Warum die Eierstöcke entfernt werden
Belastbare Statistiken dazu, wie oft welcher Grund vorliegt, gibt es kaum. Aus der klinischen Praxis und aus dem, was in der Fachliteratur immer wieder auftaucht, lässt sich aber eine grobe Reihenfolge angeben.
Zysten, Endometriose und andere gutartige Gründe
Am häufigsten steckt keine Krebserkrankung dahinter, sondern eine gutartige Veränderung. Eierstockzysten sind flüssigkeitsgefüllte Hohlräume, die meist von selbst wieder verschwinden. Nur wenn sie groß werden, Beschwerden machen, immer wiederkehren oder sich nicht sicher einordnen lassen, wird operiert, und dann meist einseitig.
Ein zweiter häufiger Grund ist eine ausgedehnte Endometriose. Dabei siedelt sich Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutter an und verursacht Schmerzen und Verwachsungen. Wenn organerhaltende Behandlungen nicht mehr ausreichen, kann die Entfernung des betroffenen Eierstocks Teil der Operation sein. Die europäische Fachgesellschaft für Wechseljahresmedizin hält dazu fest, dass eine Endometriose und ihre Behandlung selbst dazu führen können, dass die Wechseljahre früher einsetzen.
Verdacht auf Eierstockkrebs
Seltener, aber der Grund, der die meiste Angst auslöst, ist ein auffälliger Befund im Ultraschall oder ein erhöhter Tumormarker, also ein Eiweiß im Blut, das bei bestimmten Erkrankungen ansteigt. Bei einem konkreten Verdacht wird der Eierstock entfernt und anschließend unter dem Mikroskop untersucht, weil sich erst am Gewebe sicher sagen lässt, ob es gutartig oder bösartig ist. Ein solcher Verdacht bestätigt sich längst nicht immer.
Vorbeugend bei erblichem Krebsrisiko
BRCA1 und BRCA2 sind Gene, die normalerweise Schäden am Erbgut reparieren. Ist eines davon verändert und wird diese Veränderung in der Familie weitergegeben, steigt das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs erheblich. Für diese Frauen gibt es die Möglichkeit, beide Eierstöcke samt Eileitern vorbeugend entfernen zu lassen, bevor überhaupt etwas entsteht.
Dieser Eingriff gehört zu den am besten belegten vorbeugenden Operationen der Medizin. Bei Frauen mit einer krankheitsverursachenden Veränderung in BRCA1 oder BRCA2 senkt die vorbeugende Entfernung das Risiko für Eierstockkrebs um rund 97 Prozent und die Sterblichkeit insgesamt um etwa 75 Prozent, ermittelt in einer Zusammenschau von Studien mit gut 8.000 Frauen. Ob die Operation zusätzlich vor Brustkrebs schützt, ist dagegen nicht eindeutig geklärt. Ältere Auswertungen sahen einen Effekt, neuere kaum noch, weshalb die aktuelle Leitlinie das ausdrücklich offenlässt.
Zum Zeitpunkt nennt die Leitlinie ein Zeitfenster, immer nach abgeschlossener Familienplanung: bei einer Veränderung in BRCA1 ab 35 Jahren möglich und ab 40 empfohlen, bei BRCA2 ab 40 möglich und ab 45 empfohlen. Wann der richtige Moment gekommen ist, hängt vom Kinderwunsch ab, vom betroffenen Gen und davon, in welchem Alter Angehörige erkrankt sind. Diese Abwägung gehört in ein spezialisiertes Zentrum für familiären Brust- und Eierstockkrebs und lässt sich von außen nicht abnehmen.
Einseitig oder beidseitig entfernt: der Unterschied
Wenn ein Eierstock bleibt
Der verbliebene Eierstock übernimmt die Aufgabe des entfernten, und zwar so vollständig, dass sich hormonell im Alltag meist nichts ändert. Der Zyklus läuft weiter, die Regelblutung bleibt, und die Wechseljahre kommen zu dem Zeitpunkt, zu dem sie ohnehin gekommen wären. Auch für die Fruchtbarkeit ist das die entlastende Konstellation, dazu gleich mehr.
Wenn beide Eierstöcke entfernt werden
Fallen beide Eierstöcke weg, endet ihre Hormonproduktion. Wie einschneidend das ist, hängt vom Alter ab. Nach den natürlichen Wechseljahren arbeiten die Eierstöcke ohnehin nur noch auf Sparflamme, sie bilden dann vor allem noch einen Rest an männlichen Hormonen, die auch der weibliche Körper braucht. Der Umbruch fällt entsprechend kleiner aus.
