Patellaluxation beim Hund: Grad ist nicht alles

Patellaluxation beim Hund: Grad ist nicht alles

Bei einer Patellaluxation springt die Kniescheibe deines Hundes aus der Knochenrinne heraus, in der sie beim Laufen eigentlich gleiten soll, in den allermeisten Fällen nach innen. Patella ist der Fachbegriff für die Kniescheibe, Luxation bedeutet ausgerenkt.

Die Kniescheibe ist ein kleiner Knochen, der in der Sehne der großen Oberschenkelmuskulatur eingebettet liegt und sich bei jedem Schritt wie ein Seil in einer Umlenkrolle durch eine Rinne am unteren Ende des Oberschenkelknochens bewegt. Ist diese Rinne von Geburt an zu flach angelegt, oder verläuft die Beinachse ein wenig krumm, zieht die Muskulatur die Kniescheibe schräg über den Rand hinaus. Besonders oft trifft das kleine Rassen, häufig sind beide Hinterbeine betroffen, und auffällig wird es meist schon im ersten oder zweiten Lebensjahr.

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Woran du eine Patellaluxation erkennst

Das klassische Bild kennen viele Halter:innen, ohne es einordnen zu können: Der Hund läuft ganz normal, überspringt plötzlich einen Schritt, hüpft ein paar Meter auf drei Beinen weiter und hält das Hinterbein dabei angezogen. Dann streckt er es einmal kurz nach hinten aus, setzt es wieder auf und trabt weiter, als wäre nichts gewesen. Dieses Strecken ist kein Zufall, sondern die Selbsthilfe deines Hundes, denn durch das Durchstrecken rutscht die Kniescheibe in ihre Rinne zurück.

Daneben gibt es leisere Anzeichen. Manche Hunde lahmen nur nach dem Aufstehen oder nach dem Toben für ein paar Schritte, andere sitzen mit seitlich abgespreiztem Hinterbein, mögen nicht mehr aufs Sofa springen oder werden auf langen Runden schneller müde. Bei stärker ausgeprägten Formen sieht der Gang insgesamt anders aus, die Hunde gehen in der Hinterhand geduckt und mit leicht nach innen gedrehten Knien. Und es gibt Hunde, bei denen überhaupt nichts auffällt und die Kniescheibe eher zufällig bei einer Untersuchung aus anderem Anlass entdeckt wird.

Was in der Tierarztpraxis untersucht wird

Die Diagnose stellt deine Tierärztin oder dein Tierarzt vor allem mit den Händen. Beim Abtasten wird geprüft, ob sich die Kniescheibe bei gestrecktem und bei gebeugtem Bein aus ihrer Rinne schieben lässt, ob sie von selbst zurückspringt und ob sie überhaupt an ihrem Platz sitzt. Beide Hinterbeine werden dabei angeschaut, weil sehr häufig beide Seiten betroffen sind, auch wenn dein Hund nur auf einer Seite hüpft.

Ein Röntgenbild kommt meist dazu, allerdings nicht, um die Luxation selbst zu sehen. Es zeigt, wie die Beinachse verläuft, also ob Oberschenkel und Schienbein verdreht oder gekrümmt sind, und ob im Gelenk bereits Verschleißspuren zu erkennen sind. Genau diese Punkte entscheiden mit, welche Behandlung sinnvoll ist.

Was die Grade I bis IV bedeuten

Nach dem Abtasten steht auf dem Befund deines Hundes fast immer eine römische Zahl von I bis IV, manchmal für jedes Knie eine eigene. Sie beschreibt schlicht, wie leicht und wie oft die Kniescheibe ihre Rinne verlässt.

Bei Grad I lässt sich die Kniescheibe von Hand aus der Rinne drücken, springt aber sofort von selbst zurück, sobald man loslässt. Im normalen Bewegungsablauf passiert das selten. Bei Grad II springt sie ohne fremdes Zutun immer wieder heraus und rutscht auch von allein wieder hinein, und dieser Grad ist die Stufe, bei der die meisten Halter:innen den typischen Hüpfschritt zum ersten Mal bemerken. Bei Grad III liegt die Kniescheibe dauerhaft außerhalb ihrer Rinne, lässt sich am gestreckten Bein aber noch mit der Hand zurückschieben. Bei Grad IV ist sie ebenfalls dauerhaft ausgerenkt, und selbst mit den Händen bekommt man sie nicht mehr an ihren Platz, weil Rinne, Muskelzug und Beinachse zu stark verändert sind.

