Wo die drei Gruppen sitzen und was sie jeweils entwässern
Lymphe fließt nicht kreuz und quer durch den Körper, sondern folgt festen Bahnen: Jede Hautregion hat ihre eigene Abflussrichtung und damit ihre eigene Lymphknotengruppe. Deshalb verrät dir die Lage eines geschwollenen Knotens schon einiges darüber, wo dein Körper gerade arbeitet. Ein Knoten hinter dem Ohr weist auf etwas anderes hin als einer am Hinterkopf, und mit dieser Zuordnung findest du oft selbst die Erklärung.
Hinter dem Ohr
Im Befund heißt diese Gruppe retroaurikulär oder mastoidal, weil sie auf dem Warzenfortsatz liegt, also auf dem knöchernen Höcker, den du hinter der Ohrmuschel gut tasten kannst. Sie sammelt die Lymphe aus dem hinteren Schläfenbereich, aus Teilen der Scheitelregion, aus dem oberen Teil der Ohrmuschel und aus der hinteren Wand des äußeren Gehörgangs. Wenn du dort ein Knötchen spürst, liegt die Ursache also meist in genau diesem Bereich.
Am Hinterkopf
Diese Knoten werden okzipital genannt, nach dem lateinischen Wort für Hinterhaupt. Sie liegen am Übergang vom Schädel zum Nacken, dort wo die Nackenmuskeln am Knochen ansetzen, ungefähr auf Höhe des hinteren Haaransatzes. Ihr Zuständigkeitsgebiet ist allein die hintere Kopfhaut. Tastest du hier etwas, lohnt sich als Erstes ein genauer Blick auf die Haut darüber, gern mit einem Handspiegel oder mit Hilfe von jemandem, der für dich nachsieht.
Vor dem Ohr
Vor der Ohrmuschel, ein Stück oberhalb des Ohrläppchens, liegt die präaurikuläre Gruppe. Die oberflächlichen Knoten dort nehmen die Lymphe aus der Nasenwurzel, den Augenlidern, dem äußeren Gehörgang, dem Mittelohr sowie aus der Stirn- und Schläfenregion auf, die tiefer liegenden aus dem Nasenrachen und dem hinteren Nasenraum. Eine Schwellung an dieser Stelle passt also gut zu einem gereizten Auge oder einem entzündeten Ohr.
Eine Besonderheit solltest du hier kennen: Genau dort sitzt auch die Ohrspeicheldrüse, die größte der Speicheldrüsen, die vor allem beim Essen viel Speichel liefert. Eine Schwellung vor dem Ohr muss deshalb nicht zwingend ein Lymphknoten sein, sie kann auch von der Drüse selbst ausgehen, etwa bei Mumps oder einer Speicheldrüsenentzündung. Wie zuverlässig sich beides von außen ertasten lässt, ist nicht untersucht. Sicher auseinanderhalten kann das eine Ärztin oder ein Arzt, meist mit einer Ultraschalluntersuchung.
Häufige Ursachen, sortiert nach der Lage
Weil jede Gruppe ihr festes Gebiet hat, lassen sich die häufigen Auslöser gut nach der Lage ordnen. Geh dabei ruhig in dieser Reihenfolge vor: erst das Gebiet ansehen, das der geschwollene Knoten entwässert, und erst danach an seltenere Erklärungen denken. In den allermeisten Fällen wirst du schon im ersten Schritt fündig, und dir bleibt das Grübeln über seltene Erkrankungen erspart.
Kopfhaut: die naheliegendste Erklärung hinten und hinter dem Ohr
Weil die Knoten am Hinterkopf und hinter dem Ohr genau die darüberliegende Kopfhaut entwässern, sind Kopfhautprobleme dort mit Abstand die häufigste Erklärung. Ein Ekzem, hartnäckige Schuppen, ein aufgekratzter Insektenstich, eine kleine Wunde vom Kamm oder Kopfläuse reichen völlig aus, damit dein Abwehrsystem anspringt und der zugehörige Knoten anschwillt. Oft ist die Stelle auf der Kopfhaut so unscheinbar, dass du sie erst findest, wenn du gezielt danach suchst.
