IMiD ist eine englische Abkürzung und steht für immunmodulatorische Substanzen, eine Gruppe von Krebsmedikamenten, die vor allem beim Multiplen Myelom eingesetzt werden, einer Krebserkrankung des Knochenmarks. Zu ihr gehören Thalidomid, Lenalidomid und Pomalidomid, die die Krebszellen direkt bremsen und zugleich die körpereigene Abwehr so umstimmen, dass sie sich stärker gegen den Tumor richtet. Von dieser Wirkung auf die Abwehr kommt der Name.
Wenn das Kürzel in einem Arztbrief oder einem Therapieplan auftaucht oder wenn ein solches Medikament vorgeschlagen wurde, geht es fast immer um eine dieser drei Substanzen.
Welche Wirkstoffe zu den IMiDs gehören
Die drei Substanzen bauen chemisch aufeinander auf. Thalidomid ist der älteste Vertreter und wird beim Multiplen Myelom heute seltener genutzt, weil die neueren Mittel ähnlich gut wirken und die Nerven weniger belasten. Aus ihm entwickelt wurde Lenalidomid, das inzwischen zu den am breitesten eingesetzten Mitteln bei dieser Erkrankung gehört, während Pomalidomid als drittes und neuestes Mittel dazukam und oft noch wirkt, wenn andere Myelom-Medikamente nicht mehr ausreichend anschlagen.
Weil alle drei ein gemeinsames chemisches Grundgerüst teilen und auf ähnliche Weise wirken, spricht man von einer Wirkstoffklasse und nicht von einem einzelnen Medikament. Unterschiede gibt es trotzdem, in der Stärke ebenso wie darin, in welcher Krankheitssituation sich das jeweilige Mittel bewährt hat. Welcher der drei im Einzelfall passt, entscheidet das behandelnde Team.
Wie diese Medikamente wirken
Sie greifen an einem Eiweiß im Inneren der Zelle an, das Cereblon heißt und zur zelleigenen Müllabfuhr gehört, also zu dem System, das überflüssige Eiweiße markiert und abbaut. Klinkt sich eines der Medikamente dort ein, lenkt es diese Müllabfuhr um, sodass sie ausgerechnet jene Eiweiße abbaut, die die Myelomzellen zum Wachsen brauchen. Fällt dieser Nachschub weg, gerät die Krebszelle in Bedrängnis.
Dazu kommt die Wirkung auf das Immunsystem, also auf die körpereigene Abwehr: Die Medikamente wecken bestimmte Abwehrzellen und richten sie stärker gegen die Tumorzellen aus. Es ist also nicht ein einzelner Effekt, sondern ein Zusammenspiel aus mehreren, das die Erkrankung zurückdrängt.
Wogegen sie eingesetzt werden
Das wichtigste Einsatzgebiet ist das Multiple Myelom, wobei die Wirkstoffe dort meist nicht allein gegeben, sondern mit anderen Medikamenten kombiniert werden, häufig mit dem Kortisonpräparat Dexamethason.
Oft schließt sich eine Erhaltungstherapie an, bei der das Medikament nach der eigentlichen Behandlung über längere Zeit weitergegeben wird, um die Erkrankung möglichst lange in Schach zu halten. Nach einer Stammzelltransplantation, bei der blutbildende Zellen übertragen werden, verlängert eine solche Erhaltungstherapie mit Lenalidomid die krankheitsfreie Zeit deutlich, wie eine Auswertung mehrerer Studien aus dem Jahr 2017 zeigte.
Lenalidomid hat darüber hinaus zwei weitere Einsatzgebiete. Es hilft bei einer bestimmten Form des myelodysplastischen Syndroms, einer Störung der Blutbildung, und zwar bei jener Form, bei der in den Blutzellen ein Stück des Chromosoms 5 fehlt und im Befund dafür oft die Abkürzung del(5q) steht. Hier bessert der Wirkstoff vor allem die Blutarmut. Außerdem wird er beim Mantelzelllymphom eingesetzt, einer Form von Lymphdrüsenkrebs.
Bei vielen Menschen wirken diese Medikamente sehr gut, aber meist nicht auf Dauer, weil die Erkrankung nach einiger Zeit unempfindlich gegen den Wirkstoff werden und wieder wachsen kann. Dann wechselt die Behandlung auf eine andere Kombination, etwa auf Pomalidomid, oder auf eine ganz andere Therapieform.
