KRAS ist ein Gen, also ein Abschnitt des Erbguts, der den Bauplan für ein bestimmtes Eiweiß liefert. Dieses Eiweiß wirkt in der Zelle wie ein Schalter für Wachstumssignale, und eine KRAS-Mutation lässt diesen Schalter dauerhaft angeschaltet, sodass die Zelle immerzu das Signal zum Wachsen bekommt. Im Laborbericht zum Tumorgewebe, in dem das Erbgut eines Tumors untersucht wird, kann derselbe Befund auch "KRAS-positiv" oder "KRAS-Alteration" heißen.
Was der Schalter im Körper macht
Man kann sich das KRAS-Eiweiß wie einen Lichtschalter für das Zellwachstum vorstellen: Normalerweise geht er an, gibt der Zelle ein kurzes Signal zum Teilen und geht dann wieder aus, sodass das Wachstum geordnet bleibt. Eine KRAS-Mutation blockiert ihn in der Position "an", und so bekommt die Zelle dauerhaft die Aufforderung zu wachsen und sich zu teilen, auch wenn sie das gar nicht sollte. Genau dieses ungebremste Wachstum ist einer der Wege, auf denen Krebs entsteht.
Weil KRAS in ganz unterschiedlichen Tumoren diese treibende Rolle spielt, gilt es als einer der wichtigsten Krebstreiber überhaupt. Bei ungefähr einer von fünf Krebserkrankungen weltweit ist ein Gen aus der eng verwandten RAS-Familie verändert, und KRAS ist davon die mit Abstand häufigste Form.
Warum KRAS lange als "nicht behandelbar" galt
Über Jahrzehnte war KRAS ein Sorgenkind der Krebsforschung, denn man wusste früh, wie wichtig das veränderte Eiweiß für das Tumorwachstum ist. An seiner glatten Oberfläche fand sich aber kein Griff, an dem ein Medikament hätte ansetzen können, und so galt KRAS lange als nicht angreifbar.
Das änderte sich erst vor wenigen Jahren, als Forschende entdeckten, dass eine bestimmte KRAS-Variante namens G12C an ihrer Oberfläche doch eine kleine Tasche bildet, in die sich ein Wirkstoff einhaken kann. Aus dieser Entdeckung sind die ersten zielgerichteten KRAS-Medikamente entstanden, also Wirkstoffe, die direkt an dem veränderten Eiweiß ansetzen, statt breit auf alle sich teilenden Zellen zu wirken.
Was die genaue Variante bedeutet
Auf dem Befund steht hinter KRAS meist noch ein kurzes Kürzel, und genau dieses Kürzel entscheidet mit darüber, welche Behandlung infrage kommt.
Wie die Kürzel auf dem Befund zu lesen sind
KRAS-Mutationen werden nach dem Austausch benannt, der im Bauplan passiert ist, und heißen deshalb zum Beispiel G12C, G12D oder G12V. Der erste Buchstabe steht für den ursprünglichen Baustein des Eiweißes, die Zahl für dessen Stelle in der Kette und der letzte Buchstabe für den Baustein, der nun an dieser Stelle sitzt.
Die Variante mit zugelassenen Medikamenten
Nach heutigem Stand (2026) ist G12C die einzige KRAS-Variante, für die es zugelassene zielgerichtete Medikamente gibt: die beiden Tabletten Sotorasib, in der EU seit 2022 zugelassen, und Adagrasib, zugelassen seit 2024. Beide zählen zur Gruppe der KRAS-Hemmer, auch KRAS-Inhibitoren genannt, weil sie gezielt an dem veränderten Eiweiß der Variante G12C andocken. Eingesetzt werden können sie beim fortgeschrittenen Lungenkrebs, wenn vorher schon eine Chemotherapie gelaufen ist oder eine Immuntherapie, die das körpereigene Abwehrsystem gegen den Tumor stark macht. In Studien haben beide Wirkstoffe den Zeitraum verlängert, in dem der Tumor unter Kontrolle bleibt, verglichen mit der damaligen Standard-Chemotherapie. Das ist ein bedeutsamer Fortschritt, auch wenn die Erkrankung damit nicht geheilt wird.
