MPL ist ein Gen, also ein Abschnitt des Erbguts, der den Bauplan für den sogenannten Thrombopoietin-Rezeptor enthält. Das ist eine Art Antenne auf den blutbildenden Zellen im Knochenmark. Über diese Antenne empfangen die Zellen das Signal, Blutplättchen zu bilden, also die kleinen Blutzellen, die Wunden verschließen. Steht in einem Blutbefund eine "MPL-Mutation", heißt das, dass genau in diesem Gen eine Veränderung gefunden wurde.
Was der Thrombopoietin-Rezeptor macht und warum eine Veränderung Folgen hat
Thrombopoietin ist ein körpereigener Botenstoff. Er dockt an die Antenne an und schaltet in der Zelle den Befehl "mehr Blutplättchen bilden" ein. Normalerweise geht dieses Signal nur an, wenn der Körper Nachschub braucht. Eine MPL-Mutation hält die Antenne dauerhaft angeschaltet, auch ohne Signal von außen. Das Knochenmark bekommt dann ununterbrochen den Befehl weiterzumachen und bildet zu viele Blutzellen, vor allem zu viele Blutplättchen.
MPL, JAK2 und CALR
Bei der Abklärung werden meist drei Gene zusammen getestet, deshalb tauchen sie oft gemeinsam auf dem Befund auf: MPL, JAK2 und CALR. Eine Veränderung in einem dieser drei Gene nennen Fachleute Treibermutation, weil sie die Erkrankung antreibt.
JAK2 ist der Bauplan für ein Eiweiß, das direkt hinter der Antenne sitzt und deren Signal ins Innere der Zelle weitergibt. CALR liefert den Bauplan für ein Eiweiß, das der Zelle sonst dabei hilft, andere Eiweiße richtig zu falten. So verschieden die drei sind, das Ergebnis ist am Ende dasselbe: Ist eines von ihnen verändert, läuft das Wachstumssignal für die Blutbildung dauerhaft weiter. Deshalb ähneln sich auch die Erkrankungen, die daraus entstehen.
In aller Regel ist nur eines der drei Gene verändert. Findet sich eine solche Veränderung, bestätigt das, dass die zu hohen Blutwerte von einer Erkrankung des Knochenmarks kommen und nicht von einer vorübergehenden Ursache wie einer Infektion. Von den dreien ist MPL die seltenste, JAK2 die mit Abstand häufigste. Wenn MPL in deinem Befund steht, ist das also ein vergleichsweise ungewöhnlicher, aber gut bekannter Befund. Er bedeutet schlicht, dass die veränderte Antenne die treibende Kraft hinter der Erkrankung ist.
Bei welchen Erkrankungen die Veränderung vorkommt
MPL-Veränderungen finden sich bei zwei chronischen Bluterkrankungen. Bei der essentiellen Thrombozythämie bildet das Knochenmark dauerhaft zu viele Blutplättchen. Bei der Myelofibrose vernarbt das Knochenmark mit der Zeit, wodurch die Blutbildung durcheinandergerät. Beide gehören zu den myeloproliferativen Neoplasien, also zu den Erkrankungen, bei denen das Knochenmark zu viele Zellen bildet. Neoplasie heißt so viel wie unkontrolliertes Wachstum, es sind also Tumorerkrankungen des Blutes, auch wenn der Körper hier nicht zu wenige, sondern zu viele Zellen bildet.
Häufig ist die MPL-Veränderung bei beiden nicht. Bei der essentiellen Thrombozythämie findet sie sich bei ungefähr 3 bis 5 von 100 Betroffenen, bei der Myelofibrose bei grob 5 bis 10 von 100. Die genauen Zahlen schwanken je nach Studie. Bei einer dritten, verwandten Erkrankung, der Polycythaemia vera, bei der vor allem zu viele rote Blutkörperchen entstehen, spielt MPL dagegen praktisch keine Rolle.
Ist eine MPL-Mutation vererbt?
Die MPL-Mutation, die bei diesen Bluterkrankungen gefunden wird, ist so gut wie immer erworben. Sie ist erst im Laufe des Lebens in einer einzelnen blutbildenden Zelle entstanden, die sich dann vermehrt hat. Fachleute nennen das somatisch. Die Veränderung steckt nur in diesen Blutzellen, nicht in den Ei- oder Samenzellen. Deshalb wird sie nicht an Kinder weitergegeben und ist keine Erbkrankheit.
Daneben gibt es sehr seltene, tatsächlich angeborene MPL-Veränderungen, die eine erbliche Form der Plättchenvermehrung verursachen können. Das ist eine eigene Situation und hat mit der erworbenen Erkrankung, um die es hier geht, nichts zu tun. Was im Einzelfall zutrifft, kann eine Ärztin oder ein Arzt für Bluterkrankungen anhand des Befunds einordnen.
Was der Befund für die Behandlung bedeutet
Ein positiver MPL-Nachweis hilft an zwei Stellen. Er stützt die Diagnose, weil er zeigt, dass hinter den erhöhten Werten eine echte Erkrankung des Knochenmarks steckt und keine harmlose Ursache. Und er hilft dabei, den weiteren Verlauf einzuschätzen. Bei der essentiellen Thrombozythämie geht eine MPL-Veränderung zum Beispiel mit einer etwas höheren Neigung einher, dass die Erkrankung später in eine Myelofibrose übergeht.
Behandelt wird immer die Erkrankung selbst, nicht "die MPL-Mutation". Bei der essentiellen Thrombozythämie genügt bei niedrigem Risiko oft niedrig dosierte Acetylsalicylsäure, die das Verklumpen der Blutplättchen bremst. Ist das Risiko für Blutgerinnsel höher, kommen Medikamente dazu, die die Bildung neuer Blutzellen drosseln. Bei der Myelofibrose reicht die Behandlung von reinem Beobachten bis zu Medikamenten, die das überaktive Wachstumssignal bremsen. In ausgewählten Fällen kommt eine Übertragung gesunder Blutstammzellen von einer Spenderin oder einem Spender infrage.
Ein Medikament, das sich gezielt gegen die veränderte MPL-Antenne richtet, gibt es bislang nicht. Welche Behandlung infrage kommt, entscheidet das Behandlungsteam anhand der gesamten Situation. Wer den Befund vor sich hat, kann beim nächsten Termin gezielt fragen, welche der beiden Erkrankungen dahintersteckt und was der MPL-Nachweis für die weiteren Kontrollen bedeutet.
Quellen
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