Wenn beim Multiplen Myelom von "ISS" die Rede ist, meint das das International Staging System, auf Deutsch ein internationales System zur Stadieneinteilung, das die Erkrankung anhand weniger Blutwerte in drei Stadien von I bis III einordnet. Das Multiple Myelom selbst ist eine Krebserkrankung des Knochenmarks, bei der sich Plasmazellen bösartig verändern: jene Zellen der Immunabwehr, die normalerweise Antikörper gegen Krankheitserreger herstellen und sich beim Myelom unkontrolliert vermehren. Das Punktesystem schätzt anhand von Laborwerten ab, wie sich die Erkrankung ohne Behandlung voraussichtlich verhalten würde, und liefert damit eine erste Einordnung zu Beginn. Verwechseln solltest du es nicht mit dem gleichnamigen Injury Severity Score aus der Unfallmedizin, der die Schwere von Verletzungen beschreibt. Steht in einem Arztbrief also "ISS-Stadium II" oder "R-ISS III", geht es um die Einordnung des Myeloms und nicht um eine Verletzung.

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Mehr InfosWoraus sich das Stadium zusammensetzt
Das ursprüngliche ISS stützt sich auf nur zwei Werte aus dem Blut, Beta-2-Mikroglobulin und Albumin, die beide leicht zu messen und zusammen erstaunlich aussagekräftig sind.
Beta-2-Mikroglobulin ist ein kleines Eiweiß, das viele Zellen abgeben, vor allem aber die veränderten Plasmazellen, aus denen das Myelom besteht. Je mehr davon im Blut ist, desto größer ist grob gesagt die Menge an Myelomzellen im Körper, und desto stärker sind meist auch die Nieren belastet. Ein erhöhter Wert spricht also für eine höhere Krankheitslast, ist für sich allein aber kein Urteil, weil auch eine eingeschränkte Nierenfunktion ihn nach oben treiben kann. Deshalb wird er immer im Zusammenhang mit den übrigen Befunden gelesen.
Albumin wiederum ist das häufigste Eiweiß im Blut und ein Maß für den allgemeinen Zustand, sodass ein niedriger Wert darauf hindeutet, dass die Erkrankung den Körper stärker mitnimmt.
Aus der Kombination beider Werte ergibt sich das Stadium. Ein niedriges Beta-2-Mikroglobulin zusammen mit einem normalen Albumin ergibt Stadium I, ein deutlich erhöhtes Beta-2-Mikroglobulin steht für Stadium III, und alles, was dazwischen liegt, fällt in Stadium II. Die Stufen beschreiben dabei, wie aktiv die Erkrankung zum Zeitpunkt der Diagnose ist, und nicht, wie es ausgeht.
Warum es R-ISS und R2-ISS gibt
Das reine ISS ist einfach, aber grob, weshalb zwei verfeinerte Versionen dazugekommen sind, die dasselbe Grundgerüst nutzen und es um weitere Merkmale ergänzen.
Das R-ISS von 2015
Das R-ISS von 2015, also das überarbeitete ISS, nimmt zwei Dinge hinzu: den Laborwert LDH, der bei rascher wachsenden Erkrankungen erhöht sein kann, und bestimmte Veränderungen im Erbgut der Myelomzellen, die als Hochrisiko gelten und im Befund als del(17p), t(4;14) oder t(14;16) auftauchen. Gefunden werden diese Veränderungen mit einer besonderen Untersuchung der Chromosomen, also der Träger des Erbguts, in einer Knochenmarkprobe. Bei drei Stufen bleibt das R-ISS zwar, es trennt die Verläufe aber schärfer als das alte ISS.
