Wie das Korotkow-Geräusch im Arm entsteht
Die Manschette am Oberarm wird so weit aufgepumpt, dass sie die Arterie darunter vollständig zudrückt. Eine Arterie ist ein Blutgefäß, das das Blut vom Herzen weg in den Körper führt, in diesem Fall in den Arm. Solange sie ganz verschlossen ist, fließt dort nichts, und im Stethoskop bleibt es still.
Lässt der Druck langsam nach, kommt der Punkt, an dem das Herz mit jedem Schlag gerade stark genug drückt, um das Gefäß kurz aufzustoßen. Das Blut schießt durch den verbliebenen Engpass, bringt die Gefäßwand zum Schwingen und verwirbelt dahinter, und genau das ist als Klopfen hörbar. Eine Ultraschalluntersuchung an 23 Freiwilligen hat das sichtbar gemacht: Jedes dieser Geräusche dauert nur rund vier Hundertstelsekunden und fällt exakt mit dem Moment zusammen, in dem sich die Arterie öffnet. Sinkt der Druck in der Manschette weiter, bleibt sie schließlich dauerhaft offen, das Blut strömt wieder glatt hindurch, die Verwirbelung hört auf und mit ihr das Geräusch.
Was da klopft, ist deshalb nicht dein Puls, auch wenn es in seinem Takt kommt. Zu hören ist das Blut, das sich durch eine noch zu enge Stelle drängen muss.
Warum der obere und der untere Wert genau dort abgelesen werden
Das erste Klopfen ist der obere Wert
Der erste hörbare Ton zeigt den Druck an, bei dem das Herz die Manschette gerade eben überwindet. Das ist der systolische Wert, die obere der beiden Zahlen, benannt nach der Systole, der Auswurfphase des Herzens.
Stille steht für den unteren Wert
Verschwinden die Töne vollständig, fließt das Blut wieder ungehindert. Dieser Punkt gilt als diastolischer Wert, also als der Druck, der in der Entspannungsphase des Herzens übrig bleibt, der Diastole. Die europäische Praxisleitlinie legt beides eindeutig fest: der erste Ton für den oberen, das komplette Verstummen für den unteren Wert. Auf dem Befund steht das Ergebnis dann meist als RR mit diesen zwei Zahlen.
Die Ausnahme in der Schwangerschaft
Bei manchen Schwangeren verschwindet der Ton gar nicht, weil der Kreislauf deutlich mehr Blut umwälzt; das Klopfen bleibt bis hinunter zu null hörbar. In diesem Fall wird stattdessen der Moment genommen, in dem der Ton merklich leiser und dumpfer wird. Ob dieser Ablesepunkt die Blutdrucküberwachung in der Schwangerschaft tatsächlich verändert, ist allerdings offen. Eine Cochrane-Auswertung von 2020 fand keinen klaren Unterschied zwischen beiden Varianten und stuft die Aussagekraft der vorhandenen Daten als gering ein. Bevorzugt bleibt deshalb auch dort das vollständige Verschwinden des Geräuschs, das Leiserwerden ist nur die Ausweichlösung.
Womit heute wirklich gemessen wird
Nach der aktuellen europäischen Praxisleitlinie zur Blutdruckmessung, die die Deutsche Hochdruckliga im Oktober 2023 auf Deutsch herausgegeben hat, ist in der Arztpraxis inzwischen ein validiertes automatisches Oberarmgerät die erste Wahl. Das Abhören mit dem Stethoskop ist nur noch die Ausweichoption, wenn kein geprüftes Gerät zur Verfügung steht. Die Geräusche bleiben trotzdem der Maßstab, an dem sich alles andere messen lassen muss.
