Unreife Granulozyten sind junge weiße Blutkörperchen, die noch nicht fertig ausgereift sind und deshalb normalerweise im Knochenmark bleiben, bis sie ihre Arbeit im Blut aufnehmen können. Wenn sie im Blutbild auftauchen, oft mit dem Kürzel IG für den englischen Begriff „immature granulocytes", heißt das meistens nur, dass der Körper gerade schneller Abwehrzellen nachliefert als sonst.
Ein leicht erhöhter Wert ist dabei viel häufiger harmlos, als die Markierung im Laborbericht vermuten lässt. Die Normgrenze für diesen Wert ist rein statistisch gezogen, sodass rechnerisch auch einige völlig gesunde Menschen knapp darüberliegen.
Was unreife Granulozyten sind und warum sie im Blut auftauchen
Granulozyten sind die zahlenmäßig größte Gruppe der weißen Blutkörperchen, also der Zellen, die Krankheitserreger abwehren. Sie sind vor allem für Bakterien und Pilze zuständig, wandern schnell zu einer Entzündung und werden dabei verbraucht. Nachschub kommt aus dem Knochenmark, dem schwammartigen Gewebe im Inneren der Knochen, in dem alle Blutzellen gebildet werden. Dort durchlaufen die Zellen mehrere Reifestufen, und erst die fertigen Zellen gehen üblicherweise ins Blut über.
Steigt der Bedarf plötzlich, zum Beispiel bei einer Infektion, dann gibt das Knochenmark schneller ab, als es ausreifen kann, und es rutschen auch jüngere Vorstufen mit ins Blut. Genau diese Vorstufen zählt das Laborgerät als unreife Granulozyten. Steht auf demselben Befund das Wort Linksverschiebung, ist damit dasselbe Phänomen gemeint. Der Begriff stammt aus den alten Lehrbüchern, in denen die Reifestufen von links nach rechts aufgezeichnet wurden: Sind vermehrt junge Zellen im Blut, verschiebt sich das Bild nach links.
Dass dieser Wert heute überhaupt auf Befunden steht, liegt an der Technik. Früher musste jemand die Zellen unter dem Mikroskop von Hand auszählen, heute geben moderne Analysegeräte den Anteil unreifer Granulozyten bei jedem großen Blutbild automatisch mit aus. Der Wert wird also nicht angefordert, weil ein Verdacht besteht, sondern er fällt einfach mit an.
Warum ein leicht erhöhter Wert oft gar keine Krankheit anzeigt
Wo die obere Grenze ungefähr liegt
Der Anteil unreifer Granulozyten wird in Prozent aller weißen Blutkörperchen angegeben und ist im Normalfall winzig. Eine Auswertung von mehr als 25.000 Laborwerten an einem türkischen Universitätsklinikum kam auf einen Bereich von etwa 0,1 bis 0,6 Prozent. Eine ältere US-Untersuchung an gut 2.400 ambulanten Blutproben empfahl als obere Routinegrenze 0,9 Prozent für Jugendliche und Erwachsene und 0,3 Prozent für Kinder unter zehn Jahren. Je nach Labor und Gerät liegt die im Befund gedruckte Obergrenze also irgendwo zwischen etwa 0,6 und 0,9 Prozent, und zwischen Frauen und Männern gab es dabei keinen Unterschied.
Warum auch Gesunde knapp darüber liegen
Diese Grenze ist keine Trennlinie zwischen gesund und krank, sondern ein rein statistischer Wert. Man misst eine große Vergleichsgruppe und zieht den Strich so, dass etwa 95 von 100 Menschen darunterliegen. Damit liegen rechnerisch von vornherein rund zwei bis fünf von hundert völlig gesunden Menschen knapp über der Norm, ohne dass ihnen irgendetwas fehlt. Ein Wert dicht über der Grenze ist deshalb statistisch nichts Ungewöhnliches. Das Sternchen im Laborbericht ist dann kein Krankheitszeichen, sondern ein Hinweis, den die Ärztin oder der Arzt zusammen mit allem anderen betrachtet.
Dazu kommt, dass ein Blutbild immer eine Momentaufnahme ist. Ein Infekt am Tag der Blutabnahme, auch ein abklingender, kann den Wert vorübergehend anheben. Eine Kontrolle nach einigen Wochen sagt darum mehr aus als der einzelne Wert.
Was hinter einem erhöhten Wert stecken kann
Die größte Untersuchung zu diesem Laborwert listet bei Erwachsenen auffallend oft Bluterkrankungen, Medikamente und Schwangerschaft als begleitende Diagnosen auf. Untersucht wurden dort allerdings Menschen, bei denen ohnehin ein ärztlicher Anlass für die Blutabnahme bestand, und das sagt nichts darüber, was bei allen gemessenen Blutbildern dahintersteckt. Bei den mituntersuchten Kindern, bei denen häufiger ohne konkreten Verdacht gemessen wurde, führten schlichte Infekte die Liste klar an.
