Linksschenkelblock: Was jetzt wichtig ist

Linksschenkelblock: Was jetzt wichtig ist

Ein Linksschenkelblock ist eine Verzögerung in der elektrischen Leitung des Herzens: Das Signal, das die linke Herzkammer zum Zusammenziehen bringt, kommt auf seinem gewohnten Weg nicht mehr durch und muss sich einen Umweg suchen. Ein Herzinfarkt ist das nicht, und ein verschlossenes Blutgefäß auch nicht. Der Block selbst tut nicht weh, und für sich allein ist er kein Notfall.

Harmlos im Sinne von bedeutungslos ist er allerdings auch nicht. Wenn du dieses Wort in einem EKG-Befund liest, also in der Aufzeichnung der elektrischen Herzströme, steckt darin ein Hinweis darauf, dass am Herzmuskel etwas nicht stimmen könnte. Deshalb wird ein Linksschenkelblock üblicherweise einmal gründlich abgeklärt. Wie ernst die Lage ist, hängt vor allem an einer Frage: ob gleichzeitig Beschwerden bestehen oder ob der Block zufällig entdeckt wurde.

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Was bei einem Linksschenkelblock im Herzen passiert

Damit ein Herz schlägt, braucht es einen Taktgeber und Leitungen, über die der Takt ankommt. Diese Leitungen heißen zusammen Reizleitungssystem, und man kann sie sich wie ein feines Kabelnetz im Herzmuskel vorstellen. Der elektrische Impuls startet im Sinusknoten, einer Zellgruppe in der rechten Vorkammer, läuft von dort nach unten und teilt sich schließlich in zwei Stränge auf, die Tawara-Schenkel. Einer versorgt die rechte Herzkammer, einer die linke, damit sich beide Kammern nahezu gleichzeitig zusammenziehen und das Blut in einem Schwung weiterbefördern.

Bei einem Linksschenkelblock ist der linke dieser beiden Stränge unterbrochen oder stark verzögert. Die Erregung erreicht die linke Kammer dann nur über Umwege durch den Herzmuskel selbst, und das dauert länger. Die linke Kammer fängt deshalb später an zu arbeiten als die rechte, das Zusammenspiel der beiden gerät aus dem Takt. Im EKG sieht man das an einem verbreiterten QRS-Komplex. Der QRS-Komplex ist der große Ausschlag der EKG-Kurve, der das Zusammenziehen der beiden Herzkammern abbildet, und er dauert bei einem kompletten Block messbar länger als normal.

Genau dieser zeitliche Versatz erklärt später zwei Dinge: warum ein Linksschenkelblock ein ohnehin geschwächtes Herz zusätzlich ausbremsen kann, und warum er die Beurteilung des EKGs erschwert.

Ist ein Linksschenkelblock harmlos?

Der Block selbst ist keine Krankheit, die behandelt werden müsste, er verursacht meist keine Beschwerden und zwingt zu keiner sofortigen Maßnahme. In großen Bevölkerungsstudien ist er zugleich kein neutraler Zufallsbefund, sondern ein Warnzeichen, das über Jahre hinweg etwas über das Herz aussagt. Beides trifft gleichzeitig zu, und deshalb lässt sich die Frage weder mit einem klaren Ja noch mit einem klaren Nein beantworten.

Was Bevölkerungsstudien zeigen

Die aussagekräftigsten Zahlen stammen aus einer finnischen Bevölkerungsstichprobe mit gut 6.000 Menschen ab 30 Jahren, die über rund 16 Jahre begleitet wurden und zu Beginn im Schnitt Anfang fünfzig waren. Wer dort einen Linksschenkelblock hatte, entwickelte in dieser Zeit etwa dreimal so häufig eine Herzschwäche wie jemand ohne Block, also einen Zustand, in dem das Herz nicht mehr genug Blut in den Körper pumpt. Über den langen Beobachtungszeitraum traf das ungefähr jede zweite Person mit Linksschenkelblock. Auch eine strukturelle Herzerkrankung, worunter Fachleute eine sichtbare Veränderung am Herzmuskel oder an den Herzklappen verstehen, wurde bei ihnen etwa zweieinhalbmal so oft neu festgestellt.

