Welche Symptome auf einen Bandscheibenvorfall hindeuten
Am Anfang steht fast immer der Schmerz. Betroffene Hunde bewegen sich steif und vorsichtig, wollen nicht mehr springen oder Treppen steigen, machen einen Buckel, hecheln ohne erkennbaren Grund und zittern. Manche jaulen beim Hochheben oder wenn du sie im Rücken berührst, andere ziehen sich einfach zurück und fressen schlechter. Beim Vorfall im Halsbereich halten viele Hunde den Kopf tief und steif und wollen ihn nicht mehr drehen.
Drückt das Bandscheibenmaterial stärker auf das Rückenmark, kommen neurologische Ausfälle dazu. Der Gang wird wackelig, die Hinterbeine knicken weg oder kreuzen sich, die Pfoten schleifen über den Boden und nutzen sich an der Oberseite ab. Im nächsten Schritt kann der Hund gar nicht mehr aufstehen und zieht die Hinterhand nach. Auch Blase und Darm hängen an denselben Nervenbahnen, deshalb kommt es häufig dazu, dass der Hund nicht mehr selbst Urin absetzen kann oder unbemerkt Urin verliert. Diese Kombination aus plötzlichem Rückenschmerz und schwachen Hinterbeinen ist das typische Bild, und sie entwickelt sich oft innerhalb von Stunden.
Was du sofort tun kannst
Halte deinen Hund von diesem Moment an konsequent ruhig. Kein Laufen, kein Springen, keine Treppe, kein Toben mit anderen Hunden. Trage ihn und stütze dabei Brust und Becken gleichzeitig, damit der Rücken möglichst gerade bleibt, und bring ihn in einer Box oder auf einer flachen Unterlage zur Praxis, statt ihn selbst laufen zu lassen.
Gib deinem Hund auf keinen Fall auf eigene Faust Schmerzmittel aus der eigenen Hausapotheke. Ibuprofen und Diclofenac sind für Hunde besonders gefährlich, und auch Wirkstoffe wie Paracetamol oder Acetylsalicylsäure, die in bestimmten Situationen tierärztlich verordnet werden, haben beim Hund einen sehr schmalen Bereich zwischen Wirkung und Schaden. Für Katzen gilt zusätzlich: Paracetamol ist schon in kleinen Mengen lebensgefährlich. Welches Schmerzmittel in welcher Menge passt, hängt an Gewicht, Vorerkrankungen und Diagnose und wird deshalb in der Tierarztpraxis festgelegt. Ein Schmerzmittel würde außerdem verschleiern, wie stark dein Hund tatsächlich beeinträchtigt ist, und genau das braucht die Tierärztin oder der Tierarzt für die Einschätzung.
Warum es vor allem Dackel trifft
Bandscheibenvorfälle beim Hund werden in zwei Formen eingeteilt, benannt nach dem dänischen Tierarzt Hansen, der sie beschrieben hat. Sie entstehen unterschiedlich und betreffen unterschiedliche Hunde.
Hansen Typ I: der plötzliche Vorfall
Beim Typ I verändert sich der weiche Gallertkern im Inneren der Bandscheibe schon in jungen Jahren, er verkalkt und verliert seine federnde Eigenschaft. Irgendwann reißt der äußere Faserring, und der harte Kern schießt schlagartig in den Wirbelkanal. Das ist der akute Notfall, und er trifft vor allem die kurzbeinigen Rassen mit dem langen Rücken, den sogenannten chondrodystrophen Hunden: Dackel an erster Stelle, dazu französische Bulldogge, Beagle, Pekinese, Cocker Spaniel und Shih Tzu. Betroffen sind oft schon Hunde zwischen drei und sieben Jahren, und der Vorfall passiert nicht selten bei einer ganz alltäglichen Bewegung wie dem Sprung vom Sofa.
Wie stark diese Veranlagung wiegt, zeigt eine dänische Untersuchung an Dackeln: Rund 18 Prozent der Hunde erlitten im Lauf ihres Lebens einen Bandscheibenvorfall, und zwar unabhängig davon, ob sie kurz-, lang- oder rauhaarig waren. Sichtbare Verkalkungen der Bandscheiben im Röntgenbild waren dabei der deutlichste Warnhinweis. Hinter der kurzen Beinform steckt eine bestimmte Erbanlage, die FGF4-Retrogen-Insertion, die zugleich mit dem frühen Verschleiß der Bandscheiben zusammenhängt. Als alleiniger Gentest taugt sie in der Zucht allerdings kaum, weil diese Erbanlage bei Dackeln praktisch in der gesamten Population steckt und daher kaum zwischen einzelnen Tieren unterscheidet.
