Eine RET-Fusion bedeutet, dass sich das RET-Gen in einer Krebszelle mit einem anderen Gen verbunden hat und dadurch ein Bauplan für ein verändertes RET-Eiweiß entsteht, das dauerhaft eingeschaltet ist und der Zelle ununterbrochen das Signal zum Wachsen gibt. Diese Verbindung entsteht erst im Lauf des Lebens im Tumorgewebe selbst, sie wird also nicht vererbt. Wenn du "RET-Fusion" oder "RET-positiv" im Laborbericht zum Tumorgewebe liest, in dem das Erbgut der Krebszellen untersucht wird, ist genau diese Veränderung gemeint, und sie sagt viel darüber aus, wie sich der Tumor gezielt behandeln lässt.
Was eine RET-Fusion genau ist
Ein Gen ist ein Abschnitt des Erbguts und damit der Bauplan für ein bestimmtes Eiweiß. Das RET-Gen liefert den Bauplan für eine Art Antenne auf der Zelloberfläche, die Wachstumssignale nur dann weitergibt, wenn sie wirklich gebraucht werden. Bei einer Fusion bricht das Erbgut an einer Stelle, fügt sich neu zusammen und koppelt dabei ein Stück von RET an ein fremdes Gen, das je nach Krebsart ein anderes ist, beim Lungenkrebs zum Beispiel eines mit dem Kürzel KIF5B. Dieser fremde Partner zwingt den RET-Anteil, ununterbrochen aktiv zu bleiben, sodass die Zelle ein Dauersignal zum Wachsen bekommt. Weil genau das den Tumor antreibt, sprechen Fachleute von einer Treibermutation.
Von einer Fusion zu unterscheiden ist die Punktmutation, bei der nur ein einzelner "Buchstabe" im RET-Gen vertauscht ist, das Gen aber an seinem Platz bleibt, während bei einer Fusion zwei Gene regelrecht miteinander verschmelzen. Beide Wege führen zum gleichen Ergebnis, einem dauerhaft angeschalteten RET, unterscheiden sich aber darin, woher sie kommen: Eine Fusion entsteht immer erst im Tumor selbst, eine Punktmutation kann dagegen schon von Geburt an in allen Körperzellen vorliegen und in einer Familie weitergegeben werden. Deshalb tauchen bei verschiedenen Krebsarten unterschiedliche Begriffe im Befund auf.
Bei welchen Krebsarten RET-positiv vorkommt
Eine RET-Fusion findet sich vor allem beim nicht-kleinzelligen Lungenkrebs, der häufigsten Form von Lungenkrebs, und bei bestimmten Formen von Schilddrüsenkrebs. Seltener kommt sie auch bei anderen Krebsarten vor, weshalb es dafür eine Behandlung gibt, die sich nicht auf ein einzelnes Organ beschränkt.
In der Lunge
Beim Lungenkrebs betrifft eine RET-Fusion ungefähr ein bis anderthalb von hundert Betroffenen, in einer großen Auswertung von Lungentumoren waren es etwa 1,1 Prozent. Meist handelt es sich um ein Adenokarzinom, also um eine Form, die aus Drüsengewebe hervorgeht.
In der Schilddrüse
Beim Schilddrüsenkrebs lohnt sich ein genauerer Blick, weil hier beide Arten der RET-Veränderung vorkommen. Beim papillären Schilddrüsenkrebs, der häufigsten Form, ist RET meist als Fusion verändert, wenn es überhaupt beteiligt ist, in einer großen Auswertung untersuchter Tumoren waren das rund neun Prozent. Beim medullären Schilddrüsenkrebs liegt dagegen fast immer eine Punktmutation vor und keine Fusion, und zwar in etwa 70 Prozent dieser Tumoren. Es ist also dasselbe Gen, aber ein anderer Typ von Veränderung.
Gerade beim medullären Schilddrüsenkrebs, fachlich medulläres Schilddrüsenkarzinom, kann diese Punktmutation vererbt sein und zu einer Veranlagung gehören, die in einer Familie weitergegeben wird. Deshalb wird hier neben dem Tumorgewebe auch das Blut untersucht, um zu klären, ob Angehörige betroffen sein könnten. Für eine RET-Fusion gilt das nicht, sie bleibt auf den Tumor beschränkt.
