielteren Antikörpertests und weiteren Untersuchungen ergibt eine Diagnose.

Wenn du in einem Befund oder Arztbrief einzelne solcher Begriffe nicht verstehst, kann Onno sie dir in einfache Worte übersetzen.

Wie behandelt wird

Die meisten Autoimmunerkrankungen werden behandelt, indem man das überaktive Immunsystem bremst. Dafür gibt es klassische immundämpfende Medikamente (Immunsuppressiva) und modernere, zielgerichtete Wirkstoffe, die sogenannten Biologika oder monoklonalen Antikörper. Diese greifen gezielt in bestimmte Entzündungssignale ein, statt die gesamte Abwehr breit herunterzufahren.

Ein Prinzip, das sich bei vielen dieser Krankheiten durchgesetzt hat, ist die Behandlung nach Zielwert: Die Ärztin oder der Arzt misst regelmäßig, wie aktiv die Krankheit ist, und passt die Therapie so lange an, bis möglichst wenig Krankheitsaktivität übrig ist. Bei der rheumatoiden Arthritis erreichen dadurch heute immer mehr Menschen eine Ruhephase.

Nicht jede Autoimmunerkrankung wird jedoch über das Immunsystem behandelt. Das beste Gegenbeispiel ist die Zöliakie: Hier ist der Auslöser klar bekannt, nämlich das Klebereiweiß Gluten. Die Behandlung besteht deshalb nicht aus Medikamenten, sondern darin, Gluten konsequent und dauerhaft wegzulassen. Damit heilt die Schädigung im Darm bei den meisten Betroffenen wieder ab.

Am Horizont wird außerdem an neuen Ansätzen geforscht. Zelltherapien wie die CAR-T-Therapie, die aus der Krebsbehandlung stammt, werden bei schweren, schwer behandelbaren Formen wie dem Lupus getestet, und erste Ergebnisse sehen vielversprechend aus. Nach aktuellem Stand (2026) ist das noch experimentell und für keine Autoimmunerkrankung zugelassen, sondern findet in Studien statt. Es ist eine hoffnungsvolle Forschungsrichtung, aber noch keine verfügbare Behandlung.

Ist eine Autoimmunerkrankung heilbar, und wie sind die Aussichten

Die meisten Autoimmunerkrankungen sind nach heutigem Stand nicht heilbar, aber, und das ist der entscheidende Teil, sie sind in der Regel gut kontrollierbar. Mit moderner Behandlung erreichen viele Menschen lange beschwerdearme Phasen, sogenannte Remissionen, in denen die Krankheit ruht und der Alltag weitgehend normal weitergeht. Eine Autoimmunerkrankung ist nicht in Stein gemeißelt und bedeutet nicht automatisch ein Leben voller ständiger Beschwerden.

Nach der Lebenserwartung fragen sich viele nach so einer Diagnose zu Recht. Eine einzige Zahl gibt es dafür nicht, und das ist eine gute Nachricht, denn "Autoimmunerkrankung" umfasst über 80 sehr verschiedene Krankheiten. Manche beeinflussen die Lebenserwartung kaum, andere brauchen mehr Aufmerksamkeit. Bei gut eingestellter Behandlung führen viele Betroffene ein langes Leben mit weitgehend normaler Lebenserwartung. Was für die eigene Situation gilt, hängt stark von der konkreten Erkrankung ab und lässt sich am besten mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprechen, die den persönlichen Verlauf einschätzen können.

Quellen

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BITTE BEACHTEN

Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und kann nicht das persönliche Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt ersetzen. Für eine individuelle Diagnose, Therapieempfehlung und Behandlung konsultieren Sie bitte immer medizinisches Fachpersonal.

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