DLL3 als Ziel neuer Lungenkrebs-Therapien

DLL3 als Ziel neuer Lungenkrebs-Therapien

DLL3 (kurz für "Delta-like ligand 3") ist ein Eiweiß auf der Oberfläche bestimmter Krebszellen, das vor allem beim kleinzelligen Lungenkrebs vorkommt und dort als Angriffspunkt für moderne Medikamente dient.

Wenn du DLL3 in einem Befund oder Arztbrief gelesen hast, geht es fast immer um Krebs und um dessen Behandlung. DLL3 ist keine Diagnose und keine Krankheit, sondern ein Merkmal, das man auf den Tumorzellen findet. Genau dieses Merkmal macht es möglich, den Krebs gezielt anzugreifen. Wir erklären dir hier, was dahintersteckt, warum es besonders beim kleinzelligen Lungenkrebs eine Rolle spielt und welche Behandlung darauf aufbaut.

Was dieses Oberflächen-Eiweiß genau ist

Stell dir eine Zelle wie ein Haus vor, auf dessen Außenwand viele kleine Eiweiße sitzen. Eines davon ist DLL3. Bei gesunden Zellen ist dieses Eiweiß kaum an der Oberfläche zu finden. Bei bestimmten Krebszellen dagegen sitzt es in großer Menge außen auf, wo Medikamente es erreichen können.

Dieser Unterschied ist der ganze Trick. Weil gesunde Zellen fast kein DLL3 zeigen und Tumorzellen sehr viel, kann man ein Medikament bauen, das gezielt die DLL3-tragenden Zellen aufspürt und dabei das gesunde Gewebe weitgehend verschont. Fachleute sprechen deshalb von einem guten Angriffspunkt, oder auf Englisch von einem "homing beacon", einem Leuchtturm, an dem sich die Behandlung orientiert.

Im Inneren der Zelle ist DLL3 an einem Signalweg namens Notch beteiligt, den es bremst. Wichtig ist dabei vor allem der Bezug zum kleinzelligen Lungenkrebs: DLL3 hängt eng mit einem bestimmten Untertyp zusammen (Fachleute nennen ihn SCLC-A). Ein Steuerungseiweiß mit dem Kürzel ASCL1 sorgt dafür, dass die Tumorzellen besonders viel DLL3 herstellen.

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Warum DLL3 beim kleinzelligen Lungenkrebs so wichtig ist

Der kleinzellige Lungenkrebs, kurz SCLC (von "small cell lung cancer"), macht etwa 15 Prozent aller Lungenkrebsfälle aus. Er ist aggressiv und spricht anfangs oft gut auf eine Chemotherapie an. Das Problem ist, dass der Tumor bei den meisten Menschen nach einiger Zeit zurückkommt, und dann waren die weiteren Möglichkeiten lange begrenzt.

Hier kommt DLL3 ins Spiel. Weil dieses Eiweiß bei sehr vielen dieser Tumoren außen auf den Zellen sitzt, bietet es einen Angriffspunkt, der über die klassische Chemotherapie hinausgeht. DLL3 findet sich auch bei einigen anderen, selteneren Krebsarten. Dort wird ein DLL3-gerichteter Ansatz aber noch erforscht und ist nicht zugelassen.

Tarlatamab, die erste zugelassene Therapie

Das wichtigste Medikament, das DLL3 als Ziel nutzt, heißt Tarlatamab. Es ist ein sogenannter bispezifischer Antikörper, genauer ein T-Zell-Engager. Das klingt kompliziert, ist aber ein anschauliches Prinzip: Das Medikament hat zwei Greifarme. Der eine Arm packt das DLL3 auf der Tumorzelle, der andere Arm packt eine körpereigene Abwehrzelle, die T-Zelle. So bringt Tarlatamab beide dicht zusammen. Die Abwehrzelle wird dabei aktiviert und zerstört die Krebszelle. Man führt also die eigene Immunabwehr gezielt an den Tumor heran.

Tarlatamab ist die erste zugelassene Therapie, die auf DLL3 zielt. In den USA gab es dafür schon 2024 eine beschleunigte, also zunächst vorläufige Zulassung, die auf frühen, aber vielversprechenden Ergebnissen beruhte. In der Europäischen Union ist Tarlatamab seit Ende Mai 2026 regulär zugelassen (Stand 2026): als alleinige Behandlung bei fortgeschrittenem, ausgedehntem kleinzelligem Lungenkrebs, wenn die Erkrankung während oder nach der ersten platinbasierten Chemotherapie weiterwächst. Inzwischen hat eine große Phase-III-Studie bestätigt, dass Tarlatamab das Überleben im Vergleich zur bisherigen Zweitlinien-Chemotherapie verbessert. Auch eine unabhängige Auswertung, die mehrere Studien zusammenfasst, kommt zu diesem Ergebnis.

