Warum Hoden entfernt werden
Am häufigsten steht eine Hodenentfernung aus zwei Gründen im Raum. Der eine ist Hodenkrebs: Ist ein Hoden von einem bösartigen Tumor befallen, wird er in den allermeisten Fällen als erster Behandlungsschritt entfernt, und zwar nur der betroffene. Der zweite Grund ist fortgeschrittener Prostatakrebs, und dort geht es um etwas ganz anderes, nämlich um den gezielten Entzug von Testosteron. Weil dieser Tumor durch Testosteron zum Wachsen angeregt wird, werden beide Hoden entfernt, um ihm genau diesen Antrieb zu nehmen.
Seltener kommen andere Anlässe dazu. Bei einer Hodentorsion, also einer Verdrehung des Hodens am Samenstrang, die die Blutzufuhr abschneidet, kann das Gewebe absterben und muss dann entfernt werden. Auch eine schwere Entzündung kann dazu führen. Daneben ist die Entfernung beider Hoden ein möglicher Teil geschlechtsangleichender Operationen; dafür gelten eigene Abläufe, die diese Seite nicht behandelt. Verlässliche Zahlen dazu, wie sich diese Gründe verteilen, gibt es nicht, die Reihenfolge ist aber eindeutig. Welcher Grund vorliegt, bestimmt fast alles, was danach kommt. Lass dir im Vorgespräch deshalb erklären, warum operiert werden soll und ob ein oder beide Hoden entfernt werden. Mit dieser einen Auskunft kannst du fast alles einordnen, was du sonst zu dem Thema liest.
Was bei einer Orchiektomie passiert und wie es danach weitergeht
Der Eingriff findet in Narkose statt. Bei Verdacht auf Hodenkrebs wird der Hoden über einen Schnitt in der Leiste freigelegt und vollständig entnommen, mitsamt Nebenhoden und einem Stück des Samenstrangs. Beim Eingriff zum Hormonentzug fällt er kleiner aus. Bei Hodenkrebs steht die Operation fast immer am Anfang der Behandlung, weil sich erst am entnommenen Gewebe genau bestimmen lässt, um welche Tumorart es sich handelt. Nur wenn sich der Tumor bereits stark ausgebreitet hat und die Lage bedrohlich ist, kann eine Chemotherapie vorgezogen werden.
Ob sich der Hoden nicht erhalten lässt, indem nur der Tumor herausgeschält wird, ist eine der häufigsten Fragen vor dem Eingriff. Möglich ist das nur in Sonderfällen, etwa wenn ohnehin nur noch ein Hoden vorhanden ist, wenn beide befallen sind oder wenn der Tumor gutartig ist. Ist der zweite Hoden gesund und der Tumor bösartig, wird nicht organerhaltend operiert, weil das Rückfallrisiko zu hoch wäre.
Wie lange die Operation dauert und wie viele Tage du danach in der Klinik bleibst, lässt sich nicht seriös als Durchschnittswert angeben, denn belastbare Zahlen dazu gibt es nicht. Beides hängt vom Befund, vom gewählten Vorgehen und vom Heilungsverlauf ab, und das Operationsteam kann es dir im Vorgespräch am besten einschätzen. In den ersten Tagen danach sind eine geschwollene, druckempfindliche Region und ein Ziehen in der Leiste üblich. Wann du dich wieder belasten darfst, legt das Behandlungsteam fest.
Einseitig oder beidseitig: der Unterschied, auf den es ankommt
Wenn ein Hoden bleibt
Nach einer einseitigen Entfernung übernimmt der verbliebene Hoden die Arbeit. Er produziert normalerweise genug Testosteron für den ganzen Körper, sodass Sexualität und Zeugungsfähigkeit zunächst erhalten bleiben. Wenn du also mit einem vollständigen Hormonverlust rechnest, kannst du diese Sorge für den Anfang beiseitelegen.