Auch eine Pilzinfektion der Kopfhaut gehört dazu, im Befund Tinea capitis genannt. Sie ist im Kindesalter die weltweit häufigste Erkrankung durch Fadenpilze und damit alles andere als selten, und geschwollene Knoten am Hinterkopf oder hinter dem Ohr sind dabei so typisch, dass sie einer Ärztin oder einem Arzt schon beim Ansehen der Kopfhaut den entscheidenden Hinweis geben. Daneben können ganz banale Erkältungen und andere Virusinfekte diese Knoten mitreagieren lassen, ohne dass an der Kopfhaut selbst irgendetwas zu sehen wäre.
Röteln: das klassische Muster
Bei Röteln schwellen typischerweise genau diese beiden Gruppen an, am Hinterkopf und hinter dem Ohr. Beobachtet wurde das unter anderem bei Frauen nach einer Rötelnimpfung, die eine milde, dem natürlichen Krankheitsverlauf ähnliche Reaktion auslöst: Die Schwellung trat acht bis vierzehn Tage nach der Impfung auf und bildete sich innerhalb von zwei bis fünf Tagen wieder zurück. Die zugrunde liegende Untersuchung stammt aus den 1980er-Jahren, als Röteln noch weit verbreitet waren. Das Muster gilt bis heute als typisch, doch Röteln selbst sind in Deutschland durch die Impfung inzwischen selten geworden und verlaufen bei Kindern und nicht schwangeren Erwachsenen meist mild. Anders ist es in der Schwangerschaft: Dort kann eine Rötelninfektion dem ungeborenen Kind schwer schaden, und schon ein Verdacht gehört sofort abgeklärt. Als Erklärung für einen Knoten am Hinterkopf ist eine Rötelninfektion daher unwahrscheinlich, auch wenn sie in jedem Lehrbuch als Beispiel steht. Bist du gegen Röteln geimpft, kannst du diese Möglichkeit ohnehin weit nach hinten schieben.
Vor dem Ohr: Augen und Ohren
Kommt zu einem geschwollenen Knoten vor dem Ohr ein gerötetes, tränendes Auge dazu, ist eine virale Bindehautentzündung die wahrscheinlichste Erklärung. In einer Untersuchung an 102 Menschen mit Verdacht auf eine solche Bindehautentzündung war eine geschwollene, meist druckempfindliche Region vor dem Ohr ein häufiger Begleitbefund, und zwar unabhängig davon, welches Virus die Entzündung ausgelöst hatte. Das passt genau zur Anatomie, weil Augenlider und vorderer Augenbereich in diese Gruppe entwässern. Die Kombination spricht häufig für eine Bindehautentzündung durch Viren, die von selbst wieder ausheilt. Beweisen lässt sich das damit aber nicht: Bei starken Schmerzen, Lichtempfindlichkeit oder verschwommenem Sehen gehört das Auge untersucht.
Ebenso können Entzündungen des äußeren Gehörgangs und des Mittelohrs die Knoten vor und hinter dem Ohr anschwellen lassen. Wenn du also Ohrenschmerzen hast oder gerade hattest, hast du die Erklärung meist schon gefunden.
Wie häufig tastbare Lymphknoten bei Kindern sind
Wenn du bei deinem Kind ein Knötchen am Kopf oder Hals ertastest, ist das viel öfter normal als krankhaft. In einer großen Untersuchung wurden 3592 gesunde schwedische Schulkinder im Alter von acht und neun Jahren systematisch abgetastet. Bei 991 von ihnen, also bei rund 28 von 100 und damit bei etwa jedem vierten Kind, ließ sich mindestens ein Lymphknoten am Unterkiefer oder Hals ertasten, ohne dass eine Erkrankung dahintersteckte. Bei 312 Kindern war ein Knoten sogar fünf Millimeter groß oder größer. Jungen waren häufiger betroffen als Mädchen, und es gab Schwankungen über das Jahr. Untersucht wurden dabei die Regionen am Hals und Unterkiefer, nicht gezielt die Gruppen am Kopf, doch die Grundaussage lässt sich übertragen: Tastbar heißt bei Kindern erst einmal gar nichts.
