Steht auf einem Befund zu Lungenkrebs eine "ROS1-Mutation", ist damit fachlich meist eine ROS1-Fusion gemeint: Das ROS1-Gen hat sich in der Krebszelle mit einem anderen Gen verbunden, und aus dieser Verbindung entsteht ein dauerhaft eingeschalteter Wachstumsantrieb. Der Tumor gehört damit zu einer eigenen, gut behandelbaren Untergruppe des nicht-kleinzelligen Lungenkrebses. Gegen genau diese Veränderung gibt es zielgerichtete Medikamente, die als Tablette eingenommen werden.
Warum "ROS1-Mutation" nicht ganz der richtige Begriff ist
Auf deinem Befund steht vielleicht "ROS1-Mutation", gemeint ist damit aber fast immer eine ROS1-Fusion, die je nach Labor auch ROS1-Umlagerung oder ROS1-Translokation heißt. Dabei verbindet sich das ROS1-Gen, ein Abschnitt des Erbguts, mit einem anderen Gen, meist mit einem Partner namens CD74. Aus diesem zusammengesetzten Gen entsteht ein Eiweiß, das dauerhaft "eingeschaltet" bleibt und die Krebszellen ständig zum Wachsen antreibt.
Deshalb spricht der Befund von "ROS1-positiv" oder von einer ROS1-Fusion und nicht von einer klassischen Mutation, bei der nur ein einzelner Genbaustein verändert ist. An der Sache ändert das ungenaue Wort nichts, denn es geht um dieselbe Veränderung, und genau sie macht die Erkrankung gut angreifbar.
Was ROS1-positiv über die Erkrankung sagt
Eine ROS1-Fusion findet sich bei etwa 1 bis 2 von 100 Menschen mit nicht-kleinzelligem Lungenkrebs und ist damit selten. Auffällig ist, wer sie häufiger hat: Betroffene sind im Schnitt jünger und haben oft nie oder nur wenig geraucht, wie schon eine Studie beschrieb, die diese Untergruppe 2012 erstmals klar abgrenzte.
Nachgewiesen wird die Fusion im Labor, indem eine Gewebeprobe des Tumors auf Veränderungen im Erbgut untersucht wird. Weil das Ergebnis die Therapie maßgeblich bestimmt, sollte im fortgeschrittenen Stadium nach der aktuellen Leitlinie (Onkopedia, Stand April 2025) gezielt nach ROS1 gesucht werden, bevor über die Behandlung entschieden wird.
Eine Besonderheit dieser Untergruppe ist, dass sie vergleichsweise oft Ableger im Gehirn bildet, und das schon früh: In einer Auswertung hatte bis zu gut ein Drittel der Betroffenen mit fortgeschrittener Erkrankung solche Absiedlungen bereits, als die Diagnose gestellt wurde. Deshalb spielen Medikamente, die gut ins Gehirn gelangen, hier eine besondere Rolle.
Warum das eine gute Nachricht für die Behandlung ist
ROS1-positiver Lungenkrebs gilt als eine der am besten behandelbaren Formen, weil das dauerhaft eingeschaltete Eiweiß wie ein Schalter wirkt, den zielgerichtete Wirkstoffe blockieren können. Solche Mittel heißen ROS1-Hemmer und tauchen im Arztbrief oft als ROS1-TKI auf. Sie werden als Tablette eingenommen und wirken gezielt dort, wo die Fusion die Zellen antreibt, sodass der Tumor bei vielen Menschen deutlich schrumpft und die Wirkung häufig über längere Zeit anhält.
Anders liegt es bei der klassischen Immuntherapie, die mit sogenannten Checkpoint-Hemmern die körpereigene Abwehr gegen den Tumor aktivieren soll: Bei ROS1-positivem Lungenkrebs hilft sie in aller Regel nicht gut, was auch die aktuelle Leitlinie bestätigt. Was hier wirkt, ist die zielgerichtete Therapie.
Welche zielgerichteten Medikamente es gibt
In der EU stehen für ROS1-positiven fortgeschrittenen Lungenkrebs mehrere Wirkstoffe zur Verfügung, und es sind über die Jahre mehr geworden (Stand 2025).
Crizotinib
Crizotinib, seit 2016 zugelassen, war der erste zielgerichtete Wirkstoff für diese Untergruppe. Er wirkt gut, gelangt aber schlechter ins Gehirn als die neueren Mittel.