Hansen Typ II: der langsame Verschleiß
Beim Typ II reißt nichts. Hier wölbt sich der Faserring über Jahre langsam nach oben vor und drückt allmählich auf das Rückenmark. Betroffen sind eher größere, ältere Hunde wie Schäferhund oder Labrador. Die Beschwerden kommen schleichend über Wochen bis Monate, mit steifem Gang, wackeliger Hinterhand und nachlassender Ausdauer, und sind deshalb leichter zu übersehen als der plötzliche Zusammenbruch beim Typ I.
Die fünf Grade bei IVDD: woran der Schweregrad gemessen wird
In der Tiermedizin wird ein Bandscheibenvorfall in fünf Grade eingeteilt, und diese Einteilung entscheidet über die Behandlung und über die Aussichten. Bei Grad 1 hat der Hund nur Schmerzen, läuft aber normal. Bei Grad 2 läuft er noch, wirkt dabei aber unsicher und wackelig. Bei Grad 3 kann er nicht mehr selbst aufstehen und gehen, bewegt die Hinterbeine aber noch. Bei Grad 4 sind die Hinterbeine vollständig gelähmt, der Hund spürt dort aber noch tiefen Schmerz. Bei Grad 5 ist er ebenfalls vollständig gelähmt und nimmt zusätzlich keinen tiefen Schmerz mehr wahr.
Diese Tiefenschmerzwahrnehmung ist die entscheidende Trennlinie. Sie zeigt, ob zwischen Hinterbeinen und Gehirn überhaupt noch eine Verbindung durch das geschädigte Rückenmark besteht, und sie ist der Grund, warum die Untersuchung so genau abläuft: Die Tierärztin oder der Tierarzt drückt kräftig auf eine Zehe und achtet darauf, ob der Hund bewusst reagiert, sich also umdreht, jault oder abwehrt. Zieht er das Bein nur zurück, ist das lediglich ein Reflex, der auf Höhe des Rückenmarks abläuft und auch dann noch funktioniert, wenn das Gehirn nichts mehr davon mitbekommt. Genau diese Verwechslung führt zu Hause oft zu einer zu optimistischen Einschätzung.
Wie die Diagnose gestellt wird
Am Anfang steht eine neurologische Untersuchung, bei der Gangbild, Reflexe, Haltung und eben die Tiefenschmerzwahrnehmung geprüft werden. Daraus ergibt sich der Grad und ungefähr auch, in welchem Abschnitt der Wirbelsäule das Problem sitzt. Ein normales Röntgenbild kann eine verkalkte Bandscheibe oder einen verengten Zwischenwirbelraum zeigen, das Rückenmark selbst und den Druck darauf sieht man darauf jedoch nicht.
Deshalb braucht es vor einer Operation eine Schnittbildaufnahme, meist eine Magnetresonanztomografie, also ein Verfahren, das mit einem starken Magnetfeld feine Bilder auch von weichem Gewebe erzeugt, seltener eine Computertomografie, eine Röntgenuntersuchung in dünnen Schichten. Beides funktioniert beim Hund nur unter Narkose, weil er dafür vollkommen still liegen muss, und beides ist in der Regel an eine Fachklinik gebunden. Erst diese Aufnahme zeigt genau, welche Bandscheibe betroffen ist und auf welcher Seite das Material liegt, und ohne diese Information lässt sich nicht operieren.
IVDD beim Hund behandeln: strikte Ruhe oder Operation
Konservativ, also ohne Operation
Bei Grad 1 und 2, also bei Hunden mit Schmerzen oder leichter Unsicherheit, die noch laufen können, ist eine Behandlung ohne Operation ein sinnvoller erster Weg. Sie besteht aus strikter Boxenruhe über etwa vier Wochen, aus Schmerzmitteln und entzündungshemmenden Medikamenten aus der Tierarztpraxis und aus kontrolliertem Wiederaufbau danach, oft mit Physiotherapie.
Strikte Boxenruhe bedeutet mehr, als die meisten Halter:innen erwarten. Der Hund lebt in einer Box oder einem kleinen abgetrennten Bereich, in dem er sich hinlegen und umdrehen, aber nicht laufen kann. Zum Lösen wird er hinausgetragen und an der kurzen Leine geführt, danach geht es zurück. Kein Sofa, kein Treppensteigen, kein Spiel. Die schwierigste Phase kommt meist nach ein paar Tagen, wenn die Schmerzmittel wirken und der Hund sich wieder munter fühlt, denn genau dann ist die verletzte Bandscheibe noch lange nicht stabil, und ein einziger Sprung kann alles zunichtemachen. Beschäftigung läuft in dieser Zeit über den Kopf, etwa über Suchspiele im Liegen oder Futter aus einer Schnüffelmatte.