Infekte und Entzündungen
Infekte und Entzündungen sind im Alltag mit Abstand die häufigste Erklärung. Bei den Kindern in der genannten Untersuchung waren es vor allem Mittelohrentzündungen, Atemwegsinfekte und Magen-Darm-Infekte, also Erkrankungen, die von selbst wieder ausheilen. Auch jede andere Entzündung im Körper kann das Knochenmark zu schnellerem Nachschub veranlassen. Meist ist der Wert dann zusammen mit anderen Entzündungszeichen erhöht, etwa den Leukozyten insgesamt oder dem CRP, und normalisiert sich mit dem Abklingen der Ursache.
Verletzungen und Operationen
Größere Gewebeschäden lösen dieselbe Reaktion aus wie ein Infekt. Gut belegt ist das für Herzoperationen mit der Herz-Lungen-Maschine: Dort steigen die unreifen Granulozyten nach dem Eingriff regelhaft an, auch wenn alles komplikationslos verläuft. Für kleinere Eingriffe gibt es dazu keine eigenen Zahlen, doch der Mechanismus ist derselbe, sodass ein Anstieg in den Tagen nach einer Operation oder einer schweren Verletzung erwartbar ist.
Schwangerschaft und Medikamente
In einer Schwangerschaft verschiebt sich das Blutbild insgesamt, und leicht erhöhte Werte kommen dabei vor, ohne dass sie ein Problem anzeigen. Auch Medikamente können den Wert anheben, allen voran Kortison und eine Chemotherapie, weil beide direkt in die Steuerung der Blutbildung eingreifen. Wenn du regelmäßig Medikamente nimmst, lohnt sich deshalb der Hinweis darauf beim nächsten Termin.
Selten: Erkrankungen der Blutbildung
Das Knochenmark selbst kann erkrankt sein, etwa bei einer Leukämie oder einer anderen chronischen Störung der Blutbildung. Das ist die Möglichkeit, vor der sich viele Menschen fürchten, wenn sie den Befund lesen. Sie ist aber im Verhältnis zu Infekten und Entzündungen selten, und sie zeigt sich fast nie an diesem einen Wert allein. Typischerweise fällt daneben noch anderes auf, zum Beispiel eine deutlich zu hohe oder zu niedrige Zahl weißer Blutkörperchen, zu wenig rote Blutkörperchen, zu wenige Blutplättchen oder noch unreifere Zellformen im Ausstrich.
Warum der Wert in der Klinik bei Sepsis genutzt wird
In Notaufnahmen und auf Intensivstationen dient der Anteil unreifer Granulozyten als schnell verfügbarer Zusatzmarker, um eine Sepsis früh zu erkennen. Eine Sepsis ist eine lebensbedrohliche Reaktion des Körpers auf eine Infektion, bei der Organe zu versagen beginnen; sie wird am Krankenbett anhand des Zustands und der Organfunktionen festgestellt, nicht aus einem Laborwert abgelesen. In einer brasilianischen Klinikstudie wurden gut 300 Erwachsene untersucht, bei denen wegen Verdachts auf eine schwere Infektion Blutkulturen abgenommen wurden. Ein erhöhter Wert kann dort den Verdacht stützen, beweist eine Sepsis aber nicht. Und umgekehrt gilt genauso: Ein normaler oder niedriger Wert schließt sie nicht sicher aus. Ausschlaggebend bleiben der Zustand der erkrankten Person, die Organfunktionen und die weitere Diagnostik. Eine türkische Intensivstudie von 2025 an 87 Erkrankten nutzte den Verlauf des Werts, um zu beurteilen, ob eine begonnene Antibiotikabehandlung anschlägt.
Diese Trennwerte, die je nach Studie zwischen etwa 0,3 und 2 Prozent liegen, stammen ausschließlich aus Klinikgruppen mit begründetem Verdacht auf eine schwere Infektion. Auf ein Routineblutbild aus der Hausarztpraxis lassen sie sich nicht übertragen. Ein leicht erhöhter Wert bei jemandem, dem es im Alltag gut geht, hat mit dem Sepsis-Szenario nichts zu tun.
Wann weiter abgeklärt wird
Eine in Studien geprüfte feste Grenze, ab der ein isoliert erhöhter Wert abgeklärt werden muss, gibt es nicht, und eine eigene Leitlinie zu diesem Laborwert existiert ebenfalls nicht. Die Einordnung erfolgt deshalb im Zusammenhang. Dabei zählt, wie deutlich der Wert über der Grenze liegt, ob er sich bei einer Kontrolle bestätigt oder von selbst zurückgeht und ob im Blutbild noch andere Werte auffällig sind. Und es zählt, ob Beschwerden bestehen, vor allem anhaltendes Fieber, Nachtschweiß, ungewollter Gewichtsverlust, eine auffällige Neigung zu blauen Flecken oder Blutungen und eine ausgeprägte, nicht erklärbare Erschöpfung.
Bleibt der Wert ohne erkennbaren Grund über Wochen erhöht oder kommen weitere Auffälligkeiten dazu, folgen meist ein erneutes Blutbild mit Beurteilung der Zellen unter dem Mikroskop und gezielte Laboruntersuchungen. Nur in wenigen Fällen wird das Knochenmark selbst untersucht. Für den nächsten Termin ist es hilfreich, zwei Fragen mitzunehmen: ob es zum Zeitpunkt der Blutabnahme einen Infekt, einen Eingriff oder ein neues Medikament gab, und wann der Wert kontrolliert werden soll.
Quellen
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