ED beim Hund: Vier Probleme unter einem Namen

ED beim Hund: Vier Probleme unter einem Namen

ED ist die übliche Abkürzung für Ellbogendysplasie, eine Fehlentwicklung des Ellbogengelenks, die bei jungen Hunden im Wachstum entsteht und vor allem größere Rassen betrifft. Der Name klingt nach einer einzelnen Krankheit, ist aber ein Sammelbegriff für mehrere verschiedene Probleme im Ellbogen, die einzeln oder gemeinsam auftreten. Gemeinsam ist ihnen, dass die Gelenkflächen nicht sauber aufeinanderpassen, der Knorpel dadurch ungleich belastet wird und das Gelenk mit der Zeit verschleißt.

Wenn du ED auf einem Untersuchungsbefund liest, steht meistens eine Zahl von 0 bis 3 dahinter. Diese Zahl beschreibt, wie stark die Veränderungen auf dem Röntgenbild ausgeprägt sind. Welches der Probleme dein Hund genau hat, verrät sie allerdings nicht, und genau das entscheidet später darüber, was sich behandeln lässt.

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Vier verschiedene Probleme unter einem Namen

Der Ellbogen ist ein Gelenk aus drei Knochen: dem Oberarmknochen von oben und den beiden Unterarmknochen, Elle und Speiche, von unten. Damit das reibungslos funktioniert, müssen alle drei im Wachstum genau zueinander passen. Vier Störungen können das verhindern, und der Sammelbegriff Ellbogendysplasie fasst sie zusammen.

Ein abgesprengtes Knochenstück

Am inneren Rand der Elle sitzt ein kleiner Knochenvorsprung, der Kronfortsatz. Bei dieser Form löst sich ein Stück davon ab und liegt lose im Gelenk, wo es bei jeder Bewegung mitscheuert. Tierärztinnen und Tierärzte nennen das einen fragmentierten Processus coronoideus, oft abgekürzt als FCP. In einer großen niederländischen Auswertung an Labrador Retrievern, Golden Retrievern und Berner Sennenhunden war das mit Abstand die häufigste Form, bei Berner Sennenhunden deutlich häufiger als bei den beiden Retrieverrassen.

Eine gestörte Knorpelreifung

Beim wachsenden Hund wird Knorpel nach und nach in Knochen umgebaut. Klappt das an der Gelenkrolle des Oberarmknochens nicht richtig, bleibt der Knorpel dort zu dick, wird schlecht versorgt und kann einreißen oder sich ablösen. Diese Reifungsstörung heißt Osteochondrose, das abgelöste Stück Knorpel wird als Osteochondrosis dissecans oder OCD bezeichnet.

Ein Fortsatz, der nicht anwächst

Hinten an der Elle sitzt ein Knochenfortsatz, der das Gelenk beim Strecken abstützt. Normalerweise wächst er im ersten Lebensjahr fest mit der Elle zusammen. Bleibt diese Verbindung aus, bleibt der Fortsatz beweglich und reizt das Gelenk dauerhaft. Der Fachbegriff dafür ist ununited anconeal process, kurz UAP, also ein nicht verwachsener Ellbogenfortsatz.

Gelenkflächen, die nicht zusammenpassen

Elle und Speiche wachsen nicht immer gleich schnell. Bleibt eine der beiden zurück, entsteht im Gelenk eine kleine Stufe, und die Last verteilt sich ungleich. Diese Fehlpassung wird Gelenkinkongruenz genannt und ist oft der Grund, aus dem eines der anderen drei Probleme überhaupt erst entsteht.

Was die Grade 0 bis 3 auf dem Befund bedeuten

Die Bewertung folgt den Vorgaben der International Elbow Working Group, einer internationalen Fachgruppe, und wird auf dem Röntgenbild vorgenommen. Beurteilt werden zwei Dinge: ob eine der vier Grunderkrankungen zu sehen ist, und wie viel zusätzlicher Knochen sich bereits an den Gelenkrändern angelagert hat. Diese Anlagerungen sind das Röntgenzeichen für Arthrose, also für Gelenkverschleiß, und sie werden in Millimetern gemessen.

Grad 0 bedeutet ein unauffälliges Gelenk. Bei Grad 1 ist keine Grunderkrankung sichtbar, aber es zeigen sich bereits leichte Anlagerungen bis zwei Millimeter. Grad 2 steht entweder für eine sichtbare Grunderkrankung ohne Arthrose oder für mittlere Anlagerungen von zwei bis fünf Millimetern. Grad 3 bedeutet, dass beides zusammen zu sehen ist, oder dass die Anlagerungen über fünf Millimeter hinausgehen. Gewertet wird immer der schlechtere der beiden Ellbogen, auch wenn der andere völlig unauffällig ist.

