Kollateralzirkulation: gutes Zeichen mit einer Ausnahme

Kollateralzirkulation: gutes Zeichen mit einer Ausnahme

Eine Kollateralzirkulation ist ein natürlicher Umgehungskreislauf. Wenn ein größeres Blutgefäß verengt oder verschlossen ist, weiten sich kleinere Nebengefäße und übernehmen den Blutfluss, damit das Gewebe dahinter weiter versorgt wird. In den allermeisten Fällen ist das ein Schutzmechanismus des Körpers und damit eine gute Nachricht.

Steht das Wort in einem Befund oder Arztbrief, beschreibt es also meist etwas Positives, nämlich dass sich der Körper selbst einen Ausweichweg um eine Engstelle herum gebaut hat. Anders zu werten ist derselbe Begriff nur, wenn er im Zusammenhang mit einer Lebererkrankung steht.

Was das Wort kollateral bedeutet

Kollateral heißt so viel wie seitlich oder nebengelegen, gemeint ist ein Seitenast, der neben dem eigentlichen Hauptgefäß verläuft. Solche kleinen Seitengefäße sind oft schon vorhanden, spielen im Normalfall aber kaum eine Rolle, und erst wenn ein Hauptgefäß den Blutfluss nicht mehr richtig durchlässt, werden sie wichtig.

Statt Kollateralzirkulation liest man manchmal auch Kollateralkreislauf oder umgangssprachlich Umgehungskreislauf. Alle drei meinen dasselbe, nämlich eine Umleitung des Blutes über Nebenwege.

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Wie ein Umgehungskreislauf entsteht

Ist ein Hauptgefäß verengt, sucht sich das Blut den Weg durch die benachbarten Seitengefäße. Der stärkere Durchfluss reizt diese kleinen Gefäße dazu, sich zu weiten und zu verstärken, bis sie einen spürbaren Teil der Versorgung übernehmen können.

Das braucht allerdings Zeit, denn Kollateralen entstehen nicht von einem Moment auf den anderen, sondern wachsen über Wochen bis Monate. Deshalb kann der Körper eine langsam entstehende Verengung oft besser abfangen als einen plötzlichen Verschluss, bei dem ihm genau diese Zeit fehlt.

Wo eine Kollateralzirkulation im Befund auftaucht

Am Herzen

Am häufigsten begegnet der Begriff Menschen mit einer koronaren Herzkrankheit. Zwischen den Herzkranzgefäßen gibt es feine Verbindungen, die einspringen, wenn ein Herzkranzgefäß verengt ist, und den Herzmuskel weiter mit Blut versorgen. Gut ausgebildete Herzkollateralen gelten deshalb als günstiges Zeichen, weil sie mit besseren Aussichten und einem tendenziell niedrigeren Sterberisiko nach einem Herzinfarkt einhergehen.

Wie groß dieser Vorteil ausfällt, lässt sich allerdings nicht in eine feste Zahl fassen. Eine Auswertung mehrerer Studien aus dem Jahr 2026 deutet darauf hin, dass der Effekt schwächer ist als früher angenommen, unter anderem weil die heutige Akutbehandlung eines Infarkts selbst schon viel bewirkt. Gute Kollateralen sprechen also eher für eine günstige Ausgangslage, sie sind aber ein Zusatzbefund und keine Behandlung für sich.

In den Beinen

Auch in den Beinarterien bilden sich Kollateralen, etwa bei der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit, umgangssprachlich Schaufensterkrankheit genannt. Ist eine Beinarterie verengt, fangen die Nebengefäße dort einen Teil der Durchblutung auf.

Hier lässt sich sogar selbst etwas anstoßen, denn regelmäßiges Gehtraining regt die Bildung solcher Umgehungswege an, weil der beim Gehen erhöhte Blutfluss die Seitengefäße zum Wachsen bringt. Genau deshalb gehört ein strukturiertes Gehtraining zur Basisbehandlung dieser Erkrankung und wird in den europäischen Leitlinien von 2024 empfohlen.

Wenn ein Umgehungskreislauf kein gutes Zeichen ist

Bei einer Lebererkrankung kann sich das Blut vor der Leber stauen, was als Pfortaderhochdruck bezeichnet wird. Auch dann sucht sich das Blut Umgehungswege, diesmal über Venen, etwa in Form erweiterter Venen in der Speiseröhre, die man Krampfadern der Speiseröhre oder Ösophagusvarizen nennt.

Diese venösen Umgehungskreisläufe sind kein hilfreicher Schutzmechanismus, sondern können selbst zur Gefahrenquelle werden, weil sie bluten können. Deshalb werden sie ärztlich überwacht und bei Bedarf behandelt, statt nur beobachtet zu werden.

Eine Kollateralzirkulation ist damit meist eine hilfreiche Selbsthilfe des Körpers, im Zusammenhang mit der Leber dagegen ein Zeichen, das im Blick behalten wird. Ob und wie engmaschig es kontrolliert werden muss, ordnet das Behandlungsteam anhand des gesamten Befunds ein.

Quellen

Meier P, Hemingway H, Lansky AJ, et al. The impact of the coronary collateral circulation on mortality: a meta-analysis. Eur Heart J, 2012. Quelle.

Biswas S, Srivastava Y, Hamadttu A. Coronary collateral circulation and mortality in ST-elevation myocardial infarction undergoing primary PCI: an updated systematic review and meta-analysis. BMC Cardiovasc Disord, 2026. Quelle.

Nassar A, Wagura E, Loukas M. Mast cells and arteriogenesis: A systematic review. Cardiovasc Pathol, 2025. Quelle.

Mazzolai L, Teixido-Tura G, Lanzi S, et al. 2024 ESC Guidelines for the management of peripheral arterial and aortic diseases. Eur Heart J, 2024. Quelle.

de Franchis R, Bosch J, Garcia-Tsao G, et al. Baveno VII – Renewing consensus in portal hypertension. J Hepatol, 2022. Quelle.

BITTE BEACHTEN

Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und kann nicht das persönliche Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt ersetzen. Für eine individuelle Diagnose, Therapieempfehlung und Behandlung konsultieren Sie bitte immer medizinisches Fachpersonal.

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