Dein Gerät zu Hause hört nämlich überhaupt nichts. Es registriert die winzigen Druckschwankungen, die der Blutstrom in der Manschette selbst auslöst, und rechnet daraus beide Werte aus. Fachlich heißt das oszillometrische Messung, von den Schwingungen, die dabei erfasst werden. Das ist ein völlig anderes physikalisches Prinzip, liefert aber vergleichbare Ergebnisse, solange das Gerät validiert ist, also in einer Prüfung gegen die klassische Methode bestanden hat. In einem Vergleich an 159 Patient:innen stimmte ein solches Gerät gut mit der Stethoskop-Messung überein, über einen ganzen Tag gemittelt sogar sehr gut. Ein Gerät, das in derselben Untersuchung mit Infrarotlicht statt über den Druck arbeitete, fiel dagegen komplett durch. Automatisch allein ist also kein Gütesiegel, geprüft und validiert ist die Bedingung.
Warum eine einzelne Messung schwanken kann
Die Manschette muss zum Arm passen
Eine für den Oberarm zu kleine Manschette liefert zu hohe Werte, eine zu große zu niedrige. Weil sich das leicht vermeiden lässt, schreibt die Leitlinie die Größe ausdrücklich vor: Der aufblasbare Teil muss zum Umfang deines Oberarms passen. Wenn du kräftige oder sehr schlanke Oberarme hast, frag in der Praxis ruhig nach, ob die passende Größe verwendet wird, und achte beim eigenen Gerät auf die Angabe zum Armumfang.
Zu schnelles Ablassen überspringt Töne
Die Luft soll mit etwa zwei bis drei Millimeter Quecksilbersäule pro Sekunde entweichen. Millimeter Quecksilbersäule, abgekürzt mmHg, ist die Maßeinheit, in der Blutdruck angegeben wird. Entweicht die Luft schneller, fällt der Druck zwischen zwei Herzschlägen zu weit ab, einzelne Töne werden schlicht übersprungen, und der abgelesene Wert stimmt nicht mehr.
Wenn die Töne zwischendurch aussetzen
Manchmal bricht das Klopfen kurz nach dem ersten Ton ab und setzt erst bei deutlich niedrigerem Druck wieder ein. Diese Pause heißt auskultatorische Lücke, wobei auskultatorisch nichts anderes bedeutet als abgehört mit dem Stethoskop. Gefährlich ist daran die Verwechslung: Wird die Manschette nur knapp über den erwarteten Wert aufgepumpt, beginnt das Zuhören unter Umständen erst beim Wiedereinsetzen der Töne, und der obere Wert landet viel zu niedrig im Protokoll. Wie oft so eine Lücke vorkommt, hängt vom Zustand der Gefäße ab. In einer Untersuchung an 50 Menschen mit systemischer Sklerose, einer Erkrankung, die die Gefäßwände steif werden lässt, hatte etwa ein Drittel eine solche Lücke; auf alle anderen lässt sich diese Häufigkeit nicht übertragen. Verhindern lässt sich der Fehler leicht, indem zuerst der Puls am Handgelenk getastet und die Manschette ein gutes Stück über den Druck hinaus aufgepumpt wird, bei dem der Puls verschwindet.
Dass eine einzelne Zahl schwankt, ist vor diesem Hintergrund völlig normal. Genau deshalb sieht die Leitlinie drei Messungen im Abstand von jeweils einer Minute vor, von denen der Durchschnitt der letzten beiden zählt. Ob aus erhöhten Werten ein Bluthochdruck wird, entscheidet ohnehin nie eine einzelne Messung.
Was das für deine eigenen Werte heißt
Das Korotkow-Geräusch selbst sagt nichts über deine Gesundheit aus, es ist ein normales Strömungsgeräusch. Was zählt, sind die beiden Zahlen, die daraus abgeleitet werden, und wie sauber sie zustande kommen. Wenn deine Werte zu Hause stark schwanken oder deutlich von denen in der Praxis abweichen, lohnt sich der Blick auf drei Dinge: ob dein Gerät validiert ist, ob die Manschette zu deinem Oberarmumfang passt und ob du im Rhythmus der drei Messungen misst. Am einfachsten klärt sich das beim nächsten Termin: Du nimmst dein Gerät gleich mit und lässt beide Messungen direkt nacheinander vergleichen.
Quellen
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