So sachlich die Zahl wirkt, sie beschreibt ein Röntgenbild und nicht das Befinden deines Hundes. Manche Hunde mit Grad 2 laufen jahrelang beschwerdefrei, andere mit Grad 1 zeigen deutliche Schmerzen. In einer Untersuchung an jungen Hunden fanden sich bei einem erheblichen Teil Arthrosezeichen im Röntgen, ohne dass die Halter:innen im Alltag etwas bemerkt hatten, und Schmerzen wurden entsprechend selten behandelt. Wie es deinem Hund geht, zeigt sich an seiner Bewegung, nicht an der Zahl auf dem Papier.

Woran du erste Anzeichen erkennst

Die Beschwerden beginnen meist früh, oft zwischen dem vierten und zwölften Lebensmonat, während der Hund noch wächst. Betroffen sind überwiegend mittelgroße bis große Rassen, häufig Labrador und Golden Retriever, Berner Sennenhunde, Rottweiler oder Deutsche Schäferhunde. Typisch ist eine Lahmheit an einem Vorderbein, die kommt und geht.

Viele Hunde zeigen es nicht als offensichtliches Humpeln, sondern subtiler: Sie mögen nicht mehr so lange laufen, bleiben beim Spielen früher stehen, wollen ungern springen oder Treppen steigen, lecken auffällig oft am Ellbogen oder liegen nach dem Spaziergang länger als sonst. Weil sich das schleichend entwickelt, wird es leicht als Charakter oder Faulheit gedeutet. Wenn ein junger Hund im Wachstum wiederholt lahmt, gehört das in die Tierarztpraxis, auch wenn es zwischendurch wieder besser aussieht.

Das typische Gangbild bei ED

Am deutlichsten ist die Lahmheit nach dem Aufstehen und nach längerer Ruhe, das sogenannte Anlaufen, und noch einmal nach starker Belastung. Nach ein paar Minuten Bewegung läuft sich der Hund oft merklich ein, was viele Halter:innen beruhigt, obwohl das Problem bleibt.

Charakteristisch ist außerdem, wie der Hund das Bein führt. Er hält den Ellbogen etwas vom Körper weg und schwingt die Pfote beim Vorführen nach außen, ein wenig wie beim Rudern, weil das dem gereizten inneren Gelenkanteil Last abnimmt. Beim Sitzen dreht sich der Unterarm dabei häufig nach außen.

Sehr oft sind beide Ellbogen betroffen, und das verändert das Bild grundlegend. Dann fehlt das gesunde Bein, mit dem sich der Hund entlasten könnte, und statt eines klaren Hinkens auf einer Seite siehst du einen steifen, verkürzten Gang mit kleinen Schritten und einer eher steifen Vorhand. Genau diese beidseitige Form wird am häufigsten übersehen, weil sie nicht nach Lahmheit aussieht, sondern nach einem Hund, der einfach etwas unbeweglich läuft.

HD und ED: zwei Abkürzungen, zwei Gelenke

Auf Zuchtpapieren stehen beide Kürzel oft direkt nebeneinander, deshalb werden sie leicht verwechselt. HD steht für Hüftdysplasie und betrifft das Hüftgelenk, ED für Ellbogendysplasie und damit das Ellbogengelenk. Es sind zwei getrennte Untersuchungen mit eigenen Röntgenaufnahmen und eigenen Bewertungsskalen: Die Hüfte wird mit den Buchstaben A bis E beurteilt, der Ellbogen mit den Zahlen 0 bis 3. Ein Hund kann beides haben, oft hat er nur eins von beidem, und vom einen Ergebnis lässt sich nicht auf das andere schließen. Was hinter der Hüftdysplasie steckt, ist ein Thema für sich und in einem eigenen Artikel beschrieben.

Was du für deinen Hund tun kannst

Der erste Schritt ist eine saubere Diagnose. Zur orthopädischen Untersuchung kommen Röntgenaufnahmen beider Ellbogen, und weil sich gerade ein abgesprengtes Knochenstück im Röntgen leicht der Sicht entzieht, wird oft zusätzlich eine Computertomografie gemacht, also eine Röntgenuntersuchung in feinen Schichten. Erst wenn klar ist, welches der vier Probleme vorliegt, lässt sich sinnvoll entscheiden.

Was sich ohne Operation erreichen lässt

Bei milden Befunden und wenig Beschwerden steht die konservative Behandlung an erster Stelle, und sie bleibt auch nach einer Operation wichtig. Der wirksamste Hebel liegt beim Gewicht: Jedes Kilo zu viel geht direkt auf die Vorderbeine, und ein schlanker Hund kommt spürbar besser zurecht. Dazu kommt gleichmäßige, dosierte Bewegung statt Belastungsspitzen, also lieber mehrere ruhige Runden an der Leine als eine Stunde Ballspiel mit abrupten Stopps. Physiotherapie und Bewegung im Wasser erhalten Muskulatur und Beweglichkeit, ohne das Gelenk zu stauchen. Bei Schmerzen verschreibt die Tierarztpraxis entzündungshemmende Schmerzmittel, die individuell nach Gewicht und Verträglichkeit dosiert werden. Menschliche Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Diclofenac darfst du deinem Hund dagegen nie auf eigene Faust geben, sie sind für Hunde besonders riskant.