Die wichtigsten Nebenwirkungen und Sicherheitsregeln
IMiDs wirken kräftig, und wie alle wirksamen Krebstherapien bringen sie Nebenwirkungen mit sich, die man kennen und ernst nehmen sollte.
Erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel
Unter der Behandlung steigt das Risiko für Thrombosen, also für Blutgerinnsel in den Venen, und besonders deutlich dann, wenn der Wirkstoff mit Dexamethason kombiniert wird, was der Normalfall ist. Deshalb bekommen die meisten Betroffenen von Anfang an ein Mittel zur Vorbeugung, das die Blutgerinnung hemmt: je nach persönlichem Risiko niedrig dosierte Acetylsalicylsäure, kurz ASS, oder eine Spritze mit dem Blutverdünner Heparin. Welche Vorbeugung die richtige ist, hängt von weiteren Risikofaktoren ab, etwa von früheren Thrombosen, von Bewegungsmangel oder von Operationen, und wird vom Behandlungsteam festgelegt.
Niemals in der Schwangerschaft
IMiDs können beim ungeborenen Kind schwere Fehlbildungen auslösen und dürfen deshalb unter keinen Umständen in der Schwangerschaft eingenommen werden. Für Menschen, die schwanger werden können, gelten darum strenge Verhütungsregeln samt Schwangerschaftstests vor und während der Behandlung.
Diese Vorsicht hat einen ernsten historischen Hintergrund: Thalidomid wurde Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre unter anderem gegen Schwangerschaftsübelkeit verkauft, und weltweit kamen dadurch über zehntausend Kinder mit schweren Fehlbildungen an Armen, Beinen und Organen zur Welt. In Deutschland ist das als Contergan-Skandal bekannt. Genau aus dieser Erfahrung stammen die strengen Schutzmaßnahmen, die heute für die ganze Wirkstoffgruppe gelten; werden sie eingehalten, lassen sich diese Medikamente bei Erwachsenen sicher einsetzen.
Niedrige Blutwerte
Am häufigsten sinken unter der Behandlung die Blutwerte, es sind dann zu wenige weiße oder rote Blutkörperchen oder Blutplättchen im Blut unterwegs. Das ist zugleich der häufigste Grund, eine Behandlung zu pausieren oder die Dosis zu verringern, weshalb das Blutbild regelmäßig kontrolliert wird. Nach einer Pause oder einer angepassten Dosis erholen sich die Werte meist wieder.
Recht häufig sind außerdem Müdigkeit und Erschöpfung, Hautausschlag sowie Magen-Darm-Beschwerden. Der Ausschlag ist meist leicht und gut behandelbar, im Alltag aber nicht zu unterschätzen: Beim myelodysplastischen Syndrom war er in der Praxis der häufigste Grund, aus dem Betroffene Lenalidomid wieder absetzten. Seltener steigen die Leberwerte an, und bei einer langen Erhaltungstherapie mit Lenalidomid ist das Risiko für eine zweite Krebserkrankung leicht erhöht, was den deutlichen Nutzen für das Überleben aber nicht aufhebt. All diese Punkte behält das Behandlungsteam bei den regelmäßigen Kontrollterminen im Blick.
Was sie von anderen Myelom-Therapien unterscheidet
Beim Multiplen Myelom werden mehrere Medikamentengruppen miteinander kombiniert, und die IMiDs sind eine davon. Sie sind die Gruppe, die zugleich auf die Krebszelle und auf die körpereigene Abwehr wirkt, und sie lassen sich als Tablette einnehmen. Die übrigen Gruppen setzen an anderen Stellen an: Proteasom-Hemmer blockieren die zelleigene Müllabfuhr, sodass sich Abfalleiweiße in der Krebszelle anstauen, bis diese daran zugrunde geht, während die eingesetzten Antikörper nachgebaute Abwehreiweiße sind, die sich an die Myelomzellen heften und die körpereigene Abwehr auf sie aufmerksam machen. Gerade weil die Gruppen so unterschiedlich wirken, ergänzen sie sich in einer Kombination gut. Welche Bausteine im Einzelfall zusammenkommen, hängt von der Krankheitssituation ab, von Vorbehandlungen und davon, was gut vertragen wird.
Quellen
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