Warum der Grad allein nicht über eine Operation entscheidet

Diese Zahl beschreibt einen Tastbefund, nicht das Leben deines Hundes. Sie sagt nicht, wie weh das tut, wie sehr es im Alltag stört und ob operiert werden sollte. Manche Hunde mit Grad II lahmen so regelmäßig, dass eine Operation der richtige Weg ist, und manche mit einem höheren Grad kommen über Jahre erstaunlich gut zurecht, weil sie sich an die Fehlstellung gewöhnt haben und weder Schmerz noch Einschränkung zeigen.

Auch die Daten stützen das. In einer Auswertung aus vier italienischen Überweisungskliniken mit 559 Hunden und 801 Kniegelenken waren Körpergewicht und Luxationsgrad die einzigen Größen, die statistisch mit Komplikationen nach einer Operation zusammenhingen. Untersucht wurden dort ausschließlich bereits operierte Hunde, über die Frage, wer überhaupt eine Operation braucht, sagt die Auswertung deshalb nichts. Wie unterschiedlich diese Entscheidung ausfällt, zeigt eher die englische Grundversorgung: Dort wurden nur 13 von 100 Hunden mit dieser Diagnose operiert. In der bislang größten Auswertung ganz normaler Tierarztpraxen in England wurden von den dort diagnostizierten Hunden rund 13 von 100 operiert, während knapp 40 von 100 ohne Operation behandelt wurden. Wie viele Hunde eine Operation brauchen, hängt also stark davon ab, welche Hunde man vor sich hat und wie es ihnen geht.

Für dich heißt das, dass es im Gespräch mit der Tierarztpraxis weniger darauf ankommt, welche Zahl auf dem Papier steht, als darauf, wie oft dein Hund hüpft, ob er nach Belastung lahmt, ob er Bewegungen meidet, die er früher mochte, und ob das über die Monate mehr wird.

Welche Hunde betroffen sind und was die Zucht damit zu tun hat

In der englischen Auswertung von über 210.000 Hunden aus der normalen tierärztlichen Grundversorgung hatte etwa einer von hundert Hunden die Diagnose Patellaluxation. In einer argentinischen Klinikpopulation lag die Zahl niedriger, was vor allem daran liegt, dass dort andere Hunde erfasst wurden, nämlich überwiegend überwiesene Fälle. Solche Häufigkeitsangaben tragen deshalb immer ihre Herkunft mit sich und lassen sich nicht einfach auf jede Hundepopulation übertragen.

Deutlich häufiger als Mischlingshunde sind kleine Rassen betroffen, in der englischen Auswertung vor allem Zwergspitz, Chihuahua, Yorkshire Terrier und Französische Bulldogge, die alle rund fünf- bis sechsmal so oft eine Diagnose bekamen. Ein reines Kleinhundeproblem ist es trotzdem nicht, denn in der italienischen Klinikauswertung war auch eine beachtliche Zahl großer Hunde dabei.

Die Neigung dazu wird vererbt, weil die flache Gleitrinne und die krumme Beinachse Bauformen sind, die ein Hund von seinen Eltern mitbekommt. Deshalb gehören betroffene Hunde nicht in die Zucht, und in besonders belasteten Rassen empfehlen die Autor:innen der englischen Auswertung ausdrücklich, die Kniescheiben in die Zuchtauswahl einzubeziehen. Wenn du einen Welpen einer der genannten Rassen suchst, lohnt die Frage an die Züchter:innen, ob die Elterntiere auf Patellaluxation untersucht wurden.

Was ohne Operation hilft

Bei milden Formen und bei Hunden, die im Alltag kaum eingeschränkt sind, wird zunächst ohne Operation behandelt. Diese Maßnahmen legen die Kniescheibe allerdings nicht dauerhaft dorthin zurück, wo sie hingehört, und sie vertiefen auch die zu flache Rinne nicht. Sie stützen das Gelenk, nehmen Belastung von ihm und können damit Beschwerden deutlich verringern, ersetzen aber keine Operation, wenn eine nötig ist.

Gewicht und Alltag

Jedes Kilo zu viel drückt bei jedem Schritt auf das Knie, weshalb ein schlanker Hund den Unterschied zwischen gelegentlichem Hüpfen und regelmäßigem Lahmen ausmachen kann. Lass dir in der Tierarztpraxis zeigen, wo dein Hund im Vergleich zum Idealgewicht steht, und rechne Leckerlis beim Training mit.

