Fadenzug bedeutet, dass die Fäden einer genähten Wunde wieder aus der Haut entfernt werden. Der Begriff steht meist im Entlassungsbrief oder auf dem Nachsorgezettel, oft mit einem Datum dahinter, etwa „Fadenzug am 10. postoperativen Tag“, also am zehnten Tag nach der Operation. Gemeint ist ein kurzer Termin in der Praxis oder Klinik, bei dem die Fäden durchtrennt und herausgezogen werden und die Wunde dabei noch einmal angeschaut wird.
Tut das Fädenziehen weh?
In aller Regel spürst du ein kurzes Ziehen oder Zwicken, mehr nicht. Der Grund dafür liegt im Zustand der Wunde: Bis zum Termin hat sich über den Einstichstellen bereits wieder eine dünne, geschlossene Hautschicht gebildet. Es wird also nur der Faden durchtrennt und herausgezogen, nicht in lebendes Gewebe geschnitten. Genau deshalb wird für das Fädenziehen routinemäßig auch keine Betäubung gespritzt.
Ehrlich bleibt trotzdem, dass „zieht kurz“ nicht dasselbe ist wie „schmerzfrei“. Wie unangenehm es tatsächlich wird, hängt davon ab, wo die Wunde sitzt, wie empfindlich du an dieser Stelle bist und ob ein Faden mit der Haut verklebt oder leicht eingewachsen ist. Eine Untersuchung, die den Schmerz beim Fädenziehen gemessen hätte, gibt es nicht; diese Einschätzung ergibt sich daraus, wie die Wunde zu diesem Zeitpunkt aufgebaut ist. Wenn dir davor mulmig ist, sag das ruhig vorher, dann wird langsamer und in Etappen gearbeitet. Der Termin selbst dauert meist nur wenige Minuten, und dass an einer Einstichstelle ein Tröpfchen Blut austritt, ist normal und hört von selbst wieder auf.
Wann der Fadenzug ansteht
Der Zeitpunkt hängt vor allem davon ab, an welcher Körperstelle genäht wurde, und er unterscheidet sich zwischen Gesicht und Fußsohle um mehr als zwei Wochen.
Richtwerte nach Körperregion
Im Gesicht werden Fäden am frühesten entfernt, meist nach etwa drei bis fünf Tagen. An der Kopfhaut und an den Armen liegt der Termin eher bei sieben bis zehn Tagen. Am Rumpf, an den Beinen sowie an Hand und Fuß sind es üblicherweise zehn bis vierzehn Tage, und am längsten bleiben die Fäden in Handflächen und Fußsohlen, dort oft vierzehn bis einundzwanzig Tage.
Diese Zahlen sind Erfahrungswerte aus der ärztlichen Praxis und ausdrücklich kein Studienergebnis. Es gibt keine Untersuchung, die die Zeitfenster für die einzelnen Körperregionen belegt, und die Fachliteratur, die sie nennt, schreibt selbst dazu, dass sie auf ärztlicher Erfahrung beruhen. Verschiedene Nachschlagewerke geben zwar unabhängig voneinander dieselbe Größenordnung an, verbindlich ist am Ende aber nur der Termin, den die behandelnde Praxis für deine Wunde festlegt. Sie kennt die Größe der Wunde, die Spannung an den Wundrändern und den bisherigen Heilungsverlauf, und all das kann den Termin um einige Tage nach vorn oder nach hinten verschieben.
Warum die Zeiten so unterschiedlich sind
Zwei Gründe erklären den Unterschied. Der erste ist die Durchblutung: Gesicht und Kopf sind besonders gut durchblutet, bekommen also mehr Sauerstoff und mehr Abwehrzellen an die Wunde geliefert und bauen dadurch schneller tragfähiges Bindegewebe auf. Der zweite Grund ist die mechanische Belastung. Handflächen, Fußsohlen und die Haut über Gelenken werden bei jedem Greifen, Gehen oder Beugen gedehnt und auseinandergezogen, sodass die Naht dort deutlich länger die Hauptlast tragen muss.
Wie belastbar die Wunde zu diesem Zeitpunkt ist
Eine frisch verschlossene Wunde sieht von außen stabiler aus, als sie ist. In einer Übersichtsarbeit zur Wundheilung erreicht eine Wunde nach einer Woche erst rund drei Prozent der Reißfestigkeit gesunder Haut, nach drei Wochen etwa ein Fünftel und nach drei Monaten höchstens rund 80 Prozent. Die volle Festigkeit der unverletzten Haut wird an dieser Stelle nie wieder erreicht.
Das erklärt gleich zwei Dinge. Zum einen ist der Faden bis zum Termin nicht bloß Zierde, sondern trägt einen wesentlichen Teil der Zugkraft, die an den Wundrändern zieht, weshalb es beim Zeitpunkt überhaupt auf ein paar Tage ankommt. Zum anderen ist die Wunde nach dem Fädenziehen zwar geschlossen, aber noch lange nicht voll belastbar, und Schonung bleibt für einige Wochen sinnvoll. Wie stark du die Stelle wieder beanspruchen darfst und ab wann Sport oder Schwimmen wieder möglich sind, klärst du am besten direkt beim Termin.