Bemerkenswert daran ist, dass sich an diesem Ergebnis nichts änderte, als die Forschenden alle Teilnehmenden herausrechneten, bei denen schon eine Herzerkrankung bekannt war. Der Zusammenhang lässt sich also nicht damit wegerklären, dass ohnehin kranke Herzen häufiger einen Block haben.

Und wenn das Herz sonst unauffällig ist?

Viele Menschen lesen diesen Befund, ohne je Herzbeschwerden gehabt zu haben. Auch für sie gibt es Zahlen, und sie geben keine vollständige Entwarnung. In einer kleineren kalifornischen Untersuchung wurden knapp 1.700 Menschen über 55 Jahren sechs Jahre lang begleitet, die zu Beginn weder eine bekannte Herzschwäche noch einen früheren Infarkt hatten. Wer von ihnen einen Linksschenkelblock hatte, entwickelte in dieser Zeit rund zwei- bis dreimal so häufig neu eine Herzschwäche und starb häufiger an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung als die übrigen. In dieser Altersgruppe hatten 2,5 Prozent einen Linksschenkelblock.

Diese Untersuchung war klein, und die Spannbreite der Ergebnisse entsprechend groß. Für Menschen, bei denen die Abklärung wirklich nichts findet, gibt es keine belastbare Zahl, die sagen würde, wie es weitergeht. Die Datenlage zeigt ein erhöhtes, aber nicht exakt bezifferbares Risiko. Ein pauschales "dann ist alles gut" gibt sie nicht her, ein Grund zur Panik ist sie ebenso wenig.

Wie sich das einordnen lässt

Ein Linksschenkelblock ist selten und betrifft überwiegend ältere Menschen, in jüngeren Jahrgängen ist er eine Ausnahme. Weil er selten ist, bleiben auch die absoluten Zahlen klein: Ein verdreifachtes Risiko klingt dramatisch, geht aber von einer niedrigen Ausgangsgröße aus. Was daraus im Alltag folgt, ist deshalb kein Umbau des ganzen Lebens, sondern eine einmalige gründliche Untersuchung des Herzens und danach, je nach Ergebnis, ein Blick darauf im Verlauf.

Neu aufgetreten oder zufällig entdeckt

Wie dringlich ein Linksschenkelblock ist, hängt weniger von ihm selbst ab als davon, in welcher Situation er auftaucht.

Brustschmerz mit Schenkelblock ist eine Notfallsituation

Wer einen Schenkelblock im EKG hat und zugleich Beschwerden, die auf eine anhaltende Durchblutungsstörung des Herzmuskels hindeuten, wird nach der aktuellen europäischen Leitlinie genauso behandelt wie jemand mit einem akuten Herzinfarkt und den klassischen EKG-Zeichen. Das gilt ausdrücklich unabhängig davon, ob der Block neu aufgetreten ist oder schon lange bekannt war.

Ein bekannter Linksschenkelblock ist also kein Grund, bei Brustschmerz abzuwarten. Wenn Druck, Enge oder Schmerz im Brustkorb anhalten, womöglich mit Luftnot, Übelkeit oder kaltem Schweiß, ist der Notruf 112 der richtige Weg, auch wenn der Block seit Jahren bekannt ist. Ein Schenkelblock allein, ohne solche Beschwerden, löst diese Einstufung dagegen nicht aus.

Warum das EKG dann weniger verrät

Ein Herzinfarkt wird im EKG normalerweise an charakteristischen Veränderungen der Kurve erkannt. Ein Linksschenkelblock verformt genau diese Kurve so stark, dass die Infarktzeichen überdeckt oder verzerrt werden. Man kann dem Ruhe-EKG dann nicht mehr zuverlässig ansehen, ob gerade ein Infarkt abläuft. Es gibt Sonderkriterien für diese Situation, doch die älteren davon übersahen in einer Untersuchung rund ein Drittel bis knapp die Hälfte der tatsächlichen Infarkte, während eine überarbeitete Regel deutlich besser abschnitt.