Warum der Befund darauf geprüft wird
Eine RET-Fusion grenzt eine eigene Untergruppe eines Tumors ab, die sich gezielt angreifen lässt. Weil die Krebszelle so stark von dem dauerhaft angeschalteten RET abhängt, bremst ein Medikament, das genau dieses Signal blockiert, den Tumor aus. Deshalb gehört die Suche nach RET beim nicht-kleinzelligen Lungenkrebs heute zu den empfohlenen Untersuchungen des Tumorerbguts. Dabei wird auch nach anderen Veränderungen wie EGFR oder ALK gesucht, für die es ebenfalls passende Medikamente gibt. Beim medullären Schilddrüsenkrebs ist die RET-Testung ebenso Standard, dort zusätzlich mit Blick auf eine mögliche Vererbung.
Darüber hinaus kann der Befund etwas über den Verlauf aussagen. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2025 deutet darauf hin, dass papilläre Schilddrüsentumoren mit einer RET-Fusion etwas aggressiver sein könnten als solche ohne. Sicher ist das aber noch nicht, denn bislang stützt sich das auf eine einzelne Auswertung, und für Gewissheit braucht es größere Studien.
Was RET-positiv für die Behandlung bedeutet
Ist ein Tumor RET-positiv, kommt eine gezielte Therapie mit einem RET-Hemmer infrage, auch RET-Inhibitor genannt, der meist als Tablette eingenommen wird und das überaktive RET-Signal blockiert. Diese Medikamente wirken oft deutlich besser als eine herkömmliche Chemotherapie: In einer Studie zum RET-positiven Lungenkrebs hielt eine solche zielgerichtete Therapie den Tumor im Schnitt etwa doppelt so lange auf wie die Standardbehandlung, und über verschiedene Studien hinweg sprach etwa zwei Drittel der Behandelten darauf an. Ein weiterer Vorteil ist, dass diese Wirkstoffe auch gegen Absiedlungen im Gehirn gut wirken.
Welcher Wirkstoff verfügbar ist, ändert sich allerdings mit der Zeit. Stand 2025 ist Selpercatinib der einzige RET-Hemmer, der in der EU zugelassen ist. Der zweite Wirkstoff dieser Gruppe, Pralsetinib, hat seine europäische Zulassung im Oktober 2024 verloren, und zwar aus geschäftlichen Gründen des Herstellers und nicht wegen eines Sicherheitsproblems, sodass er in Europa derzeit nicht zur Verfügung steht. Welches Medikament infrage kommt, hängt von der genauen Diagnose und der Vorbehandlung ab, und das entscheidet das behandelnde Team, bei dem sich auch erfragen lässt, wie die Zulassungslage gerade aussieht.
Wie die Aussichten sind
Für eine RET-Fusion gibt es heute Behandlungen, die eigens auf diese Veränderung zugeschnitten sind, und das ist eine vergleichsweise gute Ausgangslage. Wie die Aussichten im Einzelfall sind, hängt von vielen Dingen ab, etwa der Krebsart, dem Stadium und dem allgemeinen Gesundheitszustand, und einschätzen kann das am besten das Team, das die Behandlung begleitet. Zahlen aus Statistiken beschreiben dagegen immer einen Durchschnitt über sehr unterschiedliche Menschen und sagen wenig über den einzelnen Verlauf aus.
Quellen
Zhou C, Solomon B, Loong HH, et al. First-Line Selpercatinib or Chemotherapy and Pembrolizumab in RET Fusion-Positive NSCLC. N Engl J Med, 2023. PubMed
Wirth LJ, Sherman E, Robinson B, et al. Efficacy of Selpercatinib in RET-Altered Thyroid Cancers. N Engl J Med, 2020. PubMed
Parimi V, Tolba K, Danziger N, et al. Genomic landscape of 891 RET fusions detected across diverse solid tumor types. NPJ Precis Oncol, 2023. PubMed
Ke JY, Huang S, Jing ZT, Duan MC. The efficacy and safety of selective RET inhibitors in RET fusion-positive non-small cell lung cancer: a meta-analysis. Invest New Drugs, 2023. PubMed
S3-Leitlinie Lungenkarzinom, Version 4.0, 2025. Leitlinienprogramm Onkologie (AWMF). Quelle
S3-Leitlinie Schilddrüsenkarzinom, 2025. Leitlinienprogramm Onkologie (AWMF). Quelle