Findet die Operation dagegen vor den Wechseljahren statt, setzen diese unmittelbar ein, unabhängig davon, ob eine Frau 28 oder 47 Jahre alt ist. Diese abrupte Form der Wechseljahre ist die eigentliche Veränderung, um die es bei den Folgen einer beidseitigen Entfernung geht.
Warum die Wechseljahre nach der Operation heftiger einsetzen
Als Menopause bezeichnet die Medizin die letzte Regelblutung, die Jahre des hormonellen Übergangs davor und danach heißen Wechseljahre. Normalerweise ist das ein langsamer Prozess: Die Hormonspiegel sinken über Monate bis Jahre allmählich ab, und die Eierstöcke bleiben dabei im Körper und produzieren weiter einen kleinen Rest.
Nach der Entfernung beider Eierstöcke passiert dasselbe innerhalb von Tagen, und es passiert vollständiger. In einer Zusammenschau von sieben Studien sanken nach dem Eingriff nicht nur Östradiol, die wichtigste Form des Östrogens, sondern auch die männlichen Hormone wie Testosteron, die der weibliche Körper in kleinen Mengen ebenfalls bildet und nach den natürlichen Wechseljahren normalerweise noch aus den Eierstöcken bezieht.
Das erklärt, warum viele Frauen den Übergang nach der Operation als härter erleben. Hitzewallungen, Schlafstörungen, Scheidentrockenheit und ein nachlassendes sexuelles Verlangen setzen oft plötzlicher und stärker ein als bei einem natürlichen Verlauf, und der Körper hat keine Monate Zeit, sich daran zu gewöhnen. Dazu gehört aber ein zweiter Befund aus derselben Forschungslage: Die Lebensqualität insgesamt ist nach dem Eingriff nicht generell schlechter. Die Beschwerden sind real, aber sie sind behandelbar und sie bestimmen nicht das ganze Leben.
Was mit der Fruchtbarkeit geschieht
Nach einer einseitigen Entfernung bleibt die Fruchtbarkeit in aller Regel erhalten, und natürliche Schwangerschaften sind der Normalfall. Der verbliebene Eierstock gleicht den Verlust dabei sogar teilweise aus, weil er in gewissem Umfang mehr Eibläschen heranreifen lässt als ein einzelner Eierstock bei Frauen mit beiden Organen.
Etwas nüchterner fällt das Bild bei künstlicher Befruchtung aus. Eine Auswertung von 18 Studien mit rund 1.000 Behandlungszyklen nach einseitiger Entfernung, verglichen mit knapp 46.000 Zyklen von Frauen mit zwei Eierstöcken, zeigte pro Zyklus etwas seltener eine Schwangerschaft und eine Geburt, und es brauchte mehr Medikamente zur Stimulation, die weniger Eizellen ergaben. Ein Beleg für Unfruchtbarkeit ist das ausdrücklich nicht, sondern ein statistischer Unterschied bei einem einzelnen Behandlungsversuch.
Nach der Entfernung beider Eierstöcke ist eine Schwangerschaft mit eigenen Eizellen dagegen nicht mehr möglich. Daran lässt sich nichts abmildern, und für viele Frauen wiegt das schwer. Wenn ein Kinderwunsch besteht und die Operation planbar ist, gehört dieses Thema vor den Termin, weil sich vorher Möglichkeiten besprechen lassen, die danach nicht mehr offenstehen.
Welche Langzeitfolgen eine beidseitige Ovarektomie haben kann
Die folgenden Punkte betreffen ausschließlich Frauen, denen beide Eierstöcke deutlich vor den natürlichen Wechseljahren entfernt wurden. Je jünger eine Frau bei der Operation war, desto mehr Jahre verbringt der Körper ohne Östrogen, und daran hängt die Größenordnung der Risiken. Nach einer einseitigen Entfernung oder nach einem Eingriff jenseits der Wechseljahre spielen sie praktisch keine Rolle.
Wer den Eingriff bereits hinter sich hat oder ihn aus zwingendem Grund braucht, kann diese Zahlen gelassen lesen. Sie sprechen nicht gegen eine Operation, die medizinisch notwendig war, sondern sie erklären, warum die Nachsorge danach einen eigenen Stellenwert hat und worauf sie sich richtet.
Herz und Kreislauf
In einer britischen Auswertung mit gut 144.000 Frauen traten Herz-Kreislauf-Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall häufiger auf, wenn beide Eierstöcke vor dem 40. Lebensjahr entfernt worden waren. In dieser Gruppe waren rund 8 von 100 Frauen über rund sieben Jahre beobachtet betroffen, gegenüber knapp 4 von 100 bei Frauen ohne vorzeitige Wechseljahre. Der Anstieg fiel dabei größer aus als bei Frauen, deren Wechseljahre auf natürlichem Weg früh begonnen hatten.