Im weiteren Verlauf entwickelt aber ein Teil der Betroffenen doch einen behandlungsbedürftigen Testosteronmangel. Wie groß dieser Teil ist, hängt davon ab, wann gemessen wird und wo die Grenze gezogen wird. Die Angaben reichen von etwa jedem Zehnten in Langzeitauswertungen bis zu etwa jedem Zweiten ein Jahr nach Abschluss der gesamten Behandlung, und die Patientenleitlinie zu Hodenkrebs nennt rund drei von zehn. Diese Zahlen widersprechen sich nicht, sie beschreiben verschiedene Zeitpunkte. Vor allem aber betreffen sie fast immer die komplette Krebsbehandlung, also die Operation plus eine eventuelle Chemotherapie oder Bestrahlung, und nicht die Hodenentfernung allein. Wer nur operiert und danach beobachtet wird, dürfte deshalb eher am unteren Rand dieser Spanne liegen.
Genau deswegen gehört eine regelmäßige Kontrolle des Testosteronwerts zur Nachsorge dazu. Ein Mangel entwickelt sich schleichend und macht sich mit Müdigkeit, Antriebslosigkeit, nachlassendem Verlangen und einer gedrückten Stimmung bemerkbar, was leicht der Erschöpfung nach der Behandlung zugeschrieben wird. Bleibt er über Jahre unbehandelt, wirkt er sich auch auf den Stoffwechsel, die Knochen und das Herz-Kreislauf-System aus. Wenn du solche Beschwerden bei dir bemerkst, sprich sie beim nächsten Nachsorgetermin an und bitte um eine Hormonbestimmung.
Wenn beide Hoden entfernt werden
Werden beide Hoden entfernt, fällt der Testosteronspiegel unmittelbar in einen kaum noch messbaren Bereich. Der Körper reagiert darauf ähnlich wie eine Frau in den Wechseljahren, mit Hitzewallungen, Schweißausbrüchen und Stimmungsschwankungen. Zuerst lässt in aller Regel das sexuelle Verlangen nach, später kann auch die Erektionsfähigkeit betroffen sein. Samenzellen werden keine mehr gebildet, eine Zeugung auf natürlichem Weg ist damit nicht mehr möglich.
Diese Veränderungen lassen sich weitgehend auffangen, wenn das fehlende Hormon von außen ersetzt wird. Das gilt allerdings nur dann, wenn der Hormonentzug nicht der Zweck der Operation war: Beim Prostatakrebs ist genau er das Behandlungsziel, und Testosteron zu ersetzen würde die Behandlung aufheben. In allen anderen Fällen wird dir in der Regel ein dauerhafter Ersatz angeboten, entweder als Gel, das du dir täglich auf die Haut aufträgst, oder als Depotspritze, die im Abstand von etwa zehn bis vierzehn Wochen gegeben wird. Welche Form besser passt, ist auch eine Frage deines Alltags, und das darfst du mitentscheiden.
Wenn der Hormonentzug das Ziel der Behandlung ist
Bei fortgeschrittenem Prostatakrebs steht der niedrige Testosteronspiegel nicht für einen Schaden, sondern für den Zweck der Operation. Nach der aktuellen S3-Leitlinie zum Prostatakarzinom (Stand August 2025) ist die Entfernung beider Hoden eine anerkannte Form des Hormonentzugs und den entsprechenden Medikamenten gleichwertig, die dasselbe über die Hormonsteuerung im Gehirn erreichen. Es gibt keine belastbaren Hinweise darauf, dass eines dieser Verfahren dem anderen im Ergebnis überlegen wäre.
