Ein RET-Inhibitor oder RET-Hemmer, beides meint dasselbe Medikament, ist eine zielgerichtete Krebsbehandlung, die man als Tablette einnimmt. Sie wirkt bei Tumoren mit einer bestimmten Veränderung im RET-Gen und schaltet dort das Wachstumssignal ab, das solche Tumoren antreibt.
Steht in einem Befund eine RET-Fusion, eine RET-Mutation oder allgemein eine RET-Veränderung, dann ist genau das der Ansatzpunkt, an dem ein solches Medikament greift.
Wie ein RET-Hemmer den Krebs ausbremst
Das RET-Gen ist ein Abschnitt im Erbgut, der den Bauplan für ein Eiweiß gleichen Namens liefert, und dieses RET-Eiweiß sitzt wie eine Antenne auf der Zelloberfläche. Normalerweise gibt es ein Wachstumssignal nur dann ins Zellinnere weiter, wenn die Zelle es wirklich braucht.
Bei einer RET-Veränderung dagegen bleibt dieser Schalter dauerhaft auf "an". Dazu kommt es, wenn zwei Gene falsch miteinander verschmelzen, was man eine Fusion nennt, oder wenn sich ein einzelner Baustein im Gen verändert, eine sogenannte Mutation. Die Zelle bekommt dadurch ununterbrochen den Befehl, sich zu teilen, und der Tumor wächst weiter.
Genau hier greift der Wirkstoff ein und blockiert das RET-Eiweiß, sodass das Dauersignal abreißt, das den Tumor am Laufen hält. Weil er so gezielt an dieser einen veränderten Stelle ansetzt, spricht man von einer zielgerichteten Therapie.
Das unterscheidet ihn von einer klassischen Chemotherapie, die alle sich schnell teilenden Zellen im Körper angreift und deshalb oft Haarausfall, Übelkeit oder einen starken Abfall der Blutwerte mit sich bringt. Ein RET-Hemmer trifft dagegen vor allem das veränderte Signal in den Tumorzellen, sodass die Nebenwirkungen anders ausfallen.
Welche Wirkstoffe es gibt
Zwei moderne Wirkstoffe zielen sehr genau auf RET und lassen andere Strukturen im Körper weitgehend in Ruhe: Selpercatinib und Pralsetinib. Sie lösten eine ältere Generation von Medikamenten ab, die zwar ebenfalls RET hemmte, dabei aber viele weitere Schaltstellen der Zelle mitblockierte. Weil sie so ungezielt wirkten, wurden diese älteren Mittel schlechter vertragen, und die beiden neueren Wirkstoffe wirken selbst dann noch, wenn eine Erkrankung unter den älteren Mitteln schon weiter fortgeschritten war.
Selpercatinib
In Deutschland kommt in der Praxis Selpercatinib zum Einsatz. Zugelassen ist es für fortgeschrittenen Lungenkrebs, bei dem eine RET-Fusion nachgewiesen wurde, und für Schilddrüsenkrebs mit einer RET-Veränderung. Seltener kann es auch bei anderen fortgeschrittenen Tumoren mit einer RET-Fusion infrage kommen, wenn die übrigen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind.
Pralsetinib
Pralsetinib war der zweite Wirkstoff dieser Gruppe und wirkt nach demselben Prinzip: eine Tablette, die das veränderte RET-Eiweiß blockiert. In der EU war es für fortgeschrittenen Lungenkrebs mit einer RET-Fusion zugelassen und wurde außerdem bei Schilddrüsenkrebs mit einer RET-Veränderung geprüft, mit ähnlich guten Ergebnissen und ähnlichen Nebenwirkungen wie unter Selpercatinib.
Ende Oktober 2024 nahm der Hersteller die europäische Zulassung jedoch aus wirtschaftlichen Gründen zurück, also nicht, weil sich ein Sicherheitsproblem gezeigt hätte. Pralsetinib gehört damit weiterhin zu dieser Wirkstoffgruppe, ist in Deutschland seither aber keine verfügbare Alternative mehr. Wie die Versorgungslage im Einzelfall gerade aussieht, klärt am besten das behandelnde Team.
Bei welchen Krebsarten ein RET-Inhibitor eingesetzt wird
Ein RET-Hemmer kommt immer dann infrage, wenn im Tumorgewebe eine passende RET-Veränderung nachgewiesen wurde, und das ist vor allem bei zwei Krebsarten der Fall.