Sobald ein Hund nicht mehr gehfähig ist, reicht dieser Weg in aller Regel nicht mehr. Verschlechtert sich ein Hund unter der Ruhephase oder wird er trotz Schmerzmitteln nicht schmerzfrei, gehört er erneut vorgestellt.
Die Operation
Ab dem Punkt, an dem ein Hund nicht mehr selbstständig gehen kann, empfiehlt die Fachgesellschaft für Tiermedizin in ihrer aktuellen Konsensusempfehlung von 2022 die Operation. Dabei fräst die Chirurgin oder der Chirurg ein kleines Fenster in den Wirbelknochen und entfernt das Bandscheibenmaterial, das auf das Rückenmark drückt. Das Rückenmark selbst wird dadurch nicht repariert, es bekommt aber wieder Platz und die Möglichkeit, sich zu erholen.
Häufig wird im selben Eingriff eine Fenestration durchgeführt: Aus benachbarten Bandscheiben wird der Gallertkern vorbeugend ausgeräumt, damit von dort kein Material mehr in den Wirbelkanal austreten kann. Dass das die Zahl künftiger Vorfälle an den behandelten Stellen senkt, ist gut belegt. Nach der Operation folgt eine mehrwöchige Phase aus Ruhe, Blasenmanagement und Physiotherapie, und dieser Teil ist für den Erfolg genauso wichtig wie der Eingriff selbst.
Was nicht hilft
Kortison in hoher Dosierung galt lange als Nervenschutz beim akuten Bandscheibenvorfall. Nach dem heutigen Stand der Konsensusempfehlung ist diese Behandlung in Studien nicht wirksam gewesen und wird nicht mehr empfohlen, ebenso wenig wie das ebenfalls als Nervenschutz erprobte Polyethylenglykol. Wenn dir jemand zu einer Kortisonspritze als Ersatz für eine ordentliche Untersuchung rät, ist das ein guter Moment, in einer Klinik nachzufragen. Etwas anderes sind Schmerzmittel und entzündungshemmende Medikamente, die gezielt verordnet werden und ihren festen Platz haben.
Hartnäckig hält sich außerdem die Aussage, nach 48 Stunden ohne Tiefenschmerz sei eine Operation zwecklos. Für eine solche starre Frist gibt es keinen Beleg, im Gegenteil: In einer Untersuchung an Hunden mit erloschenem Tiefenschmerz war eine längere Zeit bis zur Vorstellung in der Klinik nicht mit einem schlechteren Ausgang verbunden. Schnell zu handeln bleibt trotzdem richtig, weil Untersuchung, Bildgebung und Operation selbst Zeit brauchen. Aber wenn seit dem Zusammenbruch schon ein oder zwei Tage vergangen sind, ist deshalb nichts verloren, und der Weg in die Klinik lohnt sich weiterhin.
Wie die Aussichten sind und wie lange die Erholung dauern kann
Für die allermeisten Hunde mit einem Bandscheibenvorfall stehen die Chancen gut. Solange ein Hund den tiefen Schmerz noch wahrnimmt, erholen sich nach den zusammengetragenen Daten aus zahlreichen Studien über 90 Prozent der operierten Tiere innerhalb von drei Monaten so weit, dass sie wieder laufen können, und das gilt quer über die Grade 2 bis 4, also von der wackeligen Hinterhand bis zur vollständigen Lähmung mit erhaltenem Tiefenschmerz. Ohne Operation liegen die Zahlen insgesamt niedriger und schwanken je nach Grad zwischen rund 56 und 80 Prozent, ohne dabei gleichmäßig mit dem Schweregrad zu sinken.
Der große Unterschied entsteht erst, wenn der Tiefenschmerz erloschen ist. In derselben Auswertung erholten sich bei Grad 5 rund 61 Prozent der operierten Hunde, ausgewertet über gut 500 Tiere, gegenüber etwa 22 Prozent von 48 Hunden, die ohne Operation behandelt wurden. Eine vorausschauend begleitete Gruppe von 78 gelähmten Hunden ohne Tiefenschmerz, die alle operiert wurden, kam auf ein ähnliches Ergebnis: 45 von ihnen konnten nach drei Monaten wieder gehen. Auch der schwerste Grad ist damit kein Todesurteil, sondern eine Situation, in der eine Operation den Unterschied zwischen jedem fünften und mehr als jedem zweiten Hund ausmacht.
