Wie gefährlich eine Milchglastrübung ist
Wie selten eine bösartige Ursache tatsächlich dahintersteckt, zeigt eine große Untersuchung aus Taiwan. Dort wurden 12.011 Menschen ohne Rauchervergangenheit, aber mit anderen Risikofaktoren wie Lungenkrebs in der Familie, gezielt mit einer strahlungsarmen CT untersucht. Bei 17,4 Prozent von ihnen war die Aufnahme auffällig, doch tatsächlich Lungenkrebs fand sich am Ende bei 2,6 Prozent der Untersuchten. Selbst dort also, wo eine Klinik ausdrücklich nach Krebs sucht und Menschen mit erhöhtem Risiko einlädt, war die große Mehrheit der auffälligen Befunde am Ende etwas anderes.
Noch deutlicher wird es bei kleinen, klar umgrenzten Milchglasherden ohne festen Kern. Für Herde unter sechs Millimetern beziffern die Empfehlungen der Fleischner Society die Wahrscheinlichkeit, dass daraus etwas Bösartiges wird, mit unter einem Prozent, und begründen damit ausdrücklich ein abwartendes Vorgehen ohne Routinekontrolle. Ein solcher Befund ist kein Notfall, und er verlangt auch keine Entscheidung innerhalb von Tagen.
Eine Milchglastrübung sagt für sich genommen allerdings nichts darüber aus, was sie verursacht hat. Wie ernst sie zu nehmen ist, ergibt sich erst aus der Verteilung im Bild, aus den Beschwerden und vor allem aus dem Verlauf über die Zeit.
Was hinter einer Milchglastrübung stecken kann
Infektionen und akute Entzündungen
Das ist mit Abstand die häufigste Gruppe. Virale Lungenentzündungen, Infekte durch Erreger, die anders verlaufen als eine gewöhnliche Lungenentzündung und Entzündungen nach eingeatmeten Reizstoffen oder als allergische Reaktion auf Staub, Schimmel oder Tierfedern hinterlassen genau dieses fleckige, milchige Muster. Solche Veränderungen sind ihrer Natur nach vorübergehend, und deshalb sieht eine Kontrollaufnahme nach einigen Monaten oft schon wieder unauffällig aus. Die Fleischner-Empfehlungen setzen genau darauf: Eine erste Kontrolle dient in erster Linie der Frage, ob der Befund überhaupt bestehen bleibt.
Corona als eine Ursache unter vielen
Die Pandemie hat den Begriff bekannt gemacht, und das aus einem nachvollziehbaren Grund. In einer Auswertung von 5.041 COVID-19-Fällen aus der frühen Pandemiezeit, mit Daten bis April 2020, zeigten 65 Prozent der auffälligen Aufnahmen eine Milchglastrübung. Sie war damals das typische Bild der akuten COVID-Lungenentzündung.
Umgekehrt war die Gleichsetzung aber schon damals falsch. Bei 1.396 Untersuchungen an symptomfreien Krebspatient:innen in einer französischen Region mit wenigen Fällen stieg der Anteil zufällig entdeckter, mit COVID vereinbarer Lungenveränderungen während der aktiven Zirkulation nur um 1,6 Prozentpunkte gegenüber der Zeit davor. Mitten in der Pandemie ging also die große Mehrheit der zufällig entdeckten Milchglasbefunde auf etwas anderes zurück. Heute, im Jahr 2026, ist Corona eine mögliche Ursache unter vielen und nicht mehr die naheliegendste Erklärung. Wie groß ihr Anteil an den heutigen Zufallsbefunden ist, lässt sich mit den vorliegenden Daten nicht beziffern. Zur Diagnose einer akuten Corona-Infektion wird die Lungen-CT ohnehin nicht eingesetzt, dafür sind Tests da.
Flüssigkeit, Blutungen und das Herz
Staut sich Blut vor einem geschwächten Herzen zurück, tritt Flüssigkeit ins Lungengewebe über und erzeugt eine flächige, oft beidseitige Milchglastrübung. Auch eine Blutung in die Lungenbläschen, etwa bei einer Gerinnungsstörung, kann so aussehen. Beides geht meist mit deutlichen Beschwerden einher, vor allem mit Luftnot, und ist damit selten ein stiller Zufallsbefund.
Chronische Lungenerkrankungen und Narben
Bleibt eine Trübung über lange Zeit bestehen und breitet sich langsam aus, kommen chronische Entzündungen des Lungengerüsts infrage, etwa nach wiederholtem Kontakt mit Schimmelsporen oder im Rahmen einer rheumatischen Erkrankung. Auch verheilte alte Entzündungen können als blasse Narbe im Bild zurückbleiben, ohne noch etwas zu bedeuten.
Flächig oder umschrieben: der Unterschied, auf den es ankommt
Für die Einordnung zählt vor allem, ob sich die Trübung über größere Teile der Lunge zieht oder als einzelner, klar begrenzter Fleck sitzt. Eine flächige oder über beide Lungen verteilte Trübung spricht für ein Geschehen, das die ganze Lunge betrifft, also für eine Infektion, eine Entzündung oder eine Wassereinlagerung. Sie kann akut belastend sein, hat aber mit einem Tumor in aller Regel nichts zu tun.