Lungenkrebs
Bei nicht-kleinzelligem Lungenkrebs, im Befund meist als NSCLC abgekürzt, findet sich bei einem kleinen Teil der Betroffenen eine RET-Fusion. Nach der aktuellen deutschen Leitlinie (Onkopedia, Stand April 2025) gehört der Test darauf zur normalen Untersuchung des Tumorgewebes, die noch vor der Wahl der Behandlung stattfindet. Wird dabei eine RET-Fusion gefunden, kann Selpercatinib gleich als erste Behandlung eingesetzt werden, also noch vor einer Chemotherapie.
Schilddrüsenkrebs
Bei Schilddrüsenkrebs spielt RET auf zwei Wegen eine Rolle. Beim medullären Schilddrüsenkarzinom, einer selteneren Form, liegt sehr häufig eine RET-Mutation vor, die etwa 7 von 10 dieser Tumoren antreibt, während bei den übrigen Schilddrüsenkrebsarten deutlich seltener eine RET-Fusion vorkommt. In beiden Fällen kann ein RET-Hemmer eine Behandlungsmöglichkeit sein, vor allem dann, wenn eine Behandlung mit radioaktivem Jod, die Radiojodtherapie, nicht mehr anschlägt.
Wie gut die Behandlung wirkt
In der Studie, auf der die Zulassung beruht, wurde Selpercatinib bei Lungenkrebs mit einer RET-Fusion als erste Behandlung mit einer Chemotherapie verglichen, die zusätzlich ein Medikament zur Stärkung der körpereigenen Abwehr enthielt. Unter dem RET-Hemmer blieb der Krebs im Schnitt rund zwei Jahre lang unter Kontrolle, in der Vergleichsgruppe etwa ein Jahr, und bei den meisten Behandelten schrumpfte der Tumor deutlich. Weil Lungenkrebs mit einer RET-Fusion vergleichsweise häufig Ableger im Gehirn bildet, fällt außerdem ins Gewicht, dass der Wirkstoff auch dorthin gelangt und dort wirken kann.
Beim Schilddrüsenkrebs zeigt sich ein ähnlich gutes Bild: Dort sprach die Erkrankung bei etwa 7 von 10 Behandelten auf Selpercatinib an und blieb bei vielen über längere Zeit stabil. Das galt auch für Menschen, deren Tumor unter den älteren Medikamenten bereits weiter fortgeschritten war.
Diese Zahlen sind Durchschnittswerte aus Studien mit vielen unterschiedlichen Menschen und sagen deshalb etwas über die allgemeine Wirksamkeit aus, aber nichts Sicheres über den einzelnen Verlauf. Wie eine Behandlung im konkreten Fall anschlägt, kann das behandelnde Team am besten einschätzen.
Welche Nebenwirkungen auftreten können
Weil ein RET-Hemmer gezielter wirkt als eine Chemotherapie, bleiben die typischen Chemo-Beschwerden wie Haarausfall meist aus, dafür treten andere Nebenwirkungen auf.
Häufig sind ein trockener Mund, Wassereinlagerungen mit Schwellungen etwa an Händen oder Knöcheln (Ödeme) und ein erhöhter Blutdruck. Auch die Leberwerte, also die Blutwerte, an denen sich der Zustand der Leber ablesen lässt, können ansteigen, und einzelne andere Blutwerte können sich verändern. Die meisten dieser Nebenwirkungen lassen sich gut beherrschen: Blutdruck und Leberwerte werden regelmäßig kontrolliert, und bei Bedarf wird die Dosis angepasst. In den Studien musste nur ein sehr kleiner Teil der Behandelten die Therapie wegen Nebenwirkungen ganz beenden.
Neue oder stärker werdende Beschwerden gehören deshalb früh ins Gespräch mit dem Behandlungsteam, denn vieles lässt sich abfangen, solange es rechtzeitig bekannt ist.
Quellen
Zhou C, Solomon B, Loong HH, et al. First-Line Selpercatinib or Chemotherapy and Pembrolizumab in RET Fusion-Positive NSCLC. N Engl J Med, 2023. Quelle.
Wirth LJ, Sherman E, Robinson B, et al. Efficacy of Selpercatinib in RET-Altered Thyroid Cancers. N Engl J Med, 2020. Quelle.
Onkopedia-Leitlinie „Lungenkarzinom, nicht-kleinzellig (NSCLC)". DGHO, Stand April 2025. Quelle.
European Medicines Agency. Retsevmo (Selpercatinib), EPAR. EMA, 2026. Quelle.
European Medicines Agency. Gavreto (Pralsetinib), Rücknahme der EU-Zulassung. EMA, 2024. Quelle.