Wann eine Operation infrage kommt

Wenn ein Hund trotz dieser Maßnahmen lahmt oder Schmerzen hat, kommt ein Eingriff ins Gespräch, und welcher, hängt vom Befund ab. Ein abgesprengtes Knochenstück wird meist in einer Gelenkspiegelung über kleine Zugänge entfernt, ein nicht verwachsener Fortsatz kann verschraubt werden, und bei einer ausgeprägten Fehlpassung der Unterarmknochen lässt sich die Achse operativ korrigieren.

Eine deutsche Nachuntersuchung an Hunden nach der Entfernung des Knochenfragments zeigte, dass sich die große Mehrheit deutlich besserte und etwa zwei von drei Hunden danach nicht mehr lahmten. Bei einem Großteil der Gelenke schritt die Arthrose trotzdem weiter fort. Das ist kein Zeichen für eine misslungene Operation, sondern gehört zur Erkrankung: Der Eingriff nimmt die mechanische Ursache heraus und lindert den Schmerz, den bereits begonnenen Verschleiß hält er nicht auf. Wie sich eine Arthrose langfristig behandeln lässt, ist ein eigenes Thema und in einem separaten Artikel beschrieben.

Was sich im Wachstum beeinflussen lässt

Die Veranlagung für ED wird vererbt, und zwar über viele Gene gleichzeitig, weshalb es keinen einzelnen Gentest dafür gibt. Beeinflussbar ist trotzdem einiges. Am besten belegt ist die Fütterung: In einer über fünf Jahre begleiteten Vergleichsstudie an Labrador Retrievern entwickelten die schlanker gefütterten Hunde seltener und später eine Hüftarthrose als ihre Wurfgeschwister, die nach Belieben fressen durften. Untersucht wurde dort die Hüfte, das Prinzip, einen wachsenden Hund schlank zu halten, gilt aber als Grundlage der Empfehlung auch für den Ellbogen. Einen Welpen großer Rasse eher knapp und schlank großzuziehen statt möglichst schnell wachsen zu lassen, ist deshalb seit Jahrzehnten die zentrale Empfehlung.

Der Kastrationszeitpunkt spielt ebenfalls eine Rolle, aber nicht pauschal. Eine Auswertung über 35 Rassen zeigt, dass bei kleinen Rassen praktisch kein zusätzliches Risiko für Gelenkprobleme besteht, während bei großen und riesigen Rassen eine sehr frühe Kastration das Risiko erhöhen kann. Der richtige Zeitpunkt hängt von Rasse, Größe und Geschlecht ab und gehört individuell mit deiner Tierärztin oder deinem Tierarzt besprochen.

Auf Ebene der Zucht wirkt das Röntgenscreening, auch wenn es dauert. Eine Auswertung britischer Zuchtprogramme über sechs Rassen zeigt, dass sich Hüft- und Ellbogenwerte über Jahrzehnte kontinuierlich verbessert haben, je mehr Hunde untersucht wurden. Für einen einzelnen Wurf heißt das schlicht: Es lohnt sich, beim Welpenkauf nach den Befunden der Elterntiere zu fragen.

Wie die Aussichten sind und wie lange ein Hund mit ED leben kann

Eine Ellbogendysplasie verkürzt das Leben deines Hundes nicht. Sie ist keine lebensbedrohliche Erkrankung, sondern eine Frage von Schmerz und Beweglichkeit, und ein Hund mit ED kann bei guter Betreuung ganz normal alt werden. Was auf dem Spiel steht, ist die Lebensqualität, und darauf lässt sich viel Einfluss nehmen.

Der Verlauf ist dabei nicht vorgezeichnet. Viele Hunde kommen mit Gewichtskontrolle, angepasster Bewegung und Physiotherapie über Jahre gut zurecht, manche brauchen zeitweise oder dauerhaft ein Schmerzmittel, andere profitieren von einem Eingriff. Ein hoher Grad auf dem Befund ist kein Urteil über die kommenden Jahre, und ein niedriger ist keine Garantie, dass nie etwas kommt.

Aussagekräftiger als die Zahl ist deshalb der Hund selbst. Wie lange läuft er gern, wie steht er nach dem Ruhen auf, wie sieht die Vorhand nach einem längeren Spaziergang aus. Notiere dir solche Veränderungen und nimm sie mit in die Tierarztpraxis. Sinnvolle Fragen für den nächsten Termin sind, welches der vier Probleme bei deinem Hund konkret vorliegt, ob eine weiterführende Bildgebung sinnvoll ist, welches Idealgewicht angestrebt wird und wie ein Bewegungsplan aussehen sollte, der das Gelenk fordert, ohne es zu überlasten.

Quellen

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BITTE BEACHTEN

Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und kann nicht das persönliche Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt ersetzen. Für eine individuelle Diagnose, Therapieempfehlung und Behandlung konsultieren Sie bitte immer medizinisches Fachpersonal.

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