Ein neurochirurgischer Eingriff ist eine Operation am Nervensystem, also am Gehirn, am Rückenmark und an der Wirbelsäule oder an den Nerven im übrigen Körper. Gemeint ist damit keine einzelne Operation, sondern eine ganze Gruppe von Verfahren, die sich stark voneinander unterscheiden, je nachdem, welcher Bereich betroffen ist.
Was in der Neurochirurgie operiert wird
Die Neurochirurgie kümmert sich um drei große Bereiche des Nervensystems. Am Gehirn geht es zum Beispiel um Tumoren, Blutungen, Verletzungen nach einem Unfall oder um einen gestörten Abfluss des Hirnwassers. An der Wirbelsäule und am Rückenmark stehen ein Bandscheibenvorfall, eine Verengung des Wirbelkanals oder Stabilisierungen im Vordergrund. An den Nerven im übrigen Körper geht es um verletzte Nerven oder um Stellen, an denen ein Nerv eingeklemmt ist, etwa beim Karpaltunnelsyndrom, bei dem ein Nerv im Handgelenk eingeengt wird.
Viele denken bei Neurochirurgie zuerst an die dramatische Not-Operation am Gehirn, doch der Alltag sieht anders aus. Die meisten Eingriffe sind planbar und eher klein, oft an der Wirbelsäule und wegen gut behandelbarer Befunde. Bandscheiben-Operationen gehören zu den häufigsten dieser Eingriffe überhaupt.
Drei Beispiele, wie so ein Eingriff aussehen kann
Weil der Begriff so breit ist, helfen ein paar anschauliche Beispiele. Sie zeigen die Bandbreite, sind aber längst nicht alles, was in der Neurochirurgie gemacht wird.
Operation am Gehirn: die Kraniotomie
Bei einer Kraniotomie wird der Schädel an einer Stelle eröffnet, damit die Ärztin oder der Arzt direkt am Gehirn arbeiten kann, etwa um einen Tumor, eine Blutung oder eine Fehlbildung von Blutgefäßen zu behandeln. Der herausgelöste Knochendeckel wird am Ende der Operation wieder eingesetzt, weshalb dieses Verfahren auch osteoplastische Kraniotomie heißt. Ein Stück Schädel fehlt danach also nicht dauerhaft.
Davon zu unterscheiden ist die Kraniektomie, bei der der Knochen zunächst draußen bleibt, damit sich ein geschwollenes Gehirn ausdehnen kann und der Druck im Kopf sinkt. Auch hier wird der Knochen wieder eingesetzt, nur eben in einer späteren Operation.
Operation an der Wirbelsäule: die Diskektomie
Bei einer Diskektomie wird vorgefallenes Bandscheibengewebe entfernt, das auf eine Nervenwurzel drückt, also auf die Stelle, an der ein Nerv aus dem Rückenmark austritt. Das ist der klassische Eingriff bei einem Bandscheibenvorfall, der Beschwerden in ein Bein oder einen Arm ausstrahlen lässt. Behandelt wird ein solcher Vorfall meist zuerst ohne Operation, etwa mit Bewegung, Physiotherapie und Schmerzmitteln. Zu einer Operation wird vor allem dann geraten, wenn ein Nerv so stark eingeklemmt ist, dass es zu einer Lähmung oder einem deutlichen Kraftverlust kommt, oder wenn die Beschwerden auch ohne Operation nicht nachlassen. So sieht es auch die aktuelle deutsche Leitlinie vor.
Nach einer Bandscheiben-Operation im unteren Rücken, an der Lendenwirbelsäule, bessern sich die Beschwerden meist deutlich. Etwa jeder Fünfte behält dabei einen Restschmerz, und nur bei ungefähr einem von zwanzig ist später eine erneute Operation nötig. Übertriebene Vorsicht danach ist nicht nötig, denn starre Verbote beim Sitzen und Heben bringen keinen Vorteil, und man darf sich nach dem eigenen Wohlbefinden richten.
Operation für den Abfluss des Hirnwassers: die Ventrikulostomie
Bei einer endoskopischen Ventrikulostomie arbeitet die Neurochirurg:in mit einer dünnen Sonde mit Kamera durch eine winzige Öffnung und schafft damit einen neuen Abflussweg für das Hirnwasser, den sogenannten Liquor. Das hilft vor allem bei einem Hydrozephalus, umgangssprachlich Wasserkopf genannt, bei dem der normale Abfluss blockiert ist und sich das Hirnwasser staut. Das Verfahren gilt als etabliert und risikoarm. Wie gut es im Einzelfall wirkt, hängt allerdings davon ab, wodurch der Stau entstanden ist, und lässt sich nicht bei jeder Ursache gleich sicher vorhersagen.
Wie modern operiert wird
Durch die ganze Neurochirurgie zieht sich der Anspruch, so schonend wie möglich zu arbeiten. Viele Eingriffe laufen mikrochirurgisch ab, also unter dem Operationsmikroskop und über möglichst kleine Zugänge. Dabei hilft die Neuronavigation, eine Art Navigationssystem, das die Bilder aus einer Magnetresonanztomografie (MRT) oder einer Computertomografie (CT) nutzt, um während der Operation den Weg zum Ziel genau anzuzeigen. Beide liefern feine Schnittbilder aus dem Körperinneren, die MRT mit einem starken Magnetfeld, die CT mit Röntgenstrahlen. So lassen sich die Stellen, um die es geht, präzise erreichen und gesunde Bereiche daneben schonen. Auch am Gehirn kommen zunehmend Techniken mit kleinen Zugängen zum Einsatz, ohne dass die klassische offene Operation dadurch überflüssig wird.
Welche Risiken es gibt
Jede Operation bringt Risiken mit sich, und das gilt auch hier. Möglich sind eine Nachblutung, eine Infektion oder Ausfälle wie Taubheit, Schwäche oder Sprach- und Sehstörungen, die meist vorübergehen und nur selten bleiben. Wie hoch das Risiko im Einzelfall ist und wie lange die Erholung dauert, hängt stark davon ab, welcher Eingriff in welcher Region gemacht wird. Eine Bandscheiben-Operation im unteren Rücken ist etwas ganz anderes als ein Eingriff tief im Gehirn.
Deshalb gibt es auch nicht den einen, pauschal besten Eingriff. Welche Methode gewählt wird, richtet sich nach der genauen Situation, nach Lage, Größe und Dringlichkeit des Befundes. Das Behandlungsteam kann am besten einschätzen, welches Vorgehen im konkreten Fall sinnvoll ist, welchen Nutzen es bringt und welche Risiken realistisch dagegen stehen. Genau diese Abwägung ist ein guter Punkt, um vor einer Operation gezielt nachzufragen.
Quellen
Konservative, operative und rehabilitative Versorgung bei Bandscheibenvorfällen mit radikulärer Symptomatik (S2k-Leitlinie). AWMF, 2021. Quelle.
The effect of symptom duration on the outcomes of lumbar discectomy for radicular pain secondary to lumbar disc herniation: a systematic review and meta-analysis. Eur Spine J, 2025. Quelle.
Lumbar Microdiscectomy and Postoperative Activity Restrictions: A Randomized Controlled Trial. Spine, 2026. Quelle.
Decompressive Craniectomy versus Craniotomy for Acute Subdural Hematoma. N Engl J Med, 2023. Quelle.
Complications of endoscopic third ventriculostomy: a systematic review. Acta Neurochir Suppl, 2012. Quelle.
Neuronavigation in glioma resection: current applications, challenges, and clinical outcomes. Front Surg, 2024. Quelle.