Varianten ohne eigene zielgerichtete Behandlung
Für die übrigen Varianten wie G12D und G12V gibt es bislang keine zugelassene zielgerichtete Behandlung, obwohl sie bei Bauchspeicheldrüsen- und Darmkrebs zum Teil sogar häufiger vorkommen als G12C. Passende Wirkstoffe werden derzeit in Studien geprüft, und die ersten Ergebnisse sind vielversprechend. Erprobt werden auch Wirkstoffe, die breiter gegen mehrere KRAS-Varianten zugleich wirken sollen. Ein neuerer Wirkstoff namens Daraxonrasib hat bei Bauchspeicheldrüsenkrebs in einer Studie von 2026 die Überlebenszeit gegenüber einer Chemotherapie ungefähr verdoppelt. Zugelassen war er zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht, und er wird weiter in Studien geprüft (Stand 2026). Weil sich bei solchen Zulassungen schnell etwas ändern kann, lohnt sich die Frage nach der aktuellen Lage beim Behandlungsteam.
Was ein KRAS-Befund für die Behandlung heißt
Ein KRAS-Ergebnis bedeutet also nicht automatisch, dass eine passende Tablette bereitsteht, denn ob eine zielgerichtete Therapie möglich ist, hängt von der genauen Variante und von der Krebsart ab. Beim fortgeschrittenen nicht-kleinzelligen Lungenkrebs gehört der Test auf KRAS G12C inzwischen fest zur Standarduntersuchung des Tumorgewebes (Onkopedia-Leitlinie, Stand April 2025). Er wird also routinemäßig gemacht, bevor die medikamentöse Behandlung beginnt. Bei Darm- und Bauchspeicheldrüsenkrebs wird der KRAS-Status meist mitbestimmt, wenn das Tumorgewebe ohnehin auf mehrere Genveränderungen untersucht wird.
Wo eine Variante keine eigene zielgerichtete Zulassung hat, bleibt die etablierte Behandlung der jeweiligen Krebsart das Zentrum der Therapie, also je nach Fall Chemotherapie, Immuntherapie oder weitere Verfahren. Welcher Weg der richtige ist, entscheidet das behandelnde Team anhand der gesamten Situation.
Was der Fund über die Aussichten sagt
Wie sich eine KRAS-Mutation auf die Aussichten auswirkt, lässt sich nicht pauschal sagen, weil es stark von der Krebsart, der genauen Variante und den möglichen Behandlungen abhängt. Ein KRAS-Ergebnis für sich genommen ist also kein Urteil über den Verlauf. Wie die Aussichten im einzelnen Fall einzuschätzen sind, kann am besten das Team beurteilen, das die Behandlung begleitet und die gesamte Situation kennt. Ermutigend ist dabei, dass gerade rund um KRAS in den vergangenen Jahren mehrere neue Behandlungsmöglichkeiten dazugekommen sind und die Forschung hier zügig weitergeht.
Quellen
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Canon J, Rex K, Saiki AY, et al. The clinical KRAS(G12C) inhibitor AMG 510 drives anti-tumour immunity. Nature. 2019;575(7781):217–223. DOI: 10.1038/s41586-019-1694-1.
Hong DS, Fakih MG, Strickler JH, et al. KRAS(G12C) Inhibition with Sotorasib in Advanced Solid Tumors. The New England Journal of Medicine. 2020;383(13):1207–1217. DOI: 10.1056/NEJMoa1917239.
Barlesi F, Yao W, Duruisseaux M, et al; KRYSTAL-12 Investigators. Adagrasib versus docetaxel in KRAS(G12C)-mutated non-small-cell lung cancer (KRYSTAL-12): a randomised, open-label, phase 3 trial. Lancet. 2025;406(10503):615–626. DOI: 10.1016/S0140-6736(25)00866-9.
O'Reilly EM, Wainberg ZA, Hendifar AE, et al; RASolute 302 Trial Investigators. Daraxonrasib or Chemotherapy in Previously Treated Metastatic Pancreatic Cancer. The New England Journal of Medicine. 2026 (Epub ahead of print). DOI: 10.1056/NEJMoa2605555.
Onkopedia-Leitlinie „Lungenkarzinom, nicht-kleinzellig (NSCLC)", DGHO, Stand April 2025. Quelle.