Multiples Myelom: Heilbar oder behandelbar?

Multiples Myelom: Heilbar oder behandelbar?

Das multiple Myelom ist eine Krebserkrankung des Knochenmarks, bei der sich bestimmte weiße Blutzellen, die Plasmazellen, bösartig verändern und unkontrolliert vermehren. Diese entarteten Plasmazellen bilden ein einheitliches, funktionsloses Eiweiß, das sich in Blut und Urin nachweisen lässt und dem Körper auf Dauer schadet. Ältere Bezeichnungen für dieselbe Erkrankung sind Morbus Kahler oder Plasmozytom.

Das multiple Myelom lässt sich heute sehr viel besser behandeln als noch vor wenigen Jahren, und viele Betroffene leben lange und mit guter Lebensqualität mit der Erkrankung. Auf dieser Seite erfährst du, was hinter dem Begriff steckt, welche Beschwerden typisch sind, wie behandelt wird und was die Aussichten sein können.

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Was im Körper passiert

Plasmazellen sind eigentlich nützliche Helfer des Immunsystems. Sie sitzen im Knochenmark und produzieren Antikörper, also Eiweiße, die den Körper vor Krankheitserregern schützen. Beim multiplen Myelom entartet eine einzelne dieser Zellen und vermehrt sich zu vielen identischen Kopien. Weil alle diese kranken Zellen von einer einzigen Ursprungszelle abstammen, stellen sie auch alle denselben Antikörper her, das sogenannte monoklonale Eiweiß oder M-Protein.

Dieses M-Protein kann keine Krankheitserreger abwehren, sammelt sich aber im Blut an und kann die Nieren belasten. Gleichzeitig verdrängen die kranken Plasmazellen im Knochenmark die gesunde Blutbildung und lösen Signale aus, die Knochen abbauen. Aus diesem Zusammenspiel erklären sich die meisten Beschwerden.

Der Weg von MGUS zum aktiven Myelom

Ein multiples Myelom entsteht fast nie aus dem Nichts. Meist geht ihm über Jahre eine völlig harmlose Vorstufe voraus, die man MGUS nennt (die Abkürzung steht für eine monoklonale Vermehrung von Plasmazellen ohne Krankheitswert). Bei einer MGUS lässt sich zwar schon etwas M-Protein nachweisen, aber die Zellen machen keine Beschwerden und richten keinen Schaden an. Sehr viele ältere Menschen tragen eine MGUS in sich, ohne je davon zu erfahren.

Nur ein kleiner Teil dieser Vorstufen entwickelt sich weiter: Aus einer MGUS wird etwa bei einer von hundert Personen pro Jahr im Lauf der Zeit ein Myelom oder eine verwandte Erkrankung. In einer großen Langzeitbeobachtung über mehrere Jahrzehnte schritt eine MGUS bei rund 11 Prozent der Betroffenen fort. Deshalb wird eine MGUS regelmäßig kontrolliert, ist aber kein Grund zu akuter Sorge.

Die Zwischenstufe heißt schwelendes Myelom (auf Englisch smoldering myeloma). Hier sind schon mehr kranke Plasmazellen vorhanden, aber noch immer ohne Organschäden. Erst wenn Beschwerden oder bestimmte Warnzeichen auftreten, spricht man vom aktiven, behandlungsbedürftigen multiplen Myelom. Man kann sich diese Reihe MGUS, schwelendes Myelom und aktives Myelom als langsam ansteigende Stufen vorstellen, die längst nicht jeder Mensch bis zum Ende durchläuft.

Woran man ein Myelom erkennt: die typischen Symptome

Die typischen Symptome fassen Fachleute unter dem Kürzel CRAB zusammen, das für vier Hauptprobleme steht. Am häufigsten sind Knochenschmerzen und ein Abbau der Knochensubstanz: Sehr häufig zeigen sich schon bei der Diagnose Knochenveränderungen, oft im Rücken, an den Rippen oder in der Hüfte. Die Knochen können dünner und brüchiger werden, sodass es leichter zu Brüchen kommt.

Weil die kranken Zellen die gesunde Blutbildung verdrängen, entsteht häufig eine Blutarmut. Sie macht sich als anhaltende Müdigkeit, Blässe und Leistungsknick bemerkbar. Weil die gesunden Antikörper fehlen, sind viele Betroffene außerdem infektanfälliger und bekommen häufiger Infekte. Zwei weitere Warnzeichen betreffen die Nieren, die durch das M-Protein geschwächt werden können, und einen erhöhten Kalziumspiegel im Blut, der aus dem Knochenabbau stammt und zu Übelkeit, Verstopfung und Verwirrtheit führen kann.