Ebenso wirksam ist es, die Situationen zu entschärfen, in denen die Kniescheibe besonders leicht herausrutscht. Das sind vor allem ruckartige Drehungen und abruptes Abbremsen, wie sie beim Ballwerfen entstehen, sowie Sprünge vom Sofa oder aus dem Kofferraum, für die eine Rampe oder eine Stufe die bessere Lösung ist. Glatte Böden gehören ebenfalls dazu, denn auf Laminat und Fliesen rutschen die Pfoten weg und das Knie fängt die Bewegung ab. Ein paar Teppichläufer auf den Hauptwegen in der Wohnung sind eine der einfachsten Maßnahmen überhaupt.

Übungen und Bewegung

Ziel ist eine kräftige Muskulatur an Oberschenkel und Hinterhand, weil sie die Kniescheibe besser in ihrer Bahn hält und das Gelenk stabilisiert. Am meisten bringt dabei nicht die spektakuläre Übung, sondern gleichmäßiges, ruhiges Gehen und Traben an lockerer Leine auf weichem, griffigem Boden. Mehrere kürzere Runden über den Tag verteilt sind dafür besser als eine lange Tour am Wochenende.

Dazu passen einige einfache Übungen, die die Hinterhand gezielt ansprechen. Langsames Bergaufgehen im Schritt lässt deinen Hund die Hinterbeine bewusst beugen und strecken, Schrittarbeit über flach am Boden liegende Stangen zwingt ihn dazu, jedes Bein einzeln zu heben und zu setzen, und ruhiges Rückwärtsgehen über wenige Schritte trainiert die Muskulatur, die er sonst kaum benutzt. Sanftes Slalomgehen um Bäume oder Stangen bringt Beweglichkeit hinein, und ein kurzes Stehen auf weichem Untergrund wie einer zusammengerollten Decke fordert die kleinen stabilisierenden Muskeln. Wenige Wiederholungen genügen, langsam wirkt besser als schnell, und wenn dein Hund am Tag danach steifer ist oder häufiger hüpft, war es zu viel.

Physiotherapie

Eine Tierphysiotherapie kann die Übungen an deinen Hund anpassen und ergänzt sie um Massage, passives Bewegen des Gelenks und Wärme. Ein Unterwasserlaufband ist hier besonders geeignet, weil das Wasser einen Teil des Körpergewichts trägt und dein Hund trotzdem sauber durchtritt. Nach einer Operation ist Physiotherapie ohnehin fester Bestandteil, denn die neu gerichtete Mechanik funktioniert nur mit Muskulatur, die sie hält.

Schmerzmittel nur aus der Tierarztpraxis

Wenn dein Hund Schmerzen hat, gehören sie behandelt, weil ein Hund, der schont, Muskulatur verliert und das Knie dadurch noch instabiler wird. Welcher Wirkstoff geeignet ist und wie viel dein Hund davon bekommt, hängt von Gewicht, Alter, Nieren- und Leberwerten sowie anderen Medikamenten ab und wird deshalb immer individuell verordnet.

Gib deinem Hund niemals auf eigene Faust ein Schmerzmittel aus deiner Hausapotheke. Ibuprofen und Diclofenac sind für Hunde besonders riskant und können Magen, Darm und Nieren schwer schädigen. Auch Paracetamol und Acetylsalicylsäure, die in bestimmten Situationen tierärztlich verordnet werden, haben beim Hund einen sehr schmalen Bereich zwischen Wirkung und Schaden.

Wann eine Operation infrage kommt und was sie bringt

Operiert wird, wenn dein Hund regelmäßig lahmt, Schmerzen hat oder im Alltag spürbar eingeschränkt ist, und meistens auch dann, wenn die Kniescheibe dauerhaft draußen liegt und das Bein sich deshalb nicht mehr normal entwickeln kann. Die Operation setzt an der Mechanik an. Die Gleitrinne im Oberschenkelknochen wird vertieft, sodass die Kniescheibe wieder eine echte Führung bekommt, und die Stelle am Schienbein, an der das Kniescheibenband ansetzt, wird bei Bedarf versetzt, damit der Zug der Muskulatur wieder gerade verläuft. Ist die Beinachse stark verdreht, kann zusätzlich eine Knochenkorrektur nötig sein.