Deshalb folgen bei Brustschmerz mit Schenkelblock zusätzliche Untersuchungen: eine Blutentnahme auf Troponin, ein Eiweiß, das aus geschädigten Herzmuskelzellen ins Blut übertritt, und bei begründetem Verdacht eine Herzkatheteruntersuchung, bei der die Herzkranzgefäße über einen dünnen Schlauch direkt dargestellt werden. Diese Untersuchungen laufen nicht, weil der Block selbst gefährlich wäre, sondern weil er die Diagnose erschwert.

Der Zufallsbefund ohne Beschwerden

Sehr viel häufiger fällt ein Linksschenkelblock bei einem EKG auf, das aus einem ganz anderen Grund geschrieben wurde, etwa vor einer Operation, beim Check-up oder in der Hausarztpraxis. Wer sich dabei gesund fühlt und keine Beschwerden hat, steht in keiner Notfallsituation. Hier geht es um eine geplante, nicht eilige Abklärung in den nächsten Wochen, meist in einer kardiologischen Praxis.

Welche Beschwerden auftreten können

Der Block selbst ist stumm. Die meisten Betroffenen merken nichts von ihm, und viele leben jahrelang damit, ohne davon zu wissen. Spürbar wird eher das, was möglicherweise dahintersteckt oder sich daraus entwickelt.

Wenn die Pumpleistung des Herzens nachlässt, zeigt sich das meist zuerst bei Anstrengung: Luftnot beim Treppensteigen, schnelleres Erschöpfen als früher, ein Leistungsknick, der sich nicht mit dem Alter allein erklären lässt. Später können geschwollene Unterschenkel oder Luftnot im Liegen dazukommen. Wenn du solche Veränderungen bei dir oder einem Angehörigen bemerkst, gehören sie ärztlich abgeklärt, gerade wenn ein Linksschenkelblock bekannt ist. Genau solche Veränderungen sind es, die eine beginnende Herzschwäche früh verraten können.

Woher ein Linksschenkelblock kommt

In den meisten Fällen ist er nicht aus dem Nichts entstanden, sondern Ausdruck einer Veränderung am Herzmuskel. Häufig findet sich ein über Jahre bestehender Bluthochdruck, der die linke Herzkammer verdickt und das Leitungsgewebe mit umbaut. Ebenso häufig steckt eine Durchblutungsstörung der Herzkranzgefäße dahinter oder ein früher durchgemachter Herzinfarkt, bei dem Muskelgewebe vernarbt ist und die Leitung an dieser Stelle nicht mehr trägt. Auch eine Erkrankung des Herzmuskels selbst, eine Kardiomyopathie, geht oft mit einem Linksschenkelblock einher.

Daneben gibt es Betroffene, bei denen sich trotz gründlicher Suche keine Ursache findet und die Leitungsbahn schlicht mit den Jahren ihre Funktion verloren hat. Auch das ist möglich, und es ist die Konstellation, für die niemand eine genaue Prognose geben kann.

Was nach der Diagnose untersucht wird

Die zentrale Untersuchung ist die Echokardiographie, ein Ultraschall des Herzens. Dabei wird von außen durch die Brustwand geschallt, was weder wehtut noch strahlt, und man sieht dem Herzen beim Schlagen zu. Zwei Fragen stehen dabei im Vordergrund: Sind Herzmuskel und Herzklappen verändert, und wie kräftig pumpt die linke Herzkammer noch? Für die Pumpkraft gibt es einen Messwert, die Auswurffraktion, die angibt, welcher Anteil des Blutes aus der gefüllten Kammer bei einem Schlag ausgeworfen wird.

Je nachdem, was sich dabei zeigt und welche Beschwerden bestehen, können weitere Untersuchungen folgen, etwa ein Belastungs-EKG, eine Bildgebung des Herzens oder eine Darstellung der Herzkranzgefäße. Wenn sich ein Grundleiden findet, richtet sich alles Weitere nach diesem Grundleiden, nicht nach dem Block.

Wann ein Linksschenkelblock behandlungsrelevant wird

Der Block allein wird nicht behandelt. Es gibt kein Medikament, das die unterbrochene Leitung wiederherstellt, und in den allermeisten Fällen braucht es das auch nicht.

