Woran man eine AML bemerkt
Weil die Blutbildung durcheinandergerät, treten die ersten Anzeichen oft ziemlich plötzlich auf. Fehlen rote Blutkörperchen, entsteht eine Blutarmut, die sich in anhaltender Müdigkeit und Erschöpfung, in Blässe und in Luftnot schon bei kleiner Anstrengung zeigt. Fehlen gesunde weiße Blutkörperchen, ist die Abwehr geschwächt, sodass Fieber und Infekte auftreten, die länger dauern oder immer wiederkehren. Und weil das Blut ohne genügend Blutplättchen schlechter gerinnt, kommen blaue Flecken ohne erkennbaren Anlass dazu, Nasen- oder Zahnfleischbluten und kleine punktförmige Einblutungen in der Haut, sogenannte Petechien.
Jedes dieser Anzeichen kann viele harmlose Gründe haben, doch wenn sie zusammen auftreten und sich innerhalb weniger Wochen aufbauen, sollten sie rasch ärztlich abgeklärt werden.
Wie die Diagnose gestellt wird
Blutbild und Knochenmarkprobe
Am Anfang steht ein Blutbild, bei dem das Blut im Labor untersucht wird, und schon dort fällt oft auf, dass die Zahlen der gesunden Zellen niedrig sind und untypische unreife Zellen im Blut schwimmen. Sicher wird die Diagnose aber erst durch eine Knochenmarkpunktion, bei der unter örtlicher Betäubung mit einer Nadel etwas Knochenmark aus dem Beckenkamm entnommen wird, dem kräftigen oberen Rand des Beckenknochens knapp oberhalb des Gesäßes. Unter dem Mikroskop gibt dann der Anteil der Blasten den Ausschlag: Ab einer bestimmten Menge oder bei bestimmten Veränderungen im Erbgut der Zellen gilt die Diagnose AML als gesichert.
Warum das Erbgut untersucht wird
Dazu kommt eine Untersuchung des Erbguts der Leukämiezellen, denn AML ist keine einzelne Krankheit, sondern ein Sammelbegriff für viele Unterformen mit sehr unterschiedlichem Verlauf. Die Zellen können Veränderungen an den Chromosomen tragen, den Paketen, in denen das Erbgut in der Zelle verpackt ist, oder in einzelnen Genen, die im Befund als Kürzel auftauchen.
Welche Kürzel im Befund stehen können
Zu den Kürzeln, die dabei am häufigsten auftauchen, gehört NPM1. Dieses Gen liefert den Bauplan für ein Eiweiß im Zellkern, das bei einer Veränderung an der falschen Stelle in der Zelle landet. Ähnlich häufig ist FLT3 betroffen, der Bauplan für eine Art Antenne auf der Zelloberfläche, über die die Zelle das Signal zum Wachsen empfängt und die verändert dauerhaft eingeschaltet bleibt. Daneben kann im Befund TP53 stehen, ein Kontrollgen, das beschädigte Zellen sonst an der Teilung hindert. Und hinter dem Kürzel IDH verbirgt sich ein Gen des Zellstoffwechsels, dessen Veränderung die Zellen daran hindert, richtig zu reifen. Welche dieser Veränderungen vorliegen, entscheidet mit darüber, in welche Risikogruppe die Erkrankung fällt und welche Behandlung am besten passt. Die Auswertung braucht ein paar Tage und ist die Grundlage für einen Therapieplan, der wirklich zur jeweiligen Situation passt.
Wie eine AML behandelt wird
Die Behandlung folgt keinem starren Schema, sondern richtet sich danach, wie körperlich fit jemand ist und welche genetischen Veränderungen die Leukämiezellen tragen. Behandelt wird grundsätzlich in einer Klinik, die auf Blut- und Krebserkrankungen spezialisiert ist, und meist beginnt die Therapie zügig nach der Diagnose.
Wenn jemand körperlich fit ist
Für körperlich fitte Betroffene, häufig jüngere Menschen ohne schwere Begleiterkrankungen, ist eine intensive Chemotherapie der übliche Weg. Sie beginnt mit der Induktion, einem ersten Behandlungsabschnitt, der die Leukämiezellen so weit wie möglich zurückdrängen soll und klassisch nach dem "7+3"-Schema läuft: sieben Tage lang ein Wirkstoff, das Cytarabin, dazu an drei Tagen ein zweiter. Sind danach keine Leukämiezellen mehr nachweisbar, ist also eine Remission erreicht, folgt mit der Konsolidierung ein zweiter Abschnitt, der diesen Erfolg festigen soll. Bei höherem Rückfallrisiko kann zusätzlich eine allogene Stammzelltransplantation infrage kommen, bei der die kranke Blutbildung durch gesunde Blutstammzellen einer anderen Person ersetzt wird. Sie ist belastend, bietet aber bei bestimmten Formen die beste Chance auf dauerhafte Heilung.