Kann man die Fäden selbst ziehen?
Davon ist abzuraten, und dafür gibt es mehrere handfeste Gründe. Bleibt ein Fadenrest im Gewebe zurück, wirkt er wie ein Fremdkörper und kann eine Entzündung unterhalten, ohne dass von außen zu erkennen ist, woher sie kommt. Ziehst du zu früh, trifft das auf eine Wunde, deren tatsächliche Festigkeit sich ohne geübten Blick kaum einschätzen lässt. Dazu kommt, dass Schere und Pinzette zu Hause nicht steril sind und dass es ohne Übung leicht passiert, in die Haut statt in den Faden zu schneiden. Eine Anleitung dazu gehört deshalb nicht hierher. Der eigentliche Wert des Termins liegt ohnehin nicht im Ziehen selbst, sondern in der Kontrolle davor: Es wird geprüft, ob die Wunde überhaupt so weit ist.
Wenn der Fadenzug zu früh oder zu spät kommt
Zu früh gezogen
Werden die Fäden entfernt, bevor die Wunde genug eigene Festigkeit aufgebaut hat, können die Wundränder wieder auseinanderweichen. Dafür gibt es den Fachbegriff Dehiszenz, also das Aufgehen einer bereits verschlossenen Wunde. Wenn sich die Wunde beim Ziehen oder in den Tagen danach an einer Stelle öffnet oder deutlich klafft, solltest du damit noch einmal in der Praxis vorbeigehen.
Zu spät gezogen
Bleiben Fäden deutlich länger als nötig in der Haut, können die Einstichstellen selbst vernarben. Zurück bleiben dann feine Punkte oder kleine Querlinien beidseits der Narbe, in der Fachsprache Fadenmarken genannt. Das ist ein in der Chirurgie und Hautheilkunde gut bekanntes Phänomen, für das es allerdings keine belastbare Studie gibt. Hinzu kommt, dass nicht auflösbares Nahtmaterial im Gewebe eine leichte Fremdkörperreaktion auslöst, also eine Abwehrreaktion des Körpers gegen etwas, das dort nicht hingehört. Je länger es liegt, desto eher kann daraus eine anhaltende Reizung werden.
Fäden, die sich von selbst auflösen
Nicht jede Naht muss gezogen werden. Selbstauflösende Fäden, fachlich resorbierbare Fäden genannt, verschwinden von allein: Fäden aus natürlichem Material werden von körpereigenen Enzymen abgebaut, also von Eiweißen, die Stoffe zerlegen, und Fäden aus Kunststoff zerfallen nach und nach durch die Reaktion mit Wasser im Gewebe. Bei ihnen entfällt der Termin komplett.
In großen Auswertungen mehrerer Studien, darunter eine Metaanalyse von 2024 zu Gesichtswunden und eine körperweite Auswertung von 2016, ließ sich zwischen selbstauflösenden und klassischen, zu ziehenden Fäden kein Unterschied bei Wundinfektionen, beim kosmetischen Ergebnis, bei der Narbenbildung und beim Aufgehen der Wunde nachweisen. Damit gelten sie als gleichwertige Alternative, weshalb sie im Gesicht und bei Kindern häufig eingesetzt werden. Ein zweifelsfreier Beweis für völlige Gleichwertigkeit ist das allerdings nicht, sondern das Ausbleiben eines nachweisbaren Unterschieds.
Welcher Fadentyp bei dir verwendet wurde, weißt du oft selbst nicht, und manche Menschen erscheinen deshalb unnötig zu einem Fadenzug-Termin. Wenn du unsicher bist, reicht ein Anruf in der Praxis oder Klinik, die genäht hat.
Warnzeichen an der Wunde
Bis zum Termin und auch danach lohnt ein prüfender Blick auf die Naht. Eine Rötung, die zunimmt statt abzuklingen, ein warmes und geschwollenes Wundgebiet, Eiter oder übelriechende Flüssigkeit, ein Schmerz, der von Tag zu Tag stärker wird, und Fieber sind die klassischen Anzeichen einer Wundinfektion, und damit solltest du zeitnah in die Praxis gehen, statt bis zum vereinbarten Termin zu warten. Dasselbe gilt, wenn die Wundränder anfangen auseinanderzuweichen.
Eine gereizte oder infizierte Wunde braucht dann eine andere Entscheidung als eine ruhig verheilende, und diese Entscheidung lässt sich nur an der Wunde selbst treffen. Für den Termin lohnt es sich, drei Dinge anzusprechen: ob die Fäden überhaupt gezogen werden müssen oder sich von allein auflösen, wann genau sie gezogen werden sollen, und ab wann die Stelle wieder belastbar ist.
Quellen
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