Auch wenn ein Kind wegen eines geschwollenen Lymphknotens tatsächlich in einer Praxis vorgestellt wird, bleibt das Bild beruhigend. Eine Auswertung von sieben Studien mit zusammen 2687 Kindern und Jugendlichen bis 21 Jahre mit geschwollenen Halslymphknoten fand bei rund 68 von 100 eine unspezifische, gutartige Ursache, also bei gut zwei von drei Kindern. Bei knapp 9 von 100 steckte das Epstein-Barr-Virus dahinter, das das Pfeiffersche Drüsenfieber auslöst, bei 4 von 100 eine Erkrankung mit Knötchenbildung im Gewebe, meist Tuberkulose. Eine bösartige Erkrankung fand sich bei knapp 5 von 100 und damit bei weniger als jedem zwanzigsten Kind. Beachte dabei den Unterschied zur ersten Zahl: Hier wurden nur Kinder erfasst, die wegen der Schwellung überhaupt ärztlich vorgestellt worden waren, also eine bereits ausgewählte Gruppe.
Wann du einen Knoten am Kopf abklären lassen solltest
Keine Untersuchung weist einer der drei Lagen am Kopf ein eigenes Risiko zu. Ein Knoten hinter dem Ohr oder am Hinterkopf ist damit weder bedenklicher noch harmloser als einer anderswo am Körper, und die Stelle allein sagt dir über den Ernst der Sache nichts. Die einzige Lage, die für sich genommen als Warnzeichen gilt, ist die oberhalb des Schlüsselbeins, und die liegt gar nicht am Kopf. Was zählt, sind stattdessen die Beschaffenheit des Knotens, seine Größe, sein Verlauf über die Wochen und die Beschwerden, die dazukommen. Diese allgemeinen Alarmmerkmale, etwa eine derbe, nicht verschiebliche Konsistenz oder Fieber, Nachtschweiß und ungewollter Gewichtsverlust, findest du ausführlich im Artikel zu den geschwollenen Lymphknoten unter dem Kiefer.
Einen zusätzlichen Anhaltspunkt gibt dir aber gerade am Kopf die Zuordnung von oben. Findest du im zugehörigen Gebiet eine plausible Erklärung, also eine gereizte Kopfhaut über einem Knoten am Hinterkopf oder ein entzündetes Auge vor einem Knoten am Ohr, passt das gut zu einer harmlosen, reaktiven Schwellung. Findest du dagegen nichts, was den Knoten erklärt, und bleibt er über mehrere Wochen unverändert oder wird größer, ist das ein guter Grund, ihn in der Hausarztpraxis ansehen zu lassen. Dort wird der Knoten zunächst abgetastet und bei Bedarf mit Ultraschall beurteilt, was in den allermeisten Fällen schon ausreicht. Nimm zu dem Termin ruhig mit, seit wann du den Knoten bemerkst, ob er sich verändert hat und was in der Zeit davor an Infekten oder Hautproblemen los war.
Quellen
Larsson LO, Bentzon MW, Berg Kelly K, Mellander L, Skoogh BE, Strannegård IL, Lind A. Palpable lymph nodes of the neck in Swedish schoolchildren. Acta Paediatr. 1994;83(10):1091-1094. doi:10.1111/j.1651-2227.1994.tb12992.x
Deosthali A, Donches K, DelVecchio M, Aronoff S. Etiologies of Pediatric Cervical Lymphadenopathy: A Systematic Review of 2687 Subjects. Glob Pediatr Health. 2019;6:2333794X19865440. doi:10.1177/2333794X19865440
Aoki K, Kaneko H, Kitaichi N, Ohguchi T, Tagawa Y, Ohno S. Clinical features of adenoviral conjunctivitis at the early stage of infection. Jpn J Ophthalmol. 2011;55(1):11-15. doi:10.1007/s10384-010-0894-x
Nakazono N, Fujimoto S, Wakisaka A, Ishii K, Ichinoe K, Aizawa M. Factors associated with clinical reactions to rubella vaccination in women. Int J Gynaecol Obstet. 1987;25(3):207-216. doi:10.1016/0020-7292(87)90237-2
Kelly BP. Superficial fungal infections. Pediatr Rev. 2012;33(4):e22-e37. doi:10.1542/pir.33-4-e22