In einem Punkt unterscheiden sich die Wege dann doch: Nach der Operation sinkt das Testosteron sehr schnell, während es unter einem Teil der Medikamente anfangs sogar kurz ansteigt. Wenn es eilt, etwa weil Absiedlungen des Tumors an der Wirbelsäule auf das Rückenmark zu drücken drohen, kann das den Ausschlag geben. Ein dauerhafter Testosteronmangel ist hier also einkalkuliert und wird nicht ausgeglichen. Wenn dir dieser Weg vorgeschlagen wird, kannst du nach den gleichwertigen Alternativen fragen, und du darfst dir für die Entscheidung Zeit nehmen, solange keine bedrohliche Lage besteht.
Wie sich eine Orchiektomie auf die Sexualität auswirkt
Verlangen und Erektion
Wie stark sich das Sexualleben verändert, hängt fast ganz davon ab, ob ein Hoden geblieben ist. Wurde nur einer entfernt, ändert sich körperlich in aller Regel nichts. Erektion, Orgasmus und Samenerguss hängen nicht an der Zahl der Hoden, sondern an Nerven, Durchblutung und Hormonspiegel, und den hält der verbliebene Hoden normalerweise aufrecht. Lassen Verlangen oder Erektion Monate oder Jahre später nach, steckt oft der beschriebene Testosteronmangel dahinter, und der ist behandelbar. Eine erektile Dysfunktion ist deshalb kein Schicksal, das du hinnehmen musst.
Nach einer beidseitigen Entfernung sieht es anders aus. Ohne Testosteron lässt das sexuelle Verlangen deutlich nach, meist noch bevor die Erektion selbst schwächer wird. Wird das Hormon ersetzt, kehrt für viele ein weitgehend normales Sexualleben zurück. Ist der Hormonentzug dagegen Teil der Krebsbehandlung, bleibt diese Einschränkung bestehen, und darüber solltest du vor der Entscheidung offen informiert werden.
Selbstbild und Partnerschaft
Der Verlust eines Hodens kann seelisch belasten, auch wenn körperlich alles glattgeht. Belastbare Zahlen dazu, wie häufig das ist, gibt es nicht, in den Leitlinien wird es aber ausdrücklich als ernstzunehmendes Thema benannt: Krankheit und Behandlung können das Sexualleben und die Partnerschaft spürbar unter Druck setzen. Was dabei hilft, ist unspektakulär und wirkt trotzdem, nämlich früh und offen darüber zu sprechen, statt es auszusitzen. Wenn du merkst, dass du dich zurückziehst oder dass das Thema zwischen dir und deiner Partnerin oder deinem Partner steht, kannst du dir gezielt Unterstützung holen, zum Beispiel in einer Sexualtherapie oder einer psychoonkologischen Beratung.
Fruchtbarkeit und Kinderwunsch
Nach einer einseitigen Entfernung bleibt die Zeugungsfähigkeit meistens erhalten. Trotzdem ist die Fruchtbarkeit bei Hodenkrebs häufig schon vor der Operation eingeschränkt, weil der Tumor selbst die Bildung der Samenzellen stört. Untersuchungen zeigen schon vor der Operation verringerte Samenzellzahlen und eine schlechtere Beweglichkeit der Zellen. Die Operation ist also nicht der einzige Grund, wenn es später mit einem Kinderwunsch schwierig wird.
Genau deshalb empfehlen die Leitlinien, mit dir schon vor der Hodenentfernung über das Einfrieren von Samenzellen zu sprechen und nicht erst vor einer möglichen Chemotherapie. Fachlich heißt das Kryokonservierung: Eine Samenprobe von dir wird tiefgefroren gelagert und steht später für eine künstliche Befruchtung zur Verfügung. Seit Juli 2021 übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten dafür bei Männern zwischen der Pubertät und dem 50. Lebensjahr.
In der Praxis passiert das längst nicht immer. In einer Untersuchung an Männern mit Hodentumor erhielt nur gut die Hälfte vor der Operation überhaupt eine Samenanalyse und die Möglichkeit zum Einfrieren. Wenn ein Kinderwunsch für dich denkbar ist, auch wenn er heute noch weit weg scheint, sprich das aktiv an, bevor operiert wird. Nach einer beidseitigen Entfernung ist diese Tür zu, denn dann werden keine Samenzellen mehr gebildet.
