Ein retrobulbäres Hämatom ist eine Blutung in der Augenhöhle, also in dem Raum direkt hinter dem Augapfel. Weil die Augenhöhle von Knochen umschlossen ist und sich nicht ausdehnen kann, hat das Blut dort keinen Platz: Der Druck steigt an und kann den Sehnerv und seine feinen Blutgefäße abdrücken. Genau deshalb ist eine solche Blutung ein augenärztlicher Notfall, bei dem jede Stunde zählt.
Warum der Druck so schnell zur Gefahr wird
Der Sehnerv verbindet das Auge mit dem Gehirn und leitet weiter, was die Netzhaut im Augeninneren aufnimmt, und beide brauchen dafür ununterbrochen frisches Blut. Steigt der Druck in der Augenhöhle stark an, werden Nerv und Gefäße zusammengedrückt und die Blutversorgung droht abzureißen. Fachleute sprechen dann von einem orbitalen Kompartmentsyndrom, einem gefährlichen Überdruck in der Augenhöhle.
Ist die Blutzufuhr zur Netzhaut ganz abgeschnitten, verträgt sie das nur etwa 90 Minuten, bevor bleibender Schaden droht. Diese Zeit ist aber kein starrer Countdown, es gilt also nicht "du hast genau 90 Minuten", sondern: so schnell wie möglich in die Klinik. Denn mit jeder Stunde ohne Behandlung sinkt die Chance, das Sehvermögen voll zu erhalten.
Woran du ein retrobulbäres Hämatom erkennst
Typisch ist ein plötzlicher, starker Schmerz im oder hinter dem Auge, meist nach einem Schlag oder Sturz aufs Gesicht oder nach einem Eingriff am Auge. Oft tritt der Augapfel dabei sichtbar hervor, was im Arztbrief Exophthalmus heißt, während das Lid prall anschwillt und sich kaum noch öffnen lässt. Häufig ist das Auge zusätzlich stark gerötet und blutunterlaufen.
Besonders ernst wird es, wenn sich das Sehen verändert: Das Bild wird plötzlich verschwommen oder dunkler, ein Teil des Gesichtsfelds fällt aus, manche sehen Doppelbilder, und das Auge lässt sich schlechter bewegen. Lässt das Sehen nach einer Verletzung oder Operation im Gesicht nach, ist das immer ein Signal, sofort ärztliche Hilfe zu holen und nicht abzuwarten.
Was im Notfall zu tun ist
Bei diesen Zeichen zählt jede Minute. Ruf den Notruf 112 oder fahr auf schnellstem Weg in eine Augenklinik oder in eine Klinik mit Augenabteilung, auch nachts und am Wochenende. Warte nicht ab, ob es von allein besser wird, und verlass dich nicht auf Hausmittel, Kühlung oder Augentropfen statt auf die Notfallhilfe. Wer Blutverdünner nimmt, sagt das dem Behandlungsteam am besten gleich, weil es die weitere Behandlung beeinflusst.
Im Krankenhaus prüfen Ärztin oder Arzt zuerst, wie gut das Auge noch sieht, und messen den Druck im Augeninneren. Ein deutlich erhöhter Druck ist das entscheidende Zeichen, dass jetzt sofort entlastet werden muss, und weil diese Untersuchung nur wenige Minuten dauert, darf sie nicht durch langes Warten auf eine Bildaufnahme verzögert werden.
Wie es zu einer Einblutung hinter dem Auge kommt
Mit Abstand am häufigsten steckt eine Verletzung hinter einem retrobulbären Hämatom.
Nach einer Verletzung
Ein Schlag oder Sturz aufs Gesicht ist der häufigste Auslöser, oft zusammen mit einem Bruch der knöchernen Augenhöhle. Nach einem bestätigten Bruch entwickelt etwa einer von vierzig Betroffenen eine solche Einblutung, und nur bei einem kleineren Teil davon steigt der Druck so weit an, dass er im Notfall entlastet werden muss.
