Die Stufen der IMWG-Response und was sie bedeuten
Die Leiter beginnt dort, wo sich unter der Behandlung nichts Messbares verändert, und reicht bis zu einem Befund, in dem selbst feine Tests nichts mehr finden. Nach unten hin gibt es zusätzlich eine Stufe für das Fortschreiten der Erkrankung.
Stabile Erkrankung (SD)
Bleibt das M-Protein ungefähr dort, wo es war, also weder deutlich niedriger noch nennenswert höher, lautet die Kategorie stabile Erkrankung, im Befund abgekürzt als SD für "stable disease". Als Ansprechen zählt das nicht, denn die Behandlung hat das Myelom nicht messbar zurückgedrängt. Sie hält es aber in Schach, und solange nichts fortschreitet, ist die Lage nicht bedrohlich. Ob die Therapie unverändert weiterläuft oder gewechselt wird, wägt das Behandlungsteam anhand des Gesamtbilds ab.
Partielle Remission (PR)
Von einer partiellen Remission, kurz PR für "partial response", spricht man, wenn das M-Protein im Blut um mindestens die Hälfte zurückgegangen ist. Das ist ein teilweises Ansprechen: Die Behandlung wirkt deutlich, hat die Erkrankung aber noch nicht aus den Messwerten verdrängt.
Sehr gute partielle Remission (VGPR)
Eine Stufe darüber liegt die sehr gute partielle Remission, abgekürzt VGPR für "very good partial response". Hier ist das M-Protein mit den üblichen Laborverfahren fast verschwunden, in der Regel um mindestens neun Zehntel zurückgegangen, und nur noch mit empfindlicheren Methoden in Spuren aufzuspüren.
Komplette Remission (CR)
Bei einer kompletten Remission, im Befund CR für "complete response", findet selbst die Immunfixation, ein besonders empfindlicher Labortest, kein M-Protein mehr in Blut und Urin. Im Knochenmark sind zudem nur noch sehr wenige Plasmazellen übrig, also jene Zellen, aus denen ein Myelom hervorgeht. Mit den Standarduntersuchungen ist dann kein Myelom mehr nachzuweisen.
Stringente komplette Remission (sCR)
Noch einen Schritt weiter geht die stringente komplette Remission, kurz sCR für "stringent complete response". Zu allem, was für eine komplette Remission gilt, kommt hier zweierlei hinzu: Im Knochenmark lassen sich auch mit feineren Färbemethoden keine kranken Plasmazellen mehr aufspüren, und das Verhältnis der freien Leichtketten im Blut ist wieder normal. Diese kleinen Eiweißbausteine geben Plasmazellen ins Blut ab, und ihr Verhältnis zueinander verschiebt sich, solange kranke Zellen aktiv sind.
Progress (PD)
Am unteren Ende der Leiter steht der Progress, kurz PD für "progressive disease". Er ist das Gegenstück zur Remission und bedeutet, dass das M-Protein wieder um mindestens ein Viertel angestiegen ist, die Erkrankung also fortschreitet. Geschieht das, nachdem zuvor eine Remission erreicht war, spricht man von einem Rezidiv, also einem Rückfall.
Komplette Remission ist noch keine Heilung
Eine komplette Remission ist ein sehr gutes Ergebnis, meint aber nicht dasselbe wie geheilt. "Komplett" heißt zunächst nur, dass die üblichen Untersuchungen kein Myelom mehr aufspüren, und es können trotzdem einzelne kranke Zellen zurückbleiben, für die diese Tests zu grob sind. Aus ihnen kann die Erkrankung nach Monaten oder Jahren wiederkommen.
Das liegt nicht an einer Schwäche der Behandlung, sondern in der Natur dieser Erkrankung, die bei den meisten Menschen bisher als gut behandelbar, aber nicht dauerhaft heilbar gilt. Deshalb schließt sich an eine komplette Remission oft eine Erhaltungstherapie an, also eine Behandlung, die nach dem Ansprechen in abgeschwächter Form weiterläuft. Dazu kommen regelmäßige Kontrollen, damit ein Rückfall früh auffällt. Gerade weil das Ansprechen immer wieder überprüft und die Behandlung daran angepasst wird, leben viele Betroffene lange und gut mit dieser Erkrankung.
MRD-Negativität, die tiefste messbare Stufe
Mit modernen Therapien erreichen heute so viele Menschen eine komplette Remission, dass diese Stufe allein oft nicht mehr genug unterscheidet. Sie zeigt nicht, bei wem tatsächlich fast kein Myelom mehr vorhanden ist. Dafür gibt es die minimale Resterkrankung, kurz MRD von "minimal residual disease".