Rechne bei einem schweren Verlauf allerdings mit Geduld. In einer Untersuchung an 104 operierten kleinen Hunden liefen Tiere mit erhaltenem Tiefenschmerz im Mittel schon nach rund zwei Wochen wieder, Hunde ohne Tiefenschmerz dagegen erst nach etwa drei Monaten. Wer nach zwei oder drei Wochen ohne sichtbaren Fortschritt aufgibt, gibt oft zu früh auf. Manche Hunde behalten am Ende einen leicht wackeligen Gang oder brauchen Hilfe beim Urinabsatz, und ein Teil kommt gut mit einem Hunderollstuhl zurecht. Wie die Aussichten in deinem konkreten Fall stehen, kann die behandelnde Tierärztin oder der behandelnde Tierarzt nach der neurologischen Untersuchung deutlich genauer sagen als jede Statistik.
Die seltene schwere Komplikation
Bei einem kleinen Teil der schwersten Fälle breitet sich die Schädigung im Rückenmark über die eigentliche Stelle hinaus nach oben aus. Diese fortschreitende Rückenmarkserweichung, in der Fachsprache progressive Myelomalazie, ist nicht behandelbar und endet tödlich. Sie zeigt sich meist in den ersten Tagen nach dem Beginn der Lähmung. Bei Hunden mit Grad 1 bis 3 kommt sie praktisch nicht vor, bei Grad 4 betrifft sie knapp 3 Prozent und bei Grad 5, also nach Verlust des Tiefenschmerzes, etwa 14 Prozent. Für einen Hund, der noch laufen kann oder noch Schmerz spürt, ist das also keine realistische Sorge. Und sie ist auch der Grund, warum bei einem gelähmten Hund in den ersten Tagen eine engmaschige tierärztliche Kontrolle dazugehört.
Was langfristig hilft
Vollständig verhindern lässt sich ein Bandscheibenvorfall bei einem veranlagten Hund nicht, aber die Belastung auf den Rücken lässt sich senken. Ein schlankes Gewicht nimmt Druck von der Wirbelsäule, eine gut trainierte Rumpfmuskulatur stützt sie, und wer Sprünge vom Sofa oder aus dem Kofferraum durch eine Rampe ersetzt, nimmt genau die ruckartigen Bewegungen heraus, bei denen es typischerweise passiert. Ein Brustgeschirr statt eines Halsbands entlastet zusätzlich den Halsbereich. Hat ein Hund bereits einen Vorfall gehabt, ist das Risiko für einen weiteren erhöht, weshalb Rückenschmerz oder ein plötzlich unsicherer Gang bei ihm besonders ernst genommen und zeitnah in der Tierarztpraxis abgeklärt gehört.
Und beim Menschen?
Beim Menschen heißt dasselbe Problem Bandscheibenvorfall oder Diskopathie. Nachlesen unter Diskopathie beim Menschen.
Quellen
Olby NJ, Moore SA, Brisson B, Fenn J, Flegel T, Kortz G, Lewis M, Tipold A. ACVIM consensus statement on diagnosis and management of acute canine thoracolumbar intervertebral disc extrusion. J Vet Intern Med. 2022;36(5):1570-1596. doi:10.1111/jvim.16480
Olby NJ, da Costa RC, Levine JM, Stein VM; Canine Spinal Cord Injury Consortium (CANSORT SCI). Prognostic Factors in Canine Acute Intervertebral Disc Disease. Front Vet Sci. 2020;7:596059. doi:10.3389/fvets.2020.596059
Jeffery ND, Barker AK, Hu HZ, Alcott CJ, Kraus KH, Scanlin EM, Granger N, Levine JM. Factors associated with recovery from paraplegia in dogs with loss of pain perception in the pelvic limbs following intervertebral disk herniation. J Am Vet Med Assoc. 2016;248(4):386-394. doi:10.2460/javma.248.4.386
Rosen S, Grzegorzewski JL, Heath S, Schocke C, Jeffery N. A 50-step walking test for analysis of recovery after decompressive surgery for thoracolumbar disc herniation in dogs. J Vet Intern Med. 2022;36(5):1733-1741. doi:10.1111/jvim.16516
Castel A, Olby NJ, Mariani CL, Muñana KR, Early PJ. Clinical Characteristics of Dogs with Progressive Myelomalacia Following Acute Intervertebral Disc Extrusion. J Vet Intern Med. 2017;31(6):1782-1789. doi:10.1111/jvim.14829
Bruun CS, Bruun C, Marx T, Proschowsky HF, Fredholm M. Breeding schemes for intervertebral disc disease in dachshunds: Is disc calcification score preferable to genotyping of the FGF4 retrogene insertion on CFA12? Canine Med Genet. 2020;7(1):18. doi:10.1186/s40575-020-00096-6