Nach einer Operation oder Spritze am Auge
Auch Eingriffe können eine Blutung auslösen, etwa Operationen am Auge, am Lid oder an den Nasennebenhöhlen. Nach einer Operation an der Augenhöhle wird deshalb in den ersten Stunden immer wieder kontrolliert, wie gut das Auge sieht, damit eine Blutung früh auffällt. Ein weiterer Auslöser ist die Betäubungsspritze, die vor mancher Augenoperation hinter das Auge gesetzt wird, doch zu einer ernsten Blutung kommt es dabei nur etwa bei einer von tausend Anwendungen. Ein sanfter Druck auf das geschlossene Lid direkt nach der Spritze senkt dieses Risiko zusätzlich. Für eine geplante Augenoperation bleibt es damit ein seltenes und gut beherrschbares Risiko.
Spontan, vor allem unter Blutverdünnern
Seltener blutet es ganz ohne Verletzung, etwa wenn das Blut wegen einer Gerinnungsstörung schlechter gerinnt als normal, unter Blutverdünnern oder bei starkem Pressen durch heftiges Husten und Erbrechen. Blutverdünner lösen eine Blutung meist nicht selbst aus, können sie aber deutlich schwerer machen: In einer kleinen Auswertung besonders schwerer Fälle nahmen fast alle Betroffenen gleich mehrere gerinnungshemmende Mittel ein und behielten trotz Behandlung eine dauerhaft starke Seheinschränkung. Deshalb ist es sinnvoll, vor jeder Augenspritze oder Augenoperation offen zu sagen, welche blutverdünnenden Medikamente du nimmst.
Seltene Ursachen
Nur selten steckt etwas anderes dahinter, etwa ein Tumor in der Augenhöhle oder ein Blutdrucknotfall mit sehr hohen Werten.
Wie im Krankenhaus der Druck entlastet wird
Alles zielt darauf, den Druck in der Augenhöhle so schnell wie möglich zu senken, damit Sehnerv und Netzhaut wieder Blut bekommen. Der wichtigste Notfalleingriff dafür heißt laterale Kanthotomie mit Kantholyse: Dabei setzt die Ärztin oder der Arzt am äußeren Augenwinkel einen kleinen Schnitt und löst dort ein Halteband des Lids, sodass das Auge nach vorne ausweichen kann und der Druck sofort abfällt.
Dieser kleine Eingriff senkt den gefährlichen Druck zuverlässig und deutlich, wie Messungen an einem Modell zeigen, und er lässt sich sofort durchführen, ohne dass erst eine Spezialistin oder ein Spezialist eintreffen muss. Weil es auf jede Minute ankommt, kann genau das den Ausschlag geben.
Wie es ums Augenlicht steht
Wie gut die Aussichten sind, hängt vor allem davon ab, wie gut das Auge bei der Ankunft in der Klinik noch sieht, und das ist zugleich der beste Hinweis darauf, wie es weitergeht. Beruhigend ist, dass eine solche Blutung nach einer geplanten Augenoperation sehr selten vorkommt, deutlich seltener als bei einem von hundert Eingriffen. Blutverdünner können einen Verlauf zwar schwerer machen, was ein guter Grund ist, sie vor Eingriffen anzusprechen, aber niemals ein Grund, sie eigenmächtig abzusetzen.
Welche Ärztin oder welcher Arzt hilft
Zuständig sind Augenärztin oder Augenarzt, am besten in einer Augenklinik oder einer Klinik mit Augenabteilung und oft zusammen mit der Notaufnahme, bei Verletzungen im Gesicht ergänzt durch Fachleute für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Die passende Fachrichtung selbst herauszusuchen, ist dabei zweitrangig, denn es zählt, schnell dort anzukommen, wo der Augendruck gemessen und im Notfall sofort entlastet werden kann.
Quellen
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