Ein umschriebener Herd ist der Fall, bei dem genauer hingeschaut wird, und dabei interessiert die Radiologin besonders, ob er rein milchig bleibt oder in seinem Inneren einen festen, dichten Kern enthält. Solche teilsoliden Herde, bei denen ein blasser Saum einen soliden Anteil umgibt, werden enger kontrolliert als ein rein milchiger Fleck derselben Größe. Ein rein blasser Herd ohne festen Kern ist die günstigere der beiden Varianten.
Wenn ein Herd über Monate bestehen bleibt
Bleibt ein umschriebener Milchglasherd über Monate unverändert liegen, statt sich wie eine Entzündung zurückzubilden, dann kommt in seltenen Fällen eine sehr frühe Form von Lungenkrebs infrage, ein Adenokarzinom. Das ist eine Krebsart, die aus den Drüsenzellen der Lunge hervorgeht und häufig in den äußeren Lungenabschnitten sitzt. In ihrer frühesten Form wächst sie zunächst nur an den Wänden der Lungenbläschen entlang, ohne sie zu zerstören, und deshalb sieht man an dieser Stelle eben nur einen blassen Schleier statt eines dichten Knotens.
Diese Herde wachsen ausgesprochen langsam. In einer Untersuchung von 67 operierten Milchglasherden, die sich alle als Adenokarzinom bestätigt hatten, brauchten diejenigen, die überhaupt wuchsen, im Median rund 1.059 Tage, also knapp drei Jahre, um ihr Volumen zu verdoppeln. Die Fleischner-Empfehlungen gehen in dieselbe Richtung und rechnen mit drei bis vier Jahren, bis ein Wachstum überhaupt messbar wird. Diese Zahl beschreibt, wie schnell sich so ein Herd verändert, falls es sich tatsächlich um einen Tumor handelt, und sagt nichts darüber, wie wahrscheinlich das ist.
Aus dieser Langsamkeit folgt das ganze Vorgehen. Statt sofort zu operieren oder eine Gewebeprobe zu entnehmen, wird kontrolliert: Bei einem einzelnen reinen Milchglasherd ab sechs Millimetern sieht die Fleischner-Empfehlung eine Kontrollaufnahme nach sechs bis zwölf Monaten vor und danach größere Abstände über insgesamt etwa fünf Jahre. Für teilsolide Herde gilt ein engerer Takt: Dort wird ab sechs Millimetern schon nach drei bis sechs Monaten das erste Mal nachgeschaut, und je nachdem, wie groß der feste Anteil ist und ob er wächst, folgen weitere Untersuchungen. Diese langen Intervalle sind kein Aufschieben, sondern eine Folge davon, dass in diesem Zeitraum nichts Entscheidendes verloren geht. Und wird auf diesem Weg tatsächlich ein frühes Adenokarzinom gefunden, dann in einem Stadium, in dem die Aussichten gut sind, weil es sich noch nicht ausgebreitet hat. Welche Abstände im Einzelfall sinnvoll sind, legt die behandelnde Praxis anhand von Größe, Beschaffenheit und Vorgeschichte fest.
Was die Zusätze im Befund bedeuten
Die Wörter, die im Befund neben der Milchglastrübung stehen, beschreiben Lage und Verteilung, nicht den Schweregrad. „Fleckig" heißt, dass die Trübung nicht gleichmäßig ist, sondern in einzelnen, unregelmäßig verstreuten Arealen liegt, was häufig bei entzündlichen Ursachen vorkommt. „Diffus" bedeutet, dass sie sich über große, zusammenhängende Bereiche zieht und eben nicht auf einen Herd begrenzt ist. „Peripher" beschreibt eine Lage im äußeren Drittel der Lunge, nahe dem Rippenfell, und subpleural ist die noch genauere Variante davon, nämlich unmittelbar unter dem Rippenfell.
Ein Wort führt regelmäßig in die Irre: „Mattglasartig" ist kein zusätzlicher Befund, sondern schlicht eine andere deutsche Umschreibung für Milchglas. Steht es im Text, ist damit dasselbe gemeint.
Was sich beim nächsten Termin klären lässt
Aus einem Befund allein ist oft nicht zu erkennen, in welche der beschriebenen Situationen er gehört. Am meisten Klarheit bringt die Frage, ob die Trübung flächig verteilt oder ein umschriebener Herd ist, wie groß sie gemessen wurde und ob sie einen festen Kern enthält. Dazu kommt die Frage, ob es ältere Aufnahmen zum Vergleich gibt, an denen sich der Verlauf ablesen lässt. Ist eine Kontrolle vorgesehen, lohnt es sich, den Termin gleich zu notieren, denn diese Kontrollen sind über Monate und Jahre angelegt und geraten leicht in Vergessenheit. Kommen dazwischen neue Beschwerden auf, vor allem Luftnot, anhaltendes Fieber oder Bluthusten, gehören sie unabhängig vom Kontrolltermin ärztlich abgeklärt.
Quellen
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