Wenn eine intensive Chemotherapie zu viel wäre
Für ältere oder nicht ausreichend fitte Betroffene wäre eine so intensive Chemotherapie zu riskant, weshalb hier eine schonendere Kombination aus zwei Wirkstoffen den Standard bildet: Azacitidin zusammen mit Venetoclax. Die aktuelle Leitlinie (Onkopedia, Stand September 2025) empfiehlt sie als gut belegte Behandlung, mit der man beginnt, weil sie das Überleben gegenüber der alleinigen Vorgängerbehandlung deutlich verlängert und dabei besser verträglich ist. Tragen die Zellen bestimmte Veränderungen im Erbgut, etwa an FLT3 oder IDH, kommen zusätzlich zielgerichtete Medikamente infrage, die genau an dieser Veränderung ansetzen. Welches davon passt, hängt von der genauen Veränderung und der persönlichen Situation ab.
Die Promyelozytenleukämie, ein Sonderfall mit guten Aussichten
Eine Unterform ist die akute Promyelozytenleukämie, kurz APL, die früher gefürchtet war und heute als eine der am besten heilbaren Leukämien überhaupt gilt. Behandelt wird sie meist ganz ohne klassische Chemotherapie, nämlich mit einer Kombination aus ATRA, einer Form der Vitamin-A-Säure, und Arsentrioxid, mit der die Mehrheit der Betroffenen dauerhaft geheilt wird. Bei dieser Form muss die Behandlung allerdings sehr schnell beginnen, und die Blutgerinnung wird eng überwacht, weil sie hier besonders leicht aus dem Gleichgewicht gerät. Wer diesen Begriff auf einem Befund liest, hat es also mit einer vergleichsweise guten Nachricht innerhalb einer ernsten Diagnose zu tun.
Wie die Aussichten sind und wie lange man damit leben kann
Die Aussichten unterscheiden sich von Fall zu Fall enorm, weil sie vor allem vom Alter, vom Allgemeinzustand und ganz besonders von den genetischen Merkmalen der Leukämiezellen abhängen. Aus einer allgemeinen Statistik lässt sich deshalb kaum ableiten, wie es einem einzelnen Menschen ergehen wird: Eine Zahl, die über tausend sehr verschiedene Verläufe gemittelt ist, sagt über den eigenen Fall wenig aus.
Fachleute teilen die AML in Risikogruppen ein, die sich aus der Genetik ergeben, und während bei einigen genetischen Mustern die Heilungschancen gut sind, ist die Erkrankung bei anderen schwerer zu behandeln. Sobald die genetischen Ergebnisse vorliegen, kann die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt die persönliche Lage deshalb weit besser einschätzen als jede Statistik. Auch bei aggressiven Formen lässt sich heute viel tun, manche Unterformen sind heilbar, und die Behandlung hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht.
Immer wieder fällt in diesem Zusammenhang das Wort Endstadium. Gemeint ist damit eine Situation, in der die Leukämie auf die verfügbaren Behandlungen nicht mehr anspricht, und auch dann bleibt viel möglich: Eine gute palliative Versorgung, also eine lindernde Begleitung, kann Beschwerden nehmen, Kraft geben und den Betroffenen wie ihren Angehörigen Halt bieten. Über diesen Punkt zu sprechen fällt schwer, doch niemand muss ihn allein bewältigen, und das Behandlungsteam plant solche Schritte behutsam mit.
Woher eine AML kommt
Viele fragen sich nach der Diagnose, ob sie selbst etwas falsch gemacht haben. In den allermeisten Fällen lässt sich jedoch kein Auslöser finden, und die Erkrankung entsteht nicht durch etwas, das man getan oder unterlassen hat. Sie ist kein Verschulden und in aller Regel auch nicht ansteckend oder vererbt.
Bekannt sind einige Faktoren, die das Risiko etwas erhöhen können, ohne die Krankheit zu verursachen: ein höheres Lebensalter, eine frühere Chemotherapie oder Bestrahlung wegen einer anderen Krebserkrankung sowie bestimmte Vorerkrankungen des Knochenmarks wie ein myelodysplastisches Syndrom (MDS). Bei den meisten Betroffenen liegt aber keiner dieser Faktoren vor, und die AML tritt einfach ohne erkennbaren Grund auf.
Was nach der Diagnose weiterhilft
Zwischen dem auffälligen Blutbild und dem fertigen Therapieplan liegen oft nur wenige Tage, in denen sehr viel auf einmal zu verarbeiten ist. Da hilft es, die Fragen aufzuschreiben, die dabei aufkommen, und sie im Gespräch mit dem Behandlungsteam der Reihe nach zu klären: um welche Unterform es geht, was die genetischen Ergebnisse bedeuten, welche Risikogruppe sich daraus ergibt, wie der nächste Behandlungsabschnitt abläuft und ob eine Stammzelltransplantation überhaupt zur Debatte steht. Angehörige dürfen zu diesen Gesprächen mitkommen, und es ist völlig normal, dieselbe Frage ein zweites Mal zu stellen. Bleibt ein Begriff aus dem Arztbrief unklar, lohnt es sich, ihn genau so anzusprechen, wie er dort steht, denn hinter jedem dieser Kürzel steckt eine konkrete Bedeutung für die weitere Behandlung.
Quellen
Akute Myeloische Leukämie (AML). Onkopedia-Leitlinie, DGHO, Stand September 2025. Quelle
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