Wie nach Restzellen gesucht wird
Bei der MRD-Messung wird im Knochenmark gezielt nach einzelnen übrig gebliebenen Myelomzellen gesucht, entweder mit einer feinen Durchflussmessung, bei der die Zellen einzeln an einem Messgerät vorbeigeleitet werden, oder mit einer Sequenzierung, die das Erbgut der Zellen abliest. Diese Verfahren sind so genau, dass sie noch eine einzelne kranke Zelle unter 100.000 gesunden Zellen erkennen, die feinsten sogar eine unter einer Million. Wird auch dabei nichts gefunden, lautet der Befund MRD-negativ. Bleibt dieser Zustand über mindestens ein Jahr bestätigt, spricht man von anhaltender MRD-Negativität.
Was ein MRD-negativer Befund aussagt
Ein MRD-negativer Befund ist ein sehr gutes Zeichen, denn im Schnitt bleiben Menschen mit einem solchen Ergebnis deutlich länger ohne Fortschreiten der Erkrankung als Menschen, bei denen noch Restzellen nachweisbar sind. Eine große Auswertung mehrerer Studien mit fast 5.000 neu erkrankten Patient:innen hat diesen Zusammenhang 2024 bestätigt. Das ist allerdings eine Aussage über große Gruppen und keine feste Vorhersage für eine einzelne Person.
Was der Wert für die Behandlung bedeutet
Als Maßstab in Studien und bei Zulassungsbehörden wird MRD zunehmend anerkannt; in den USA gibt es dazu seit Januar 2026 einen noch nicht endgültigen Entwurf der Arzneimittelbehörde FDA. Für die eigene Behandlung heißt ein negativer MRD-Befund nach der aktuellen Leitlinie (Onkopedia, Stand Oktober 2024) aber noch nicht automatisch, dass die Therapie deswegen verändert oder beendet wird. Ob und wie der Wert eine Rolle spielt, entscheidet weiterhin das Behandlungsteam anhand des Gesamtbilds. Diese Lage kann sich in den nächsten Jahren ändern, deshalb lohnt sich die Nachfrage nach dem aktuellen Stand beim behandelnden Team.
Was die Tiefe der Remission für die Aussichten bedeuten kann
Als Faustregel gilt: Je tiefer das Ansprechen, desto günstiger meist der weitere Verlauf. Eine stringente komplette Remission oder ein MRD-negativer Befund gehen im Durchschnitt mit einer längeren Zeit ohne Rückfall einher als eine partielle Remission, und große Studien mit mehreren Tausend Betroffenen zeigen diesen Zusammenhang recht einheitlich.
Diese Regel beschreibt aber Wahrscheinlichkeiten für viele Menschen und keinen festen Fahrplan für einen einzelnen Verlauf. Manche Menschen mit einer "nur" partiellen Remission haben über lange Zeit einen sehr ruhigen Verlauf, während ein tiefes Ansprechen umgekehrt keine Garantie ist. Eine weniger tiefe Remission sagt deshalb wenig Schlechtes aus, sondern zeigt vor allem, dass die Therapie wirkt und die Erkrankung zurückdrängt, und oft lässt sich das Ansprechen mit den weiteren Behandlungsschritten noch vertiefen. Wie die persönlichen Aussichten einzuschätzen sind, beurteilt am besten das Team, das den gesamten Befund und den bisherigen Verlauf kennt.
Ein guter nächster Schritt kann sein, das behandelnde Team zu fragen, welcher Ansprech-Kategorie der letzte Befund entspricht und ob beziehungsweise warum ein MRD-Test gemacht wurde.
Quellen
Durie BG, Harousseau JL, Miguel JS, Bladé J, Barlogie B, Anderson K, et al. International uniform response criteria for multiple myeloma. Leukemia. 2006;20(9):1467–73. DOI: 10.1038/sj.leu.2404284.
Kumar S, Paiva B, Anderson KC, Durie B, Landgren O, Moreau P, et al. International Myeloma Working Group consensus criteria for response and minimal residual disease assessment in multiple myeloma. The Lancet. Oncology. 2016;17(8):e328–e346. DOI: 10.1016/S1470-2045(16)30206-6.
Landgren O, Prior TJ, Masterson T, Heuck C, Bueno OF, Dash AB, et al. EVIDENCE meta-analysis: evaluating minimal residual disease as an intermediate clinical end point for multiple myeloma. Blood. 2024;144(4):359–367. DOI: 10.1182/blood.2024024371.
Moreau P, Attal M, Hulin C, Arnulf B, Belhadj K, Benboubker L, et al. Bortezomib, thalidomide, and dexamethasone with or without daratumumab before and after autologous stem-cell transplantation for newly diagnosed multiple myeloma (CASSIOPEIA): a randomised, open-label, phase 3 study. Lancet. 2019;394(10192):29–38. DOI: 10.1016/S0140-6736(19)31240-1.
Onkopedia-Leitlinie „Multiples Myelom", DGHO, Stand Oktober 2024. Quelle.