Was der Lagetyp im EKG misst
Jeder Herzschlag beginnt mit einem elektrischen Impuls, der sich wie eine Welle über den Herzmuskel ausbreitet und ihn zum Zusammenziehen bringt. Diese Welle hat eine Hauptrichtung, ähnlich wie ein Fluss, der insgesamt nach Südwesten fließt, auch wenn einzelne Strudel in andere Richtungen laufen. Beim EKG kleben Elektroden an Armen, Beinen und Brustkorb, und jede davon schaut aus einem anderen Blickwinkel auf das Herz. Aus dem Vergleich dieser Blickwinkel, im Befund Ableitungen genannt, lässt sich ausrechnen, wohin die Welle im Ganzen läuft. Diese Hauptrichtung heißt elektrische Herzachse, und der Lagetyp ist der Name für den Bereich, in dem sie liegt.
Wie steil oder wie flach die Achse verläuft, hängt vor allem davon ab, wie das Herz im Brustkorb liegt und wie groß es ist. Bei schlanken, hochgewachsenen Menschen hängt es eher senkrecht, bei kräftigeren und kleineren liegt es eher quer. Das ist ein Trend und keine feste Regel, belastbare Zahlen dazu gibt es kaum. Der Lagetyp ist deshalb zuerst eine anatomische Beschreibung und erst in zweiter Linie ein möglicher Hinweis auf eine Erkrankung.
Die Namen auf dem Befund und was sie bedeuten
Die Grenzen zwischen den einzelnen Lagetypen sind Vereinbarungssache. Deutschsprachige Quellen ziehen sie leicht unterschiedlich, eine verbindliche, international festgelegte Gradeinteilung gibt es für diese Kategorien nicht. Derselbe EKG-Streifen kann an einer Stelle als Indifferenztyp und an einer anderen als Steiltyp bezeichnet werden. An der genauen Kategorie hängt also weniger, als der offiziell klingende Name vermuten lässt.
Indifferenztyp
Das ist der Lagetyp, der bei Erwachsenen am häufigsten beschrieben wird, und "indifferent" heißt hier schlicht: nach keiner Seite auffällig verschoben. Die Erregung läuft schräg nach links unten durch die Kammern, so wie es bei einem normal im Brustkorb liegenden Herzen zu erwarten ist. Steht dieses Wort in deinem Befund, ist die Herzachse damit als unauffällig eingestuft. Was sonst noch im EKG beurteilt wird, steht davon unabhängig an anderer Stelle.
Steiltyp
Beim Steiltyp verläuft die Erregung steiler, also stärker von oben nach unten. Das ist typisch für junge, schlanke und sportlich aktive Menschen und dort in aller Regel ein Normalbefund.
Linkstyp
Beim Linkstyp ist die Achse weiter nach links gedreht als beim Indifferenztyp. Das ist der Lagetyp, der mit steigendem Lebensalter immer häufiger wird, und deshalb bei älteren Menschen oft einfach ein Altersbefund. Ob dahinter mehr steckt, entscheidet sich nicht am Wort "Linkstyp", sondern daran, ob das übrige EKG auffällig ist und ob Beschwerden bestehen.
Rechtstyp
Beim Rechtstyp ist die Achse zur Gegenseite gedreht. Auch eine Verschiebung nach rechts kann bei jungen, trainierten Menschen vorkommen, ohne dass sich am Herzen etwas Krankhaftes finden lässt. Aufmerksamer wird die Kardiologie, wenn zusätzlich Zeichen einer Belastung der rechten Herzkammer im EKG auftauchen, etwa ein Rechtsschenkelblock, also eine gestörte Erregungsleitung in der rechten Kammer.
Warum Alter und Training die Achse verschieben
In einer großen niederländischen Untersuchung an über 13.000 gesunden Menschen zwischen 16 und 90 Jahren zeigte sich ein klarer Alterstrend: Die elektrische Herzachse wandert im Lauf des Lebens messbar nach links. Ein Linkstyp bei einer 65-Jährigen ist damit etwas anderes als derselbe Befund bei einer 20-Jährigen. Genau deshalb lautet die Kernaussage dieser Arbeit, dass EKG-Werte alters- und geschlechtsabhängig beurteilt werden sollten, statt an einer einzigen Norm gemessen zu werden. Eine saubere Tabelle, wie viel Prozent der Menschen in welchem Alter welchen Lagetyp haben, existiert dagegen nicht, belegt ist nur die Richtung des Trends.
Am anderen Ende der Altersskala steht der Sport. Nach dem internationalen Konsens zur EKG-Beurteilung bei Sportlerinnen und Sportlern gilt eine Achsenabweichung nach links wie nach rechts bei jungen, trainierten Menschen als Grenzbefund, der isoliert auftreten darf. Als in einer großen Untersuchung mehrere Hundert junge Sportlerinnen und Sportler mit genau so einem Befund zusätzlich mit Ultraschall untersucht wurden, fand sich bei ihnen keine krankhafte Veränderung am Herzen. Regelmäßiges Ausdauertraining verändert das Herz und damit auch die Achsenlage, und das gilt als normale Anpassung.
Wenn "überdreht" auf dem Befund steht
Der Zusatz "überdreht" bedeutet, dass die Achse nicht nur leicht, sondern deutlich aus dem üblichen Bereich herausgedreht ist. Das ist die einzige Stelle, an der der Lagetyp wirklich etwas benennt und nicht nur beschreibt.