Entrectinib
Entrectinib ist seit 2020 zugelassen und wurde so entwickelt, dass es die Schranke zwischen Blut und Gehirn überwinden kann, die viele Medikamente aufhält. Gerade bei Ablegern im Gehirn kann das ein Vorteil sein.
Repotrectinib
Repotrectinib hat Anfang 2025 in der EU eine bedingte Zulassung erhalten, darf also bereits eingesetzt werden, während der Hersteller weitere Daten zu Wirkung und Sicherheit nachreicht. Es wirkt besonders gut im Gehirn und kann auch dann noch anschlagen, wenn eine frühere ROS1-Therapie nicht mehr ausreichend hilft. Dahinter steckt oft eine zusätzliche Veränderung mit dem Kürzel G2032R, die den Tumor gegen die älteren Wirkstoffe unempfindlich macht.
Welcher Wirkstoff infrage kommt
Welcher Wirkstoff im Einzelfall am besten passt, lässt sich nicht pauschal sagen. Die bisherigen Zahlen deuten zwar darauf hin, dass die neueren Mittel länger wirken und besser ins Gehirn kommen, ein direkter Vergleich in einer Studie fehlt aber. Deshalb entscheidet das Behandlungsteam anhand der persönlichen Situation, etwa danach, ob Ableger im Gehirn vorliegen.
Ein weiterer Wirkstoff, Taletrectinib, ist in den USA bereits zugelassen, durchläuft in Europa aber noch das Zulassungsverfahren und steht in Deutschland derzeit nicht zur Verfügung. Weil sich bei den Zulassungen gerade viel bewegt, lohnt es sich, den aktuellen Stand mit dem Behandlungsteam zu klären.
Wie die Aussichten sein können
Menschen mit ROS1-positivem Lungenkrebs haben heute vergleichsweise gute Aussichten, denn die zielgerichteten Tabletten sprechen bei den meisten gut an und die Wirkung hält häufig über Jahre. Und selbst wenn ein Medikament irgendwann nicht mehr ausreichend wirkt, stehen inzwischen weitere Optionen bereit, die danach eingesetzt werden können.
Eine feste Zahl, wie lange man mit dieser Diagnose lebt, lässt sich seriös nicht nennen, denn solche Angaben sind Durchschnittswerte über sehr unterschiedliche Menschen und sagen wenig über den Einzelnen aus. Was zählt, ist die persönliche Situation, und die kann die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt am besten einschätzen. Dass der Tumor eine ROS1-Fusion trägt, zählt dabei eher zu den günstigeren Voraussetzungen.
Quellen
Bergethon K, Shaw AT, Ou SH, Katayama R, Lovly CM, McDonald NT, et al. ROS1 rearrangements define a unique molecular class of lung cancers. Journal of Clinical Oncology : Official Journal of the American Society of Clinical Oncology. 2012;30(8):863–70. DOI: 10.1200/JCO.2011.35.6345.
Shaw AT, Riely GJ, Bang YJ, Kim DW, Camidge DR, Solomon BJ, et al. Crizotinib in ROS1-rearranged advanced non-small-cell lung cancer (NSCLC): updated results, including overall survival, from PROFILE 1001. Annals of Oncology : Official Journal of the European Society for Medical Oncology. 2019;30(7):1121–1126. DOI: 10.1093/annonc/mdz131.
Drilon A, Siena S, Dziadziuszko R, Barlesi F, Krebs MG, Shaw AT, et al. Entrectinib in ROS1 fusion-positive non-small-cell lung cancer: integrated analysis of three phase 1-2 trials. The Lancet. Oncology. 2020;21(2):261–270. DOI: 10.1016/S1470-2045(19)30690-4.
Drilon A, Camidge DR, Lin JJ, Kim SW, Solomon BJ, Dziadziuszko R, et al. Repotrectinib in ROS1 Fusion-Positive Non-Small-Cell Lung Cancer. The New England Journal of Medicine. 2024;390(2):118–131. DOI: 10.1056/NEJMoa2302299.
Onkopedia-Leitlinie: Lungenkarzinom, nicht-kleinzellig (NSCLC). DGHO, Stand April 2025. Quelle
European Medicines Agency. Augtyro (Repotrectinib) EPAR, 2025. Quelle