Hinterwandinfarkt: Anders als ein Vorderwandinfarkt

Hinterwandinfarkt: Anders als ein Vorderwandinfarkt

Ein Hinterwandinfarkt ist ein Herzinfarkt im hinteren, unteren Bereich der linken Herzkammer. Ein Herzkranzgefäß, das diesen Teil des Herzmuskels mit Blut versorgt, ist plötzlich verschlossen, und weil dort kein Sauerstoff mehr ankommt, geht Herzmuskelgewebe zugrunde. Im Arztbrief liest du dafür oft "inferiorer Myokardinfarkt", denn inferior heißt in der Medizin schlicht "unten gelegen", und Myokard ist der Fachausdruck für den Herzmuskel. Gemeint ist derselbe Notfall wie bei jedem Herzinfarkt, nur benannt nach der Stelle des Herzens, an der er passiert ist.

Was bei einem Hinterwandinfarkt im Herzen passiert

Die linke Herzkammer ist die Kammer, die das sauerstoffreiche Blut in den ganzen Körper pumpt. Ihre Hinterwand ist der Teil der Muskelwand, der nach unten und zum Rücken zeigt, und versorgt wird dieser Bereich meist von der rechten Herzkranzarterie, bei manchen Menschen auch von einem Seitenast der linken. Du kannst dir die Herzkranzarterien wie ein Netz feiner Schläuche vorstellen, die außen auf dem Herzen liegen und den Muskel von dort aus mit Blut durchziehen.

Ein Infarkt entsteht fast immer so: An einer Gefäßwand hat sich über Jahre eine Ablagerung aus Fett und Kalk gebildet, eine Arteriosklerose. Reißt die Oberfläche einer solchen Ablagerung ein, bildet sich innerhalb von Minuten ein Blutgerinnsel darüber und verschließt das Gefäß. Ab diesem Moment bekommt der Muskelbereich dahinter nichts mehr, und mit jeder Stunde, die vergeht, stirbt mehr davon ab. Genau deshalb entscheidet nicht nur die Stelle des Verschlusses über den weiteren Verlauf, sondern vor allem, wie schnell das Gefäß wieder geöffnet wird.

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Wie sich ein Herzinfarkt ankündigt

Am häufigsten ist ein anhaltender Druck, ein Brennen oder eine Enge hinter dem Brustbein, die nicht nach kurzer Zeit von selbst wieder verschwindet. Die Beschwerden können in den Arm, den Kiefer, den Hals, den Rücken oder den Oberbauch ausstrahlen, und oft kommen Atemnot, kalter Schweiß, Übelkeit, Todesangst oder eine plötzliche, unerklärliche Schwäche dazu. Wenn du solche Beschwerden bei dir oder bei jemand anderem bemerkst, ist das der Moment für den Notruf und nicht für Abwarten.

Diese typischen Beschwerden sind bei Frauen wie bei Männern die häufigsten, trotzdem gibt es Unterschiede. Eine systematische Auswertung von 74 Studien zeigt, dass Frauen im Mittel häufiger über Übelkeit, Erbrechen und Atemnot berichten und schon Tage vorher Vorboten wie ungewohnte Erschöpfung bemerken. Männer haben dafür häufiger einen stillen Infarkt, der gar nicht als solcher auffällt. Auch ältere Menschen und Menschen mit Diabetes spüren einen Infarkt oft weniger eindeutig.

Ein Hinterwandinfarkt fühlt sich deswegen aber nicht grundsätzlich anders an als ein Infarkt an anderer Stelle. Diese Vorstellung hält sich hartnäckig, belastbare Daten dazu gibt es nicht. Uncharakteristische Beschwerden verzögern die Erkennung bei jeder Art von Herzinfarkt, und das eigentliche Problem des Hinterwandinfarkts liegt woanders.

Warum diese Stelle im EKG leichter übersehen wird

Ein EKG, die Aufzeichnung der elektrischen Ströme des Herzens über Elektroden auf der Haut, ist die erste Untersuchung bei jedem Infarktverdacht. Das übliche EKG arbeitet mit zwölf Blickrichtungen auf das Herz. Drei davon schauen von unten auf das Herz, und ein Infarkt der unteren Wand zeigt sich dort in aller Regel direkt. Anders ist es bei dem Teil der Wand, der ganz nach hinten zum Rücken zeigt: Auf ihn schaut keine der zwölf Blickrichtungen.

Ein Infarkt in diesem hinteren Bereich zeigt sich im Standard-EKG deshalb oft nur indirekt, als spiegelbildliche Veränderung in den Ableitungen, die von vorne auf das Herz schauen. Wer darauf nicht achtet, kann ihn übersehen. Um diesen Teil der Wand direkt sichtbar zu machen, werden zusätzliche Elektroden gebraucht, die seitlich und auf dem Rücken angebracht werden. Das gehört zum kardiologischen Standardvorgehen bei entsprechendem Verdacht. Ergänzt wird das durch die Blutuntersuchung auf Troponin, ein Eiweiß aus dem Herzmuskel, das bei einer Schädigung ins Blut übertritt, und durch die Herzkatheteruntersuchung, die den Verschluss direkt zeigt. Wenn du dich fragst, warum in der Klinik mehrfach ein EKG geschrieben und mehrfach Blut abgenommen wurde, ist das der Grund.