Wenn du über eine Hodenprothese nachdenkst
Auf Wunsch kann ein Silikonkissen in Größe und Form des entfernten Hodens in den Hodensack eingesetzt werden. Das ist ein rein äußerlicher Ersatz ohne Funktion, für manche aber genau das, was den Blick in den Spiegel wieder normal macht, während andere ihn überhaupt nicht brauchen. Beides ist in Ordnung, und du musst dich nicht sofort festlegen.
Der Eingriff gilt als sicher. Das Infektionsrisiko ist durch die Prothese nicht erhöht, selten kommt es zu einer Entzündung oder dazu, dass der Körper das Implantat abstößt. In einer Untersuchung an Männern mit Silikonprothese äußerte etwa jeder Fünfte Vorbehalte, meist weil sich die Prothese fester anfühlt als der natürliche Hoden. Auf die Erektionsfähigkeit wirkte sie sich nicht aus.
Beim Zeitpunkt lohnt sich Aufmerksamkeit. Ist eine Chemotherapie geplant, raten Ärztinnen und Ärzte mitunter dazu, die Prothese erst später einzusetzen. Laut der Patientenleitlinie Hodenkrebs (Stand 2021) übernehmen die Krankenkassen infolge eines Gerichtsurteils allerdings nur die Prothese, die direkt bei der Operation eingesetzt wird, nicht die nachträgliche. Rechtslagen ändern sich, deshalb solltest du das vor dem Eingriff mit deiner Krankenkasse klären, damit dich später keine Rechnung überrascht.
Wie die Aussichten bei Hodenkrebs sind
Hodenkrebs gehört zu den Krebsarten mit den höchsten Heilungschancen überhaupt. Von 100 Betroffenen überleben 96 die Erkrankung. Wird der Tumor in einem frühen Stadium entdeckt, also solange er auf den Hoden begrenzt ist, sind es 99 von 100. Auch wenn der Tumor bereits Absiedlungen gebildet hat, ist die Lage längst nicht aussichtslos, in der günstigsten Gruppe überleben 86 bis 95 von 100 Betroffenen.
Solche Zahlen sind Durchschnittswerte über sehr verschiedene Menschen und Verläufe hinweg und sagen nichts darüber, wie es im Einzelfall ausgeht. Wie die Aussichten konkret einzuschätzen sind, kann nur das Team beurteilen, das den Befund kennt, und danach darfst du ausdrücklich fragen.
Für die Zeit nach der Operation zählt vor allem, die Nachsorgetermine wahrzunehmen und den Testosteronwert dabei regelmäßig mitbestimmen zu lassen. Nimm dir für den nächsten Termin drei Fragen vor: ob eine Hormonkontrolle fest eingeplant ist, ob eine Prothese für dich infrage kommt und ob vor weiteren Behandlungsschritten noch etwas für einen späteren Kinderwunsch getan werden sollte.
Quellen
Leitlinienprogramm Onkologie (AWMF, DKG, Deutsche Krebshilfe). Patientenleitlinie Hodenkrebs — Eine Leitlinie zur Diagnostik, Therapie und Nachsorge. 1. Auflage, Stand Oktober 2021 (basiert auf S3-Leitlinie „Diagnostik, Therapie und Nachsorge der Keimzelltumoren des Hodens", AWMF-Register-Nr. 043/049OL, Stand Februar 2020). https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/fileadmin/user_upload/PLL-185-0012-Hodenkrebs-v17.pdf
Leitlinienprogramm Onkologie / AWMF. S3-Leitlinie Prostatakarzinom, Langversion 8.1, August 2025 (AWMF-Register-Nr. 043/022OL). https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/fileadmin/user_upload/2025-08-22_LL_Prostatakarzinom_Langversion_8.1.pdf
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