Wichtig ist, dass keines dieser Zeichen für sich allein ein Myelom beweist, denn Müdigkeit oder Rückenschmerzen haben meist ganz harmlose Gründe. Die Ärztin oder der Arzt setzt das Bild aus Blut- und Urinuntersuchungen, einer Knochenmarkprobe und Bildgebung zusammen.

Warum es entsteht: die Ursachen, und warum niemand daran schuld ist

Die genauen Ursachen, warum sich Plasmazellen bösartig verändern, sind bis heute weitgehend ungeklärt. Nach allem, was man weiß, entsteht ein multiples Myelom nicht durch die eigene Lebensweise, nicht durch Ernährung, Stress oder etwas, das man falsch gemacht hätte. Niemand ist an dieser Erkrankung selbst schuld, und man kann sich auch nicht bei anderen anstecken.

Der wichtigste bekannte Faktor ist schlicht das Alter. Die meisten Menschen erkranken jenseits der 70, das mittlere Alter bei Diagnose liegt bei etwa 72 bis 74 Jahren, und vor dem 45. Lebensjahr ist die Erkrankung ausgesprochen selten. Dass das Myelom mit dem Alter häufiger wird, liegt daran, dass sich zufällige Fehler in den Zellen über ein langes Leben hinweg ansammeln können, nicht an einem bestimmten Verschulden.

Wie behandelt wird

Wie behandelt wird, hängt vor allem vom Stadium ab. Eine MGUS und ein schwelendes Myelom ohne Warnzeichen werden in der Regel nur beobachtet, also mit regelmäßigen Kontrollen begleitet, ohne dass schon Medikamente nötig sind. Behandelt wird erst, wenn ein aktives Myelom vorliegt.

Für die erste Behandlung eines aktiven Myeloms gibt es heute einen klaren Standard. Nach der aktuellen deutschen Leitlinie (Onkopedia, Stand Oktober 2024) kombiniert man bei körperlich geeigneten Patient:innen vier Wirkstoffe: einen sogenannten CD38-Antikörper (Daratumumab oder Isatuximab) zusammen mit den Wirkstoffen Bortezomib, Lenalidomid und Kortison. Diese Viererkombination bringt die Erkrankung bei vielen Menschen sehr weit zurück. Anschließend folgt, wenn es der Allgemeinzustand erlaubt, eine autologe Stammzelltransplantation: Dabei werden eigene, zuvor entnommene Blutstammzellen nach einer hochdosierten Chemotherapie zurückgegeben. Danach schließt sich eine Erhaltungstherapie mit Lenalidomid an, die das Ergebnis möglichst lange stabil halten soll. Wer für eine Transplantation nicht infrage kommt, wird mit einer angepassten, dauerhaften Medikamentenkombination behandelt.

Vielleicht hast du auch von der CAR-T-Zelltherapie oder von bispezifischen Antikörpern gehört, zwei modernen Verfahren, die das eigene Immunsystem gezielt gegen die Krebszellen lenken. Sie sind sehr wirksam, kommen nach heutigem Stand aber vor allem dann zum Einsatz, wenn die Erkrankung nach einer Vorbehandlung zurückkehrt, und nicht schon als erste Therapie. Welche Behandlung im Einzelfall passt, entscheidet das behandelnde Team gemeinsam mit den Betroffenen.

Ein Sonderfall ist das schwelende Myelom mit besonders hohem Rückfallrisiko. Neuere Studien deuten darauf hin, dass hier eine frühe Antikörperbehandlung das Fortschreiten hinauszögern könnte. Das ist ein Feld, das gerade in Bewegung ist, und noch kein allgemein gültiger Standard für alle mit schwelendem Myelom, sondern eine Abwägung im Einzelfall.

Ist das multiple Myelom heilbar?

Das multiple Myelom gilt derzeit meist nicht als heilbar im Sinne eines dauerhaften, endgültigen Verschwindens. Das ist aber nur die halbe Wahrheit, denn die Erkrankung ist heute sehr gut und Jahr für Jahr besser behandelbar, und das Behandlungsziel ist ein realistisches und ermutigendes: die kranken Zellen weit zurückzudrängen, Beschwerden zu lindern und lange Phasen ohne Fortschreiten zu erreichen.