Anders wird es, wenn zu dem Block eine deutliche Herzschwäche kommt. Weil die beiden Herzkammern dann zeitversetzt arbeiten, geht Pumpkraft verloren, die ein geschwächtes Herz eigentlich bräuchte. Genau hier setzt die kardiale Resynchronisationstherapie an, ein besonderer Schrittmacher, der beide Kammern über eigene Elektroden ansteuert und ihren Rhythmus wieder aufeinander abstimmt. Die aktuelle europäische Leitlinie empfiehlt sie bei Menschen mit Herzschwäche, deutlich eingeschränkter Pumpfunktion und einem typischen Linksschenkelblock-Muster mit deutlich verbreitertem QRS-Komplex. Ob das im Einzelfall zutrifft, entscheidet die behandelnde Kardiolog:in anhand aller Befunde.

Der Unterschied zum Rechtsschenkelblock

Beim Rechtsschenkelblock ist der andere der beiden Leitungsstränge betroffen, jener zur rechten Herzkammer. Er ist in der Bevölkerung häufiger als der Linksschenkelblock, und die verbreitete Faustregel lautet, er sei bei Herzgesunden harmlos. Ganz so einfach ist es nach neueren Daten nicht: In einer großen dänischen Bevölkerungsstudie mit über 18.000 Menschen war auch ein kompletter Rechtsschenkelblock mit einer etwas erhöhten Sterblichkeit und mit mehr Herzinfarkten verbunden. Ein inkompletter, also nur angedeuteter Rechtsschenkelblock zeigte dagegen kein erhöhtes Risiko.

Der Unterschied zwischen beiden Blockformen ist also gradueller Natur, und er ist vor allem ein spezifischer: Mit einer späteren Herzschwäche ist der Linksschenkelblock deutlich verknüpft, der Rechtsschenkelblock nach den vorliegenden Daten nicht. Wer einen Rechtsschenkelblock im Befund hat, steht damit insgesamt unauffälliger da, ein Freibrief ist auch er nicht.

Was sich daraus für das nächste Gespräch ergibt

Ein Linksschenkelblock ist ein Befund, der eine Untersuchung nach sich zieht, keine Diagnose, die ein Leben umkrempelt. Wenn du den Befund vor dir hast, lohnen sich für das nächste Gespräch zwei Fragen: ob im Herzultraschall die Pumpfunktion und die Herzklappen unauffällig waren, und ob der Block auf einem älteren EKG schon zu sehen war oder wirklich neu ist. Auch der passende Abstand für eine Kontrolle lässt sich dort klären. Und eines gilt unabhängig von allem anderen: Anhaltender Brustschmerz mit einem bekannten Linksschenkelblock ist ein Fall für den Notruf, nicht für einen Termin in der nächsten Woche.

Quellen

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Byrne RA, Rossello X, Coughlan JJ, et al. 2023 ESC Guidelines for the management of acute coronary syndromes. European Heart Journal. 2023;44(38):3720–3826. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehad191.

Smith SW, Dodd KW, Henry TD, et al. Diagnosis of ST-elevation myocardial infarction in the presence of left bundle branch block with the ST-elevation to S-wave ratio in a modified Sgarbossa rule. Annals of Emergency Medicine. 2012;60(6):766–776. https://doi.org/10.1016/j.annemergmed.2012.07.119.

Glikson M, Nielsen JC, Kronborg MB, et al. 2021 ESC Guidelines on cardiac pacing and cardiac resynchronization therapy. European Heart Journal. 2021;42(35):3427–3520. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehab364.

Bussink BE, Holst AG, Jespersen L, et al. Right bundle branch block: prevalence, risk factors, and outcome in the general population: results from the Copenhagen City Heart Study. European Heart Journal. 2013;34(2):138–146. https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehs291.

BITTE BEACHTEN

Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und kann nicht das persönliche Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt ersetzen. Für eine individuelle Diagnose, Therapieempfehlung und Behandlung konsultieren Sie bitte immer medizinisches Fachpersonal.

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