Das ist ein klar messbarer Unterschied, aber kein dramatisch hohes Risiko, und es ist ein Risiko, an dem sich arbeiten lässt. Blutdruck, Blutfette, Bewegung und Rauchverzicht wirken hier genauso wie bei allen anderen auch, und regelmäßige Kontrollen fangen Veränderungen früh ab.
Knochen
Östrogen schützt die Knochen. Fällt es früh weg, steigt langfristig das Risiko für Osteoporose, bei der die Knochen an Dichte verlieren und leichter brechen. Eine systematische Übersichtsarbeit zu vorbeugend operierten Frauen ordnet das ein: In der bislang verfügbaren Literatur fand sich kein Hinweis darauf, dass die Operation den Knochen stärker zusetzt als natürliche Wechseljahre im selben jungen Alter. Der Risikofaktor ist also das frühe Ende der Hormonproduktion, nicht der Eingriff als solcher.
Wie stark der Knochen je nach Alter bei der Operation betroffen ist, lässt sich mit den vorliegenden Daten nicht in Zahlen fassen. Als Orientierung bleibt: je früher, desto mehr Grund, den Knochen in der Nachsorge im Blick zu behalten.
Gedächtnis und Denken
Beobachtungsstudien deuten darauf hin, dass die geistige Leistungsfähigkeit später im Leben etwas stärker nachlassen könnte. Bewiesen ist das nicht, denn solche Studien können einen Zusammenhang zeigen, aber nicht klären, woran er liegt, und eine Untersuchung an Frauen mit erblichem Risiko fand keinen solchen Effekt. Für jemanden, der die Operation hinter sich hat, ist das damit keine Diagnose und kein Ausblick, sondern eine offene Forschungsfrage.
Hormonersatztherapie als Möglichkeit
Bei einer Hormonersatztherapie werden die Hormone, die die Eierstöcke nicht mehr bilden, von außen zugeführt, meist als Tablette, Pflaster oder Gel. Sie ist keine Pflicht, aber sie gehört zur Einordnung dazu, weil sie für viele Frauen nach einer frühen beidseitigen Entfernung eine anerkannte Option ist.
Die aktuelle Leitlinie zum familiären Brust- und Eierstockkrebs sieht für Frauen, denen die Eierstöcke vorbeugend vor den natürlichen Wechseljahren entfernt wurden, eine niedrig dosierte Hormonersatztherapie bis etwa zum 50. Lebensjahr vor, bei erhaltener Gebärmutter als Kombination aus Östrogen und einem zweiten Hormon, das die Gebärmutterschleimhaut schützt. Eine Übersichtsarbeit zu dieser Gruppe fand außerdem, dass eine zeitlich begrenzte Hormonersatztherapie die Beschwerden lindert und das Brustkrebsrisiko bei Frauen mit einer Genveränderung ohne eigene Krebsvorgeschichte nicht zu erhöhen scheint.
Ob sie im Einzelfall infrage kommt, hängt vom Alter, vom Grund der Operation und von der Krankengeschichte ab. Welche Form und welche Menge sinnvoll sind, entscheidet die behandelnde Frauenärztin oder der behandelnde Frauenarzt gemeinsam mit der Betroffenen, und diese Frage lässt sich nur im Gespräch klären.
Was nach der Operation zählt
Der erste Schritt ist immer die Frage, was genau entfernt wurde. Ein Eierstock oder beide, mit oder ohne Eileiter, mit oder ohne Gebärmutter: Das steht im Operationsbericht, und wenn du das Dokument vor dir hast, lässt sich der Rest daran entlang klären.
Für das nächste Gespräch in der Praxis lohnen sich vier Fragen, die du dir notieren kannst. Ist mit dem Beginn der Wechseljahre zu rechnen, und ab wann? Kommt eine Hormonersatztherapie infrage, und für welchen Zeitraum? Welche Kontrollen sind sinnvoll, etwa zu Blutdruck, Blutfetten und Knochendichte? Und, falls das Thema noch offen ist, was für einen Kinderwunsch jetzt noch möglich wäre.
Bleibt ein Eierstock, ändert sich im Alltag meist erstaunlich wenig. Wurden beide entfernt und liegen die Wechseljahre noch vor einem, ist das ein tiefer Einschnitt, aber einer, der sich begleiten lässt: mit Behandlung der Beschwerden, mit einer Nachsorge, die Herz und Knochen mitdenkt, und mit der Zeit, die der Körper braucht, um sich umzustellen.
Quellen
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