Die Ergebnisse sind insgesamt gut, aber nicht garantiert. In der italienischen Auswertung von 400 operierten Hunden war das Ergebnis bei rund 88 von 100 Kniegelenken gut, und bei etwa 7 von 100 Hunden sprang die Kniescheibe wieder heraus. ### Bei kleinen Hunden unter zehn Kilo

Bei kleinen Hunden unter zehn Kilogramm mit Grad I bis III beurteilten die Halter:innen das Ergebnis in einer Wiener Nachuntersuchung in 95 Prozent der Fälle als sehr gut oder ausgezeichnet, wobei eine genaue Ganganalyse zeigte, dass feine Unterschiede in der Belastung bleiben können, die im Alltag niemandem auffallen.

Beim schwersten Grad

Beim schwersten Grad IV sollte die Erwartung nüchterner sein. In einer amerikanischen Auswertung von 47 Kniegelenken erreichten nach der Operation etwa vier von zehn wieder die volle Funktion, weitere vier eine gute, aber nicht vollständige, und bei knapp zwei von zehn blieb das Ergebnis unbefriedigend. Die Funktion verbessert sich also fast immer deutlich, ein völlig normales Bein sollte man aber nicht fest einplanen. Solche Eingriffe gehören in erfahrene Hände, und eine Überweisung an eine chirurgisch spezialisierte Tierarztpraxis oder Tierklinik ist dabei üblich.

Ist eine Patellaluxation heilbar

Von allein wächst sie sich nicht aus. Die zu flache Rinne und die schiefe Beinachse sind Bauformen des Knochens, und die verändern sich durch Schonung, Futterzusätze oder Training nicht mehr. In diesem Sinn ist eine Patellaluxation nicht heilbar, aber das ist nur die halbe Antwort.

Denn eine Operation kann die Mechanik in geeigneten Fällen tatsächlich wieder in Ordnung bringen, sodass die Kniescheibe dort bleibt, wo sie hingehört. Und viele Hunde mit milden Formen leben mit gutem Gewicht, angepasster Bewegung und kräftiger Muskulatur jahrelang beschwerdefrei, ohne dass je operiert wird. Was auf Dauer bleibt, ist ein Knie, das mehr Aufmerksamkeit braucht als ein gesundes: Springt die Kniescheibe über Jahre immer wieder heraus, scheuert sie den Knorpel ab, und daraus entwickelt sich Arthrose, also Gelenkverschleiß mit Steifigkeit und Schmerz. Das ist der eigentliche Grund, warum es sich lohnt, ein hüpfendes Bein früh anzusehen statt es als Marotte abzutun.

Nimm zum nächsten Termin am besten zwei Beobachtungen mit: wie oft dein Hund in einer typischen Woche hüpft oder lahmt, und was er im Vergleich zu früher nicht mehr gern macht. Daraus lässt sich viel besser ableiten, ob beobachten reicht oder ob eine Operation ansteht, als aus der Zahl auf dem Befund.

Und beim Menschen?

Auch beim Menschen kann die Kniescheibe herausspringen, meist nach einer Verletzung oder bei einer flachen Führungsrinne. Siehe Patella beim Menschen.

Quellen

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Bosio F, Bufalari A, Peirone B, Petazzoni M, Vezzoni A. Prevalence, treatment and outcome of patellar luxation in dogs in Italy. A retrospective multicentric study (2009-2014). Vet Comp Orthop Traumatol. 2017;30(5):364-370. doi:10.3415/VCOT-16-05-0073

Hans EC, Kerwin SC, Elliott AC, Butler R, Saunders WB, Hulse DA. Outcome Following Surgical Correction of Grade 4 Medial Patellar Luxation in Dogs: 47 Stifles (2001-2012). J Am Anim Hosp Assoc. 2016;52(3):162-169. doi:10.5326/JAAHA-MS-6329

Vodnarek J, Schneider E, Bockstahler B, Schnabl-Feichter E. Outcome of surgical correction of medial patellar luxation in dogs weighing less than 10 kg. Vet Rec. 2024;194(8):e3994. doi:10.1002/vetr.3994

Rudd Garces G, Arizmendi A, Barrientos LS, et al. Epidemiology of Cranial Cruciate Ligament Rupture and Patellar Luxation in Dogs from the Province of Buenos Aires, Argentina. Vet Comp Orthop Traumatol. 2021;34(1):24-31. doi:10.1055/s-0040-1717148

BITTE BEACHTEN

Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und kann nicht das persönliche Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt ersetzen. Für eine individuelle Diagnose, Therapieempfehlung und Behandlung konsultieren Sie bitte immer medizinisches Fachpersonal.

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