Überdrehter Linkstyp
Dahinter steckt meist ein linksanteriorer Faszikelblock. Die linke Herzkammer wird über eine Leitungsbahn versorgt, die sich in zwei Äste aufteilt, und beim linksanterioren Faszikelblock leitet der vordere dieser beiden Äste nicht mehr richtig. Ein Teil der linken Kammer wird dann über einen Umweg erregt, und genau dieser Umweg verdreht die elektrische Achse nach links. Das ist eine Leitungsvariante und keine akute Erkrankung, die trotzdem nicht einfach abgehakt, sondern zusammen mit dem übrigen Befund bewertet wird.
Überdrehter Rechtstyp
Hier ist das Gegenstück, ein linksposteriorer Faszikelblock, selten. Dabei ist der hintere statt des vorderen der beiden Äste betroffen, und er darf erst angenommen werden, wenn andere Gründe für eine Rechtsverschiebung ausgeschlossen sind. Häufiger entsteht eine ausgeprägte Rechtsverschiebung durch eine Belastung des rechten Herzens, zum Beispiel bei einer Lungenerkrankung mit erhöhtem Druck in den Lungengefäßen. Nach der aktuellen europäischen Leitlinie zum Lungenhochdruck hat eine Rechtsachsenabweichung bei Menschen mit passendem Verdacht, etwa unklarer Luftnot bei Belastung, einen hohen Vorhersagewert für eine solche Druckerhöhung. Beweisend ist sie für sich allein aber nie, und umgekehrt schließt ein unauffälliges EKG einen Lungenhochdruck nicht aus.
Wie ernst ist ein abweichender Lagetyp?
Weder "harmlos" noch "gefährlich" lässt sich aus dem Lagetyp allein ableiten, und wie unterschiedlich die Antwort ausfallen kann, zeigen zwei Untersuchungen, die auf den ersten Blick gegeneinanderstehen.
Eine klassische Feldstudie an einer ganz normalen Wohnbevölkerung fand bei Menschen mit einer nach links verschobenen Achse und sonst unauffälligem EKG in den Jahren danach weder mehr Herzerkrankungen noch eine höhere Sterblichkeit als bei allen anderen. Aus dieser Arbeit stammt die bis heute weitergegebene Lehrmeinung, eine für sich stehende Linksverschiebung sei ein häufiger und unbedenklicher Befund. Eine neuere Auswertung aus einer japanischen Klinik kam zu einem anderen Ergebnis: Dort war eine für sich stehende Linksverschiebung in den folgenden drei Jahren mit einem etwas höheren Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse verbunden.
Der Widerspruch löst sich zum großen Teil auf, wenn du dir ansiehst, wer da jeweils untersucht wurde, und diese Einordnung ist selbst die eigentliche Information. In der ersten Untersuchung ging es um Menschen aus der Allgemeinbevölkerung, also um Leute, die einfach reihenweise ein EKG bekamen. In der zweiten ging es um Klinikpatientinnen und Klinikpatienten, die bereits zu einer Herzultraschall-Untersuchung überwiesen worden waren, bei denen es also schon einen Grund für die Abklärung gab. Zwischen beiden Arbeiten liegen zudem rund fünfzig Jahre mit deutlich empfindlicherer Diagnostik. Die Zahlen der einen Gruppe lassen sich deshalb nicht auf die andere übertragen, und keine von beiden ist die endgültige Wahrheit über deinen Befund. In derselben Klinikauswertung war eine Rechtsverschiebung übrigens nicht mit einem erhöhten Risiko verbunden.
Übereinstimmend zeigen beide Arbeiten, dass die Achsenlage ein Baustein ist und kein Urteil. Bewertet wird sie zusammen mit den übrigen EKG-Zeichen, mit Beschwerden und gegebenenfalls mit einem Herzultraschall, bei dem sich Größe, Wandstärke und Pumpkraft des Herzens direkt ansehen lassen.
Worauf es beim nächsten Termin ankommt
Am meisten Aussagekraft bekommt ein Lagetyp durch den Vergleich mit früheren Aufzeichnungen. Eine Achsenlage, die seit Jahren unverändert im Befund steht, wird anders eingeschätzt als eine, die neu aufgetreten ist. Eine eigene Studie gibt es zu dieser Frage nicht, in der Praxis ist der Vergleich mit einem Vor-EKG aber üblich. Wenn du also ältere EKG-Ausdrucke zu Hause hast, nimm sie zum Termin mit.
Sinnvoll ist außerdem, Beschwerden konkret anzusprechen, statt sie nebenbei zu erwähnen. Luftnot bei Belastung, Druck oder Schmerz in der Brust, Schwindel, ein unregelmäßiger Puls oder eine plötzlich nachlassende Belastbarkeit sind die Angaben, die aus einer bloßen Richtungsbeschreibung erst einen aussagekräftigen Befund machen. Ein einzelner auffälliger Lagetyp ohne Beschwerden und ohne weitere Auffälligkeiten im EKG ist dagegen selten ein Grund für rasches Handeln.
Zwei Fragen lohnen sich fast immer: Ist die Achsenlage im Vergleich zu früher neu, und gibt es außer ihr noch etwas Auffälliges im EKG? Fällt die Antwort auf beides beruhigend aus, ist der Lagetyp genau das, wonach er aussieht, nämlich eine Beschreibung der Richtung, in die dieses Herz seine Erregung schickt.
Quellen
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