Für den Einsatz vor der Behandlung muss übrigens nicht zwingend ein eigener Labortest die DLL3-Menge auf dem Tumor nachweisen. Welche Untersuchungen sinnvoll sind, klärt das Behandlungsteam.

Welche Nebenwirkungen möglich sind

Weil Tarlatamab das Immunsystem stark aktiviert, gibt es typische Nebenwirkungen, die man kennen und im Blick behalten muss. Die häufigste ist das Zytokin-Freisetzungssyndrom, kurz CRS. Dabei schüttet der Körper viele Botenstoffe aus, was sich vor allem als Fieber äußern kann. In den allermeisten Fällen ist es mild bis mäßig und tritt vor allem nach den ersten ein bis zwei Gaben auf.

Seltener kommt es zu neurologischen Beschwerden, die unter dem Kürzel ICANS zusammengefasst werden, etwa Verwirrtheit. Auch andere Nebenwirkungen wie Fieber, Appetitverlust, Geschmacksveränderungen oder eine Blutarmut kommen vor. Gerade zu Beginn wird die Behandlung im Krankenhaus überwacht, damit das Team früh eingreifen kann. CRS und ICANS lassen sich gut behandeln, etwa mit fiebersenkenden Mitteln, Flüssigkeit über die Vene, Kortison und bei stärkeren Verläufen mit einem speziellen Antikörper namens Tocilizumab.

Ein gescheiterter Vorgänger und der Blick nach vorn

DLL3 als Ziel ist nicht neu, und der erste Anlauf ging schief. Ein älteres Medikament namens Rovalpituzumab sollte DLL3 ebenfalls angreifen, scheiterte aber in den großen Studien, und seine Entwicklung wurde gestoppt.

Wichtig ist die richtige Einordnung: Das lag an diesem speziellen Wirkstoff, nicht daran, dass DLL3 ein schlechtes Ziel wäre. Der spätere Erfolg von Tarlatamab am selben Ziel zeigt das deutlich. An DLL3 wird weiter geforscht, weitere Medikamente werden in Studien geprüft, stehen aber noch nicht zur Verfügung.

Quellen

Ahn MJ, Cho BC, Felip E, Korantzis I, Ohashi K, Ardizzoni A, et al. Tarlatamab for Patients with Previously Treated Small-Cell Lung Cancer. New England Journal of Medicine. 2023;389(22):2063–2075. DOI: 10.1056/NEJMoa2307980.

Mountzios G, Sun L, Cho BC, Demirci U, Baka S, et al. Tarlatamab in Small-Cell Lung Cancer after Platinum-Based Chemotherapy. New England Journal of Medicine. 2025;393(4):349–361. DOI: 10.1056/NEJMoa2502099.

Su PL, Chakravarthy K, Furuya N, Brownstein J, Yu J, Long M, et al. DLL3-guided therapies in small-cell lung cancer: from antibody-drug conjugate to precision immunotherapy and radioimmunotherapy. Molecular Cancer. 2024;23(1):97. DOI: 10.1186/s12943-024-02012-z.

Sands JM, Champiat S, Hummel HD, Paulson KG, Borghaei H, Alvarez JB, et al. Practical management of adverse events in patients receiving tarlatamab, a delta-like ligand 3-targeted bispecific T-cell engager immunotherapy, for previously treated small cell lung cancer. Cancer. 2025;131(3):e35738. DOI: 10.1002/cncr.35738.

Desai RK, Zhou EJ, Chan KKW. Systematic review and network meta-analysis: evaluation of systemic therapies for platinum refractory or resistant small cell lung cancer. Lung Cancer. 2025;210:108812. DOI: 10.1016/j.lungcan.2025.108812.

Onkopedia (Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie, DGHO). Lungenkarzinom, kleinzellig (SCLC) — Leitlinie. Stand: September 2025. Quelle.

European Medicines Agency (EMA). Imdylltra (Tarlatamab) — European Public Assessment Report (EPAR). In der EU zugelassen seit 29. Mai 2026. Quelle.

BITTE BEACHTEN

Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und kann nicht das persönliche Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt ersetzen. Für eine individuelle Diagnose, Therapieempfehlung und Behandlung konsultieren Sie bitte immer medizinisches Fachpersonal.

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