Durch die neuen Antikörper- und Zelltherapien haben sich die Ergebnisse in den letzten Jahren deutlich verbessert. Viele Menschen leben heute über viele Jahre gut mit der Erkrankung, und bei einem Teil der Betroffenen lässt sich das Myelom so weit zurückdrängen, dass über lange Zeit keine Krankheitszeichen mehr nachweisbar sind. Das Myelom ist damit für viele mehr eine chronische, behandelbare Erkrankung geworden als ein kurzfristig bedrohliches Ereignis.

Wie die Aussichten sind und wie lange man damit leben kann

Zu Überlebenszahlen und zur Lebenserwartung liest man online oft nackte Prozentangaben. Sie sind mit Vorsicht zu genießen, denn solche Zahlen sind Durchschnittswerte über sehr unterschiedliche Menschen hinweg, und sie sagen über den einzelnen Verlauf wenig aus. Sie stammen außerdem meist aus der Vergangenheit und bilden die neuesten Behandlungen noch gar nicht ab. Wie die Aussichten im konkreten Fall sind, hängt vom Stadium, vom Alter, von Begleiterkrankungen und vom Ansprechen auf die Therapie ab, und das kann am besten das behandelnde Team einschätzen. Eine Statistik ist kein Urteil über einen Menschen.

Manche Betroffene stoßen bei der Suche auch auf den Begriff Endstadium. Damit ist eine weit fortgeschrittene Erkrankung gemeint, die auf mehrere Behandlungen nicht mehr ausreichend anspricht. Eine neue Diagnose liegt von diesem fortgeschrittenen Punkt meist noch weit entfernt. Auch bei fortgeschrittener Erkrankung bestehen heute noch viele Behandlungsmöglichkeiten, und selbst dann lässt sich viel tun, um Beschwerden zu lindern und Lebensqualität zu erhalten. Über den eigenen Verlauf und die persönlichen Aussichten spricht man am besten offen mit dem behandelnden Team.

Was Betroffenen jetzt hilft

Neben der eigentlichen Krebsbehandlung gibt es einiges, das den Verlauf erleichtern kann. Zur Behandlung gehören oft Mittel, die die Knochen stärken und vor Brüchen schützen, sowie ein Augenmerk auf die Nieren, etwa durch ausreichendes Trinken in Absprache mit dem Behandlungsteam. Weil Infekte durch die geschwächte Abwehr leichter auftreten, sind Impfungen und eine rasche ärztliche Abklärung bei Fieber sinnvoll. Moderate Bewegung, so weit sie möglich und ärztlich abgesprochen ist, tut den Knochen und dem Allgemeinzustand gut.

Genauso wichtig ist die seelische Seite. Eine Krebsdiagnose zu verarbeiten, braucht Zeit, und niemand muss das allein schaffen. Eine psychoonkologische Begleitung, der Austausch in einer Selbsthilfegruppe und offene Gespräche mit den behandelnden Ärzt:innen können sehr entlasten. Eine zweite Meinung einzuholen ist bei einer solchen Diagnose völlig legitim und oft beruhigend. Wenn du in einem Arztbrief oder Befund einzelne Begriffe nicht verstehst, kann Onno sie dir in einfache Worte übersetzen.

Quellen

Onkopedia-Leitlinie „Multiples Myelom". DGHO, Stand Oktober 2024. Quelle.

Rajkumar SV, Dimopoulos MA, Palumbo A, et al. International Myeloma Working Group updated criteria for the diagnosis of multiple myeloma. Lancet Oncol, 2014. DOI.

Kyle RA, Larson DR, Therneau TM, et al. Long-Term Follow-up of Monoclonal Gammopathy of Undetermined Significance. N Engl J Med, 2018. DOI.

Lonial S, Jacobus S, Fonseca R, et al. Randomized Trial of Lenalidomide Versus Observation in Smoldering Multiple Myeloma. J Clin Oncol, 2020. DOI.

Dimopoulos MA, Voorhees PM, Schjesvold F, et al. Daratumumab or Active Monitoring for High-Risk Smoldering Multiple Myeloma. N Engl J Med, 2025. DOI.

Sonneveld P, Dimopoulos MA, Boccadoro M, et al. Daratumumab, Bortezomib, Lenalidomide, and Dexamethasone for Multiple Myeloma. N Engl J Med, 2024. DOI.

BITTE BEACHTEN

Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und kann nicht das persönliche Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt ersetzen. Für eine individuelle Diagnose, Therapieempfehlung und Behandlung konsultieren Sie bitte immer medizinisches Fachpersonal.

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