Das R2-ISS von 2022
Das R2-ISS von 2022, die zweite Überarbeitung, ist die feinste dieser Einteilungen und gilt heute als Maßstab, so auch in der aktuellen europäischen Leitlinie vom September 2025. Es berücksichtigt zusätzlich einen Zugewinn an Erbmaterial am Chromosom 1, der im Befund 1q-Zugewinn heißt, und teilt nicht mehr in drei, sondern in vier Risikogruppen von I bis IV ein. Diese vierte Gruppe hat einen praktischen Hintergrund: In den älteren Systemen landete ein großer Teil der Betroffenen im mittleren Stadium, das dadurch sehr unterschiedliche Verläufe zusammenwarf, während die vierstufige Einteilung das Risiko genauer abbildet. In der Praxis begegnet vielen trotzdem weiterhin das R-ISS, weil es lange der gängige Maßstab war und beide Systeme aufeinander aufbauen. Und die Arbeit daran geht weiter, denn ein internationaler Fachkonsens von 2025 hat weitere Merkmale zusammengetragen, mit denen sich das Risiko noch genauer beschreiben lässt.
Was ein höheres Stadium bedeutet
Über alle drei Systeme hinweg gilt dieselbe Rangfolge: Ein höheres Stadium steht im Schnitt für einen zunächst aktiveren Verlauf und damit für ein höheres Ausgangsrisiko. Das Behandlungsteam schaut deshalb von Anfang an genauer hin, kontrolliert engmaschiger und stimmt die Therapie darauf ab. Ein hohes Stadium heißt aber ausdrücklich nicht, dass moderne Behandlungen schlechter wirken. Eine Auswertung neuerer Antikörpertherapien aus dem Jahr 2024 zeigte, dass diese über alle Risikogruppen hinweg gleichermaßen anschlugen, und so beschreibt das höhere Stadium den Startpunkt, nicht die Wirksamkeit der Behandlung.
Hinzu kommt, dass das Stadium immer nur ein Baustein ist. Bei einer selteneren Unterform, dem Leichtketten-Myelom, stellen die veränderten Zellen keine vollständigen Antikörper mehr her, sondern nur noch deren kleine Bausteine, die sogenannten Leichtketten. Dabei bleibt der Albuminwert manchmal normal, obwohl die Erkrankung schon fortgeschritten ist. Genau deshalb wird das Stadium nie isoliert gelesen, sondern von der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt immer im Zusammenhang mit dem gesamten Befund eingeordnet.
Wie die Aussichten sind und was ein Stadium darüber sagen kann
Ein Stadium sagt über die persönliche Zukunft weniger aus, als viele beim Lesen befürchten. Die Überlebenszahlen aus den Ursprungsstudien zu ISS und R-ISS stammen aus einer Zeit vor den heutigen Kombinationstherapien. Sie zeigen zwar, dass ein höheres Stadium damals im Durchschnitt mit einem schwereren Verlauf einherging, taugen als Vorhersage für heute aber nicht mehr. Seitdem sind nämlich mehrere Gruppen deutlich wirksamerer Wirkstoffe dazugekommen, die die Erkrankung auf ganz unterschiedlichen Wegen angreifen.
Die einen, die Proteasom-Hemmer, legen die zelleigene Müllabfuhr lahm, sodass die kranke Zelle an ihrem eigenen Eiweißabfall zugrunde geht. Andere, die immunmodulierenden Medikamente, bremsen diese Zellen und bringen zugleich die körpereigene Abwehr dazu, sie wieder stärker anzugreifen. Auf dieselbe Abwehr setzen auch nachgebaute Antikörper, die an ein Merkmal namens CD38 auf der Oberfläche der Myelomzellen andocken und sie so für das Immunsystem sichtbar machen. Die aktuelle europäische Leitlinie hält deshalb ausdrücklich fest, dass sich die Behandlung seit jenen alten Studien stark verändert hat.
Auch ein Stadium III oder eine hohe R2-ISS-Gruppe ist damit kein Urteil über den weiteren Weg. Die Einstufung beschreibt das Risiko zum Zeitpunkt der Diagnose und mittelt über sehr viele, sehr unterschiedliche Menschen, sodass sie über den Einzelnen wenig aussagt. Wie die persönliche Situation einzuschätzen ist, kann am besten das Team beurteilen, das die Behandlung begleitet. Wer eine Einstufung im Arztbrief liest, kann sie deshalb im nächsten Gespräch ganz konkret ansprechen: welche Werte zu diesem Stadium geführt haben, ob eine Untersuchung der Chromosomen vorliegt und was beides für die geplante Behandlung bedeutet.
Quellen
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