Wenn die rechte Herzkammer mitbetroffen ist

Die Besonderheit dieser Infarktstelle liegt in ihrer Nachbarschaft. Weil die rechte Herzkranzarterie nicht nur die Hinterwand der linken Kammer versorgt, sondern auch große Teile der rechten Kammer, ist bei einem Hinterwandinfarkt oft beides gleichzeitig betroffen. Eine aktuelle kardiologische Übersichtsarbeit beziffert das auf bis zur Hälfte der Fälle. Eine Auswertung von zehn Studien mit insgesamt 4.326 Betroffenen kommt auf etwa 37 von 100 Männern und etwa 41 von 100 Frauen.

Wie sich das bemerkbar macht

Die rechte Kammer pumpt das Blut in die Lunge. Fällt ihre Kraft aus, kommt weniger Blut in der linken Kammer an, und der Blutdruck sackt ab, ohne dass sich Wasser in der Lunge staut. Dieses Bild aus niedrigem Blutdruck bei freier Lunge ist ungewöhnlich und kann die Einordnung zusätzlich erschweren. Dazu kommen häufiger ein sehr langsamer Puls, eine Bradykardie, Störungen der Reizweiterleitung im Herzen und Rhythmusstörungen.

Warum die Behandlung anders aussieht

Für die Behandlung macht das einen handfesten Unterschied, den du kennen solltest, wenn du einen solchen Befund vor dir hast. Beim Herzinfarkt werden sonst oft gefäßerweiternde Mittel wie Nitrate und entwässernde Medikamente gegeben, die das Herz entlasten, indem sie ihm weniger Blut zuführen. Ist die rechte Kammer beteiligt, ist genau das gefährlich, weil sie auf eine gute Füllung angewiesen ist. Stattdessen wird der Kreislauf mit Flüssigkeit über die Vene stabilisiert. Im gewöhnlichen EKG kann sich eine Beteiligung der rechten Kammer andeuten. Gezielt gesucht wird sie über zusätzliche Elektroden auf der rechten Brustkorbseite, ergänzt durch den Herzultraschall und das Kreislaufbild. Ohne diese gezielte Suche wird sie leicht übersehen. Beruhigend ist, dass sich die rechte Kammer nach Wiedereröffnung des Gefäßes bemerkenswert zuverlässig erholt, selbst nach längerem Verschluss und selbst nach schwerem Kreislaufversagen. Ein dauerhaftes Versagen ist die Ausnahme.

Hinterwandinfarkt oder Vorderwandinfarkt: Was ist schlimmer?

Diese Frage hat keinen Sieger, sondern zwei unterschiedliche Risikoprofile, die du getrennt betrachten musst.

Im Durchschnitt über viele Menschen hinweg ist der Vorderwandinfarkt der ungünstigere. Das Gefäß, das die Vorderwand versorgt, versorgt im Mittel den größten Muskelanteil der linken Kammer, sodass bei seinem Verschluss tendenziell mehr Herzmuskel betroffen ist. Eine große US-Auswertung von Krankenhausdaten erwachsener Infarktpatient:innen aus den Jahren 2010 bis 2015 zeigt das an einer gefürchteten Komplikation, dem Kreislaufversagen, bei dem das Herz den Körper nicht mehr ausreichend mit Blut versorgen kann. Dazu kam es beim Vorderwandinfarkt bei rund 14 von 100 Betroffenen, beim Hinterwandinfarkt bei rund 10 von 100. Und wenn es dazu kam, starben beim Vorderwandinfarkt im Krankenhaus etwas mehr Betroffene, rund 32 gegenüber rund 30 von 100. Der Unterschied ist messbar, aber keine dramatische Kluft, und diese Zahlen beschreiben Gruppen und nicht den einzelnen Menschen.

Der Hinterwandinfarkt ist deswegen keineswegs die harmlose Variante. Seine eigene Gefahr ist die Beteiligung der rechten Herzkammer, die es beim Vorderwandinfarkt in dieser Form nicht gibt und die eine andere Akutbehandlung verlangt. Beide sind lebensbedrohliche Notfälle, und bei beiden hängt der Ausgang vor allem daran, wie schnell behandelt wird. Wenn du in einem Befund das Wort inferior liest, heißt das also weder halb so schlimm noch schlimmer, sondern anders.

Bei Verdacht auf einen Herzinfarkt gilt der Notruf

Wähl in dieser Situation die 112. Nicht den ärztlichen Bereitschaftsdienst, nicht die Hausarztpraxis, nicht die eigene Fahrt in die Klinik und auf keinen Fall erst einmal abwarten, ob es besser wird. Das gilt auch dann, wenn die Beschwerden untypisch wirken oder du dir unsicher bist, ob es wirklich das Herz ist. Ein Fehlalarm ist folgenlos, eine verlorene Stunde nicht.

Dass Verzögerung Leben kostet, ist keine Redensart. In einem australischen Register mit 13.451 mit Herzkatheter behandelten Patient:innen mit vollständigem Gefäßverschluss kamen Frauen im Mittel knapp eine halbe Stunde später in die Klinik als Männer. Innerhalb von 30 Tagen nach dem Infarkt starben von ihnen rund 9 von 100 gegenüber rund 6,5 von 100 der Männer. In einer weiteren großen Registerauswertung verschwand dieser Unterschied, wenn zwischen den ersten Beschwerden und der Ankunft in der Klinik höchstens eine Stunde lag. Der Rettungsdienst kann außerdem unterwegs schon ein EKG schreiben, die Klinik vorbereiten und bei einem Herzstillstand sofort eingreifen, was im eigenen Auto niemand kann.

Wie ein Hinterwandinfarkt behandelt wird

Das erste Ziel ist immer, das verschlossene Gefäß so schnell wie möglich wieder zu öffnen. Die Zeit bis zu dieser Wiedereröffnung ist der wichtigste Faktor, der sich überhaupt beeinflussen lässt, und die aktuelle europäische Leitlinie stellt sie entsprechend in den Mittelpunkt. Je früher das Blut wieder fließt, desto mehr Herzmuskel bleibt erhalten. Das erklärt auch, warum in der Klinik alles sehr schnell geht und du als Angehörige oder Angehöriger anfangs kaum Zeit für Fragen bekommst.

Standard ist der Herzkatheter. Über ein Gefäß am Handgelenk oder in der Leiste wird ein dünner Schlauch bis zum Herzen vorgeschoben und die verschlossene Stelle mit einem kleinen Ballon aufgedehnt. Meist wird dabei ein Stent eingesetzt, ein feines Röhrchen aus Metallgeflecht, das das Gefäß offen hält. Zeigt das EKG das Bild eines vollständigen Gefäßverschlusses und ist ein Katheterlabor nicht rasch genug erreichbar, kommt eine Thrombolyse infrage, ein Medikament, das das Gerinnsel auflöst. Danach folgen einige Tage Überwachung, in denen vor allem der Herzrhythmus im Blick behalten wird, und wenn du im Entlassungsbrief liest, welches Gefäß betroffen war und wo ein Stent sitzt, ist genau dieser Eingriff gemeint.

Wie es nach dem Infarkt weitergeht

Mit dem geöffneten Gefäß ist die Behandlung nicht zu Ende. Zwei Bausteine bestimmen, wie es dir oder der Person, um die du dir Sorgen machst, in den nächsten Jahren geht.

Die Medikamente

Nach einem Infarkt gehört ein festes Bündel an Medikamenten zur Nachbehandlung, das dem Gefäß und dem Stent Zeit zum Ausheilen gibt und einem zweiten Infarkt vorbeugt. Auf dem Entlassungsplan findest du deshalb mehrere Präparate nebeneinander. Dazu zählen zwei Blutverdünner, die das Verklumpen der Blutplättchen hemmen und meist rund zwölf Monate zusammen gegeben werden. Dazu kommen ein Statin zur Senkung des Cholesterins und ein Betablocker, der das Herz ruhiger schlagen lässt. Häufig wird zusätzlich ein blutdrucksenkender ACE-Hemmer verordnet, bei Unverträglichkeit ein Sartan, vor allem wenn die Pumpkraft des Herzens gelitten hat. Diese Mittel eigenmächtig abzusetzen, weil es wieder gut geht, ist ein häufiger und gut vermeidbarer Fehler. Wenn du eines davon schlecht verträgst, ist das ein Grund für ein Gespräch in der Kardiologie, nicht fürs Weglassen.

Reha und Alltag

Eine kardiologische Rehabilitation wird nach einem Infarkt ausdrücklich empfohlen, und sie ist mehr als Sport. Dazu gehören ein angeleiteter, schrittweiser Belastungsaufbau und eine Schulung zu Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Rauchen, Diabetes und Cholesterin. Dazu kommt psychologische Unterstützung, denn Angst vor einem zweiten Infarkt ist nach so einem Ereignis nichts Ungewöhnliches. Wie schnell Alltagsbelastungen, Arbeit, Sport oder Sex wieder möglich sind, hängt stark vom Verlauf und von der verbliebenen Pumpkraft ab. Frag das genau dort nach, wo der Verlauf bekannt ist, in der behandelnden Kardiologie oder in der Reha-Einrichtung, und lass dir dabei auch sagen, ob die rechte Herzkammer mitbetroffen war und wie sie sich erholt hat. Mit diesen beiden Angaben lässt sich ein Hinterwandinfarkt-Befund für den Alltag einordnen.

Quellen

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Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und kann nicht das persönliche Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt ersetzen. Für eine individuelle Diagnose, Therapieempfehlung und Behandlung konsultieren Sie